Es ist das Ende einer Ära im deutschen Motorsport: Mercedes-AMