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Formel 1 / Interview

Kimi ist ein intergalaktisches Talent - Christian Danner

Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner sieht Lotus und Ferrari nach den Freitagstrainings an der Spitze. Red Bull hat weiterhin Reifenprobleme.
von Karin Sturm

Motorsport-Magazin.com - Nachdem du beim Freien Training wieder an der Strecke warst, was ist deine Erkenntnis?
Christian Danner: Zwei Autos sind schlecht - der Caterham und der Williams. Alle anderen sind ganz ok. Natürlich sind diese Autos nicht alle gleich schnell, aber das sieht man deutlich. Sonst sieht man, dass die üblichen Verdächtigen, Ferrari und Lotus, sehr, sehr schön anzuschauen sind. Das heißt, das Auto muss sehr angenehm zu fahren sein, das merkt man. Red Bull ist natürlich auch schnell und super und man sieht, dass das Auto Grip ohne Ende hat. Nur auf Longruns - zumindest wie ich es heute Vormittag gesehen habe - kommt er nicht ganz mit.

Der Kimi ist ein intergalaktisches Talent. Der kann sich auf Sachen einstellen, die auf ihn zukommen.
Christian Danner

Wo liegt das Problem bei Red Bull? Immer noch am Reifenverschleiß?
Christian Danner: Das Ergebnis ist natürlich, dass das Auto mehr Reifen braucht, als Ferrari oder Lotus. Nur, woran das liegt - und das ist das eigentlich Interessante - kann ich beim besten Willen nicht sagen, keine Ahnung.

Glaubst du, dass Red Bull das noch in den Griff bekommt?
Christian Danner: Logisch. Warum denn nicht? Wie Kimi [Räikkönen] immer so schön sagt: 'Es ist keine Raketenwissenschaft'.

Du hast dich auch schon bei Paul Hembery umgehört und erfahren, dass Kimi diese Dinge anders angeht...
Christian Danner: Kimi ist ein intergalaktisches Talent. Er kann sich auf Sachen einstellen, die auf ihn zukommen. Man muss sich das mal vorstellen: Er hat ein Comeback gefeiert - nach zwei Jahren Pause - mit Autos, die auf einmal mit 150 Kilogramm Sprit vollgetankt waren, mit einem Reifen, der überhaupt nichts mit dem zu tun hatte, was er kannte, mit einem Auto, das von seiner Art und Weise ganz anders zu fahren war und er war sofort, aus dem Stand, dabei. Er hat auch keine Tests bestritten - Michael Schumacher ist tagelang mit einem GP2-Auto gefahren. Kimi hat gar nichts gemacht, er hat sich einfach reingesetzt, ist losgefahren, war sofort schnell, hat gewusst, was er machen muss und konnte es auch immer umsetzen. Das sind Dinge, die letztendlich so kompliziert nicht sind: wie lenke ich, wie gebe ich Gas, wie setzte ich das Auto um, wie viel Rutschwinkel kann ich fahren, damit der Reifen noch hält und nicht leidet. Das hat er alles innerhalb von nullkommanix gespürt. Das sieht man hier auch. Jetzt ist der Reifen wieder weicher, hat eine andere Konstruktion - und wer hat von Anfang an damit überhaupt keine Probleme? Kimi. Das heißt, er muss über Talent verfügen und muss sich besser darauf einstellen können, als die meisten anderen. Die anderen Piloten können das auch, aber sie brauchen mehr Zeit dazu.

Es ist ja nicht nur, dass man da vom Fahrstil her was macht. Es ist natürlich auch ein Zusammenspiel, wie dir deine Crew das Auto hinstellt, dass das funktioniert.
Christian Danner

Du meinst also, Kimi hat es am schnellsten kapiert, aber die Topleute werden es in den nächsten Rennen auch noch hinbekommen?
Christian Danner: Ja. Und es ist ja nicht nur, dass man da vom Fahrstil her was macht. Es ist natürlich auch ein Zusammenspiel, wie dir deine Crew das Auto hinstellt, dass das funktioniert. Da gehören schon zwei Komponenten dazu und das passt einfach bei Lotus.

Was gibt es zu Mercedes zu sagen?
Christian Danner: Gut, die haben sich redlich bemüht, indem sie heute Morgen die Autos mit Sprit vollgefüllt haben und dann die Fahrer über das Normale hinaus haben fahren lassen. Und das ist meiner Meinung nach auch richtig, weil die auch mal merken müssen, was los ist. So richtig auf die Distanz geht das Auto noch nicht - glaube ich. Man sieht schon Tendenzen an einem Freitag, aber es sind eben nur Tendenzen.

Bei McLaren hat sich nicht viel getan...
Christian Danner: McLaren ist furchtbar. Ich sag mal so: Wenn du auf der Strecke die Autos beobachtest, siehst du, dass der Lotus relativ viel 'Ride' hat. Was ist Ride? Ride ist die Bewegung der Aufhängung. Die Aufhängung bewegt sich relativ viel, das Auto relativ wenig. Bei McLaren ist das genaue Gegenteil der Fall - der schaut aus, als hätte er gar keine Federn und Dämpfer, sondern Eisenstangen drinnen und das wird alles über die Reifen abgefedert. So schaut es aus, es ist natürlich nicht so. Das sind zwei komplett unterschiedliche Arten, ein Auto abzustimmen. Der Lotus ist so ein bisschen auf der weichen Seite, mit viel Federweg und der McLaren ist total auf der harten Seite - mit Eisenstangen.

Das Wetter spielt hier 24 Stunden eine Rolle, genau wie überall anders auch. Blöde Antwort, aber es ist halt so.
Christian Danner

Inwieweit glaubt du, wird das Wetter hier noch eine Rolle spielen?
Christian Danner: Das Wetter spielt hier 24 Stunden eine Rolle, genau wie überall anders auch. Blöde Antwort, aber es ist halt so. Du hast hier zwei Problemkreise: Auf der einen Seite hast du eine Strecke, die sehr, sehr viel Grip hat, demnach den Reifenabrieb stark fördert und du hast gleichzeitig lange Kurven, die sehr viel Last auf die Reifen bringen. Das heißt, es ist nicht nur, dass der Belag sehr rau ist, sondern es kommt auch noch dazu, dass während der Kurvenfahrt die jeweils kurvenäußeren Reifen extrem belastet sind, dadurch, dass es hohe Geschwindigkeiten sind. Und als das nicht schon genug wäre, kommt dann natürlich noch die Temperatur dazu. Ich meine, wir haben hier auf jeden Fall 50 Grad Asphalttemperatur, und da ist es schon schwierig den richtigen Kompromiss zu treffen. Und jetzt kommt dein Wetterthema dazu: Jetzt hast du den Problemkreis vielleicht einigermaßen gelöst, oder halbwegs gelöst, jetzt kommt da noch einer, der es dir fast unmöglich macht, zwischen Intermediates und Heavy-Wets zu entscheiden, weil du nie weißt, was das Wetter macht. Der Schauer heute war mini, der Schauer gestern war Sintflut, aber das weißt du vorher nie. Du kannst ja nie wissen, wie viel Wasser jetzt im Himmel ist. Das heißt, es ist schon nicht so ganz einfach.


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