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Formel 1 / Hintergrund

Finnen-Frise & Mercedes-Machtwort - Silverstone: Die Tops & Flops

Die Tops und Flops auf der Insel: Nico Rosberg ist der lachende Dritte, Williams vergeht das Lachen und Schumacher-Bezwinger Kimi Räikkönen gibt den Spaßvogel.
von Motorsport-Magazin.com Redaktion

Top: Mercedes kann nicht nur Monaco

Mercedes kann nur in Monaco gewinnen? Fehlanzeige seit Silverstone! Den Silberpfeilen gelang es diesmal eindrucksvoll das Vorurteil zu widerlegen, das Team könne nur auf engen Straßenkursen von der Pole gewinnen. Nico Rosberg trotzte dem Reifen-Massaker von Großbritannien souverän und sicherte sich den zweiten Sieg im dritten Rennen. Nicht ganz ohne Mithilfe von Sebastian Vettels Getriebe, aber wichtiger dürfte der Umstand gewesen sein, dass man Mercedes offenbar nun auch im Rennen zu den Top-Favoriten zählen muss. "Wir waren an diesem Wochenende unter normalen Umständen und auf einer anspruchsvollen Strecke im Qualifying und während des gesamten Rennens konkurrenzfähig - das ist für mich wahrscheinlich die beste Nachricht des Tages", brachte es Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff auf den Punkt.

Herr Rosberg im Glück - Foto: Sutton

Sicher, für Lewis Hamilton hatte das Rennen in Sachen Reifenmanagement alles andere als nach Plan begonnen. In Runde acht explodierte sein Reifen förmlich und damit auch seine Siegeschancen. Aber: Nach dem gezwungenen Boxenstopp gelang es dem Briten, bis zur 36. Runde draußen zu bleiben und die Pace der Konkurrenz mitgehen zu können. Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery hatte noch kurz vor Rennstart angekündigt, dass die Mercedes-Piloten je drei Stopps einlegen würden - Hamilton ließ sich davon nicht beeindrucken. Wenn Mercedes seine Qualifying-Stärke künftig konstant ins Rennen mitnehmen kann, sollten sich Red Bull und Co. schon einmal warm anziehen. Ein Schelm, der bei all dem an einen gewissen Reifen-Test vor ein paar Wochen in Barcelona denkt...

Top: Tiefflug-Duo Webber/Alonso

Nach dem Start war nicht unbedingt zu erwarten, dass Fernando Alonso und Mark Webber den Großen Preis von England auf den Plätzen zwei und drei beenden. Der Ferrari-Star fiel von neun auf zehn, der Australier sogar von P4 auf P15 zurück. Auf den 52 Runden brannten die beiden Spätstarter dann allerdings ein regelrechtes Feuerwerk ab. Vor allem in der furiosen Schlussphase nach dem letzten Safety-Car pflügten die Alonso und Webber in unwiderstehlicher Manier durchs Feld. Der Red-Bull-Pilot hätte sich sogar fast noch Rennsieger Nico Rosberg geschnappt - 0.7 Sekunden trennten ihn am Ende nur noch vom siegreichen Mercedes-Piloten. Die Vorstellungen der beiden Routiniers gehörten auf jeden Fall zu den absoluten Highlights in Silverstone.

Applaus für Fuchs Alonso - Foto: Sutton

Top: Räikkönen kassiert Schumacher

Kimi Räikkönen belegte in Silverstone den vierten Platz, was nicht unbedingt eine Erwähnung wert wäre, denn immerhin gilt der Iceman in der Regel als ein Kandidat für das Podium. Diesmal jedoch lohnt es sich, dem Finnen ein paar Extra-Zeilen zu widmen, schließlich glückte ihm das Kunststück, zum 25. Mal in Folge in die Punkteränge zu fahren, womit er Altmeister Michael Schumacher diesen Rekord abjagte. Da kann man nur den Hut ziehen, was sich auch viele Fans von Räikkönen gewünscht hätten, damit er endlich preisgibt, welch spektakuläre neue Frisur er unter seiner Kappe trägt.

