Ganz so einfach wie gedacht war es dann doch nicht, sich mit ihm auf einen Kaffee zu treffen: "Komm einfach mal vorbei, ich bin den ganzen Tag da", hatte Tommi gesagt. Doch dann war er am Donnerstag Abend natürlich erstmal doch nicht da, sondern mit seinem Chef auf der Strecke. Ein bisschen lockeres Training wie Tommi Pärmäkoski, der Physiotherapeut und Trainer von Sebastian das nennt.
Ein Zwei-Runden-Lauf, gute elf Kilometer in knapp unter 55 Minuten. Ganz locker eben für einen wie Vettel, der "wenn er richtig pusht, die zehn Kilometer auch in 35 Minuten laufen kann", wie Tommi sagt, "und da habe ich dann schon so meine Probleme mitzuhalten. Aber wenn er nicht besser wäre als ich, dann würde ich einen schlechten Job machen."
Seit der Pressekonferenz nach dem Gewinn des zweiten WM-Titels von Vettel ist der 28-jährige Finne, dem viele eine gewisse optische Ähnlichkeit mit Kimi Räikkönen nachsagen, auch einer breiteren Öffentlichkeit ein Begriff. Denn da bedankte sich Sebastian Vettel ausdrücklich bei seinem Physio, "der für mich gerade in diesem Jahr sehr wichtig war. Er ist der Mann, der mich immer mal wieder auf den Boden holt." Denn Tommi, der es als Eishockey-Torwart einst bis in die zweite finnische Liga und zu einem US-College-Stipendium schaffte, "aber ganz zur Spitze hat es doch nicht gereicht", ist nicht nur Physiotherapeut und Trainer, er legt auch großen Wert auf die mentale Seite des Sports.
Auf die richtige Mischung aus Selbstbewusstsein, Ausgeglichenheit und auch Selbstkritik und Vorsicht, genauso wie auf die Möglichkeit, durch mentale Stärke physische Grenzen überwinden zu können. Er hat schließlich neben Sportwissenschaften auch Psychologie studiert, ehe er in einem finnischen Olympia-Leistungszentrum arbeitete. "Dort habe ich dann Aki Hintza, den McLaren-Arzt, kennengelernt - und der hat mich in die Formel 1 gebracht."

Seit Ende 2008 arbeitet er jetzt mit Vettel zusammen - und es passte auf Anhieb: "Man kann das nicht immer sagen, aber ich hatte vom ersten Moment, wo wir uns getroffen haben, ein sehr gutes Gefühl. Die Art, wie Sebastian auf einen zugeht, wie er einem die Hand gibt, einem in die Augen schaut, das sagt schon sehr viel aus." Und dann, wenn es um etwas gehe, "dann sieht man sofort das Feuer in seinen Augen, seine Entschlossenheit." Was ihn an Vettel besonders beeindruckt: "Er ist ein unheimlich harter Arbeiter - und er war das auch früher schon."
"Er weiß, dass man nur so vorwärtskommt, wenn man sich ständig neue Ziele setzt, sich immer weiter verbessern will - und dann auch dementsprechend daraufhin arbeitet." So sei zum Beispiel Vettels Ausdauerfitness von Anfang an sehr gut gewesen, "es ist also mehr darum gegangen, das gesamte Traingskonzept auszubalancieren, gewisse Schwachstellen, die er etwa im Bereich der Nacken- und Rückenmuskulatur noch hatte, anzugehen." Vettels Perfektionismus, sein Anspruch, alles zu verstehen und zu analysieren, zeige sich auch im Training.
"Er will alles genau wissen, verstehen, warum wir was wie machen. Damit fordert er auch mich, hebt auch meine Arbeit auf ein höheres Niveau", sagt Tommi. An die 300 Tage im Jahr verbringen die beiden zusammen, an den Rennstrecken und zu Hause in der Schweiz, wo Pärmäkoski in der Nähe von Vettel wohnt. "Fast schon wie eine Ehe", lacht er - wenn man über so lange Zeit so viel zusammen ist, ist es natürlich unglaublich wichtig, dass die Chemie stimmt.
Gute Freunde
"Wir sind wirklich gute Freunde - wobei es wichtig ist, dass man das in der Zusammenarbeit auch mal außer acht lassen kann. Zum Beispiel, wenn ich doch mal streng sein muss." Auch den Fall gebe es tatsächlich "dass Sebastian auch mal einen schlechten Tag hat, dass er keine Lust hat, dass ich ihn antreiben muss." Das sei allerdings sehr selten, "häufiger kommt es vor, dass man ihm sagen muss, er solle doch jetzt mal loslassen, sich entspannen, sich mit etwas ganz anderem als mit Rennen und Training befassen soll."
Dass Vettel ihm in Suzuka öffentlich gedankt hat, hat Tommi schon überrascht, "aber natürlich auch sehr gefreut. Und meine Eltern in Finnland waren schon stolz. Aber ich glaube wirklich, dass Sebastian seinen Titel doch einerseits hauptsächlich sich selbst, seinen eigenen Leistungen, verdankt - und dass es außerdem in seinem Umfeld eine Menge noch wichtigerer Leute als mich gibt, denen er danken könnte," findet er. Bescheiden und mit den Füßen auf dem Boden, wie sein Chef eben...

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