Nico Rosberg wagt, was vor ihm noch kein Fahrer absichtlich riskiert hat: der Silberpfeil-Pilot fuhr im Q3 mit der härteren, aber langsameren Reifenmischung, mit der er am Sonntag auch in den Italien Grand Prix starten muss. Alex Wurz und Christian Danner sehen diese Strategie als interessant an. Rosberg selbst wollte sich kurz nach dem Qualifying nicht ausgiebig zu seinem mutigen Herangehen äußern.

Später spielte er die Gefahren der Strategie herunter: "Wir haben es uns sehr genau angesehen und wenn alles normal läuft, ist diese Strategie mindestens genauso gut wie die andere", meinte er. "Es gibt also keinen Nachteil." Andererseits könne die Strategie unter bestimmten Umständen sehr gut funktionieren, etwa wenn das Safety Car ausrückt oder die Blasenbildung schlimmer als erwartet ausfällt.

In diesem Fall könnte sich Rosbergs Strategie auszahlen. "Dann wäre es ein immenser Vorteil und gleichzeitig gibt es keinen echten Nachteil", hält Rosberg den Versuch für wert. "Wenn es nicht aufgeht, bin ich dort, wo ich immer bin – hinter den Top-3-Teams." So habe er immerhin die Chance, vielleicht etwas besser abzuschneiden.

Umgedrehte Strategie

"Das ist eine sehr spannende Geschichte", sagt Christian Danner gegenüber Motorsport-Magazin.com. Bislang hat noch kein Fahrer im Top-10-Qualifying eine solche Taktik angewendet. "Aber viele Fahrer, die im Q2 oder vorher ausgeschieden sind, konnten damit von hinten mit neuen, besseren und frei gewählten Reifen viele Plätze gutmachen", erinnert Alex Wurz im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

In dieser Hinsicht ergibt Rosbergs Strategie für den Österreicher durchaus Sinn. "Für den Sieg oder einen Podestplatz wird es nicht reichen, aber bis auf Platz vier kann er sicher vorfahren", glaubt Wurz. Die Grundlage für die Strategieentscheidung legte das Team in den Freitagstrainings. "Er hat schon am Freitag versucht, mit den weichen Reifen extrem lange zu fahren", verriet Marc Surer im Interview mit Motorsport-Magazin.com. "Sie spekulieren wohl darauf, dass nur ein Stopp möglich ist."

Dem widerspricht Teamchef Ross Brawn, der mehrmals darauf hinwies, dass Rosberg neben dem harten Startsatz auch noch zwei brandneue, weiche Reifensätze gespart hätte. "Beide Reifen könnten einen starken Abbau aufweisen", fürchtet Brawn. "Der härtere Reifen ist langsamer, aber etwas haltbarer."

Strategie-Wechsel möglich

Mercedes dreht deshalb die Verwendungsreihenfolge um. So kann Rosberg zu Rennbeginn mit viel Benzin im Tank auf der härteren Mischung fahren, um danach zu einem ähnlich guten Schlussspurt anzusetzen wie sein Teamkollege Michael Schumacher in Spa. Dort verlor Rosberg den Platz an Schumacher vor allem wegen der unterschiedlichen Reifenwahl – diesmal fällt sie anders herum aus. Schumacher startet auf weich, Rosberg auf hart.

Brawn glaubt deswegen: "Nicos Ausgangslage ist sehr gut und es wird interessant, zu sehen, wie sich das Rennen für ihn entwickelt." Force-India-Ersatzfahrer Nico Hülkenberg sieht noch einen Vorteil der Strategie, selbst wenn Mercedes vorerst mit zwei Stopps planen sollte: "Wenn die harten Reifen länger halten, kann er während des Rennens auch auf eine Einstopp-Strategie wechseln", merkt Hülkenberg gegenüber Motorsport-Magazin.com an. "Das wird bei den anderen auf weichen Reifen deutlich schwieriger."

Die große Frage ist, wie gut Rosberg zu Rennbeginn und später auf abgefahrenen harten Reifen gegen die Konkurrenz auf frischen weichen Reifen mithalten kann. Ex-Weltmeister Niki Lauda glaubt nicht, dass der silberne Strategiepoker aufgehen wird. "Es ist einen Versuch wert, aber ich glaube nicht, dass es klappt", lautete seine Analyse gegenüber Motorsport-Magazin.com. Laudas Begründung: "Bei dieser Hitze sind die Mercedes im Renntrimm nicht die Schnellsten."