Top: Ricciardo, das fliegende Känguru

Seit bekannt ist, dass Daniel Ricciardo offiziell als Nachfolgekandidat von Mark Webber bei Red Bull gilt, blüht der Australier so richtig auf. Im Qualifying stellte er seinen Boliden auf den starken fünften Startplatz und gab auch im Rennen lange Zeit eine gute Figur ab, indem er sich wacker im Vorderfeld hielt. Dass schlussendlich lediglich Rang acht heraussprang, war einem strategischen Fehler von Toro Rosso geschuldet, denn man entschied sich, Ricciardo in der letzten Safety-Car-Phase nicht an die Box zu holen, sodass er auf alten Reifen gegen die Konkurrenz chancenlos war.

"Das war ein chaotisches Rennen, und für die meiste Zeit lag ich in einer wirklich starken Position", äußerte er sich zufrieden und versuchte, deutlich zu machen, dass er an Zeitverlusten keine Schuld trage. "Wir waren schneller als Ferrari, deshalb ist es ein bisschen enttäuschend, hinter ihnen anzukommen, speziell hinter Massa, der ja ein Reifenproblem hatte." Trotz der Enttäuschung gelang es dem 23-Jährigen erneut, ein Empfehlungsschreiben in Richtung Red Bull abzuschicken und auch beim Weltmeisterteam wird man mit Wohlwollen registriert haben, dass die eigene Nachwuchsabteilung interessante Personalien zu bieten hat.

Flop: Kimis Frisur bleibt geheim

Es dürfte das am besten gehütete Geheimnis der Formel 1 sein: Welche Frisur trägt Kimi Räikkönen derzeit? Seit Donnerstag rätselt das Fahrerlager über die Finnen-Frise und der Eismann machte sich wieder einmal einen Spaß daraus, alle im Dunkeln tappen zu lassen. Kimi cool: "Erst, wenn ich auf das Podium fahre, nehme ich meine Kappe ab." Da stellt sich rückblickend die Frage: War Räikkönen von Startplatz acht so überzeugt davon, in Silverstone aufs Podium zu fahren, dass er es mit seiner Kundgebung nicht allzu eilig hatte? Oder ging etwa beim Friseur etwas schief und Kimi traute sich einfach nicht mit seiner neuen Matte an die Öffentlichkeit?

Was versteckt der Kimi nur? - Foto: Sutton

In diesem Fall dürfte er sich doppelt geärgert haben, dass Mark Webber ausgerechnet am Donnerstag seinen F1-Abschied bekanntgab und alle Welt sich auf Räikkönen als dessen potenziellen Nachfolger stürzte. Da der schnelle Finne in den letzten Runden bis auf P5 durchgereicht wurde, muss sich die Motorsportwelt mindestens bis an den Nürburgring gedulden, um einen genauen Blick auf den Räikkönen-Look werfen zu können. Zum Glück wachsen Haare innerhalb einer Woche nicht allzu sehr.

Flop: Williams-Rechenspielchen geht nicht auf

Williams sorgte vor dem Rennwochenende in Silverstone für kollektive Verwirrung. Eigentlich sollte das Traditionsteam am Nürburgring seinen 600. Grand Prix in Angriff nehmen, doch die Truppe entschied sich kurzfristig dazu, das Jubiläum auf das Heimrennen in Großbritannien vorzuverlegen. Claire Williams kramte extra noch einmal in den Annalen und fand ein Rennen aus den 80er-Jahren, mit dem man den Plan glaubwürdig durchführen konnte. Macht sein einfach besser vor heimischem Publikum, so ein 600. Rennen - da freuen sich vor allem die Sponsoren.

Jubiläum ohne Feier - Foto: Sutton

Noch besser wäre es aber, bei diesem so besonderen Ereignis auch noch etwas Zählbares mitzunehmen. Doch am Ende schafften es Pastor Maldonado und Valtteri Bottas wieder einmal, an den Punkterängen vorbei zu schrammen. Zum achten Mal in Folge ging das Williams-Duo leer aus, ein katastrophaler Start in die Saison. Diesmal war es richtig knapp: Maldonado und Bottas landeten am Ende auf den Plätzen 11 und 12. Doch von 'knapp' kann sich das Team nichts kaufen und vielleicht wäre es besser gewesen, den 600. doch erst in der Eifel zu feiern. Claire Williams sollte noch einmal die Geschichtsbücher aufschlagen, vielleicht findet sich ja ein anderer netter Rahmen für die angepeilte erste Punktefahrt.

Flop: Spitzen-Pechvögel

Acht Runden lang führte der Silberpfeil das Feld an - dann knallte es! Lewis Hamiltons linker Hinterreifen sorgte für ein paar spektakuläre Bilder, als er förmlich explodierte und sich umherfliegende Reifenfetzen auf dem Asphalt breit machten. Ein Raunen auf den gut gefüllten Tribünen, als sich der Lokalmatador in Führung liegend auf drei Rädern an die Box schleppen musste. Gleichzeitig machte sich ein kollektives Grinsen unter den Zuschauern mit den Red-Bull-Kappen breit, denn nach Hamiltons Zwangsaufgabe führte Sebastian Vettel das Feld plötzlich kampflos an. Der Weltmeister schickte sich in der Folge an, seinen zweiten Sieg in Folge zu feiern. Dann Runde 42: Vettel wird langsamer, Vettel stoppt, Vettel fällt aus.

Vettel: Vorzeitiger Feierabend - Foto: Sutton

Das Getriebe versagte seinen Dienst und brachte den Heppenheimer und die Bullen-Fans um den erwarteten Erfolg. Wenn zwei es nicht hinbekommen, freut sich der Dritte: Nico Rosberg hatte zu diesem Zeitpunkt seine Hoffnungen auf den Sieg bereits in der Boxengasse abgeliefert, doch plötzlich rettete er die Silberpfeil-Ehre. Unverhofft kommt oft und so sackte der Mercedes-Pilot seinen zweiten Saisonsieg nach Monaco ein - wenn's läuft, kommt eben auch mal Glück hinzu.

Flop: Das Reifen-Massaker

Nach sage und schreibe 17 Reifenschäden an acht Rennwochenenden 2013 sind die Reifen nicht nur der Flop des Wochenendes sondern eigentlich schon des Jahres - fünf Reifenplatzer gingen nun allein auf das Konto des Großbritannien Grand Prix in Silverstone. Schon nach wenigen Runden ging das Dilemma los - zum Unmut der vielen Fans vor Ort erwischte es dabei ausgerechnet den in Führung liegenden Lokalmatador Lewis Hamilton. Als wenige Minuten später Felipe Massa fast an der gleichen Stelle mit fast dem gleichen Problem in spektakulärer Manier von der Strecke kreiselte, war die F1 nicht weit von einem Rennabbruch entfernt. Schlussendlich verzichtete man auf diesen... und riskierte somit mutwillig die Gesundheit der Piloten. Wo ist der Mut vergangener Tage hin, als man vor gar nicht allzu langer Zeit in Indianapolis 2005 einfach auf die Sicherheit setzte und mit den damals problematischen Michelin-Reifen in der Box blieb?

Der hat doch wohl nen' Reifen ab! - Foto: Sutton

Manch Fahrer hätte sich das wohl auch am Sonntag gewünscht, denn auch bei Jean-Eric Vergne und Sergio Perez (beim Mexikaner nach einem ersten Vorfall im Training sogar zum zweiten Mal an diesem Wochenende) explodierten im weiteren Rennverlauf noch die Pneus. Doch nicht nur sie waren in den jeweiligen Situationen gefährdet, auch die hinterherfahrenden Kimi Räikkönen und Fernando Alonso bekamen zum Schrecken dazu auch noch ein paar Gummi- und Karbonteile vom in Mitleidenschaft gezogenen Unterboden ab. Dass das Essen auf der Insel nicht das beste ist, ist bekannt... aber Gummifetzen im Mund? Wohl bekommt's... das muss nun wirklich nicht sein. Genauso wenig wie Heerscharen an Streckenposten auf der Piste, die aufräumen müssen - und wenn schon, dann doch bitte im Schottenrock wie 2003 geschehen, als Pater Cornelis Horan in England die F1 heimsuchte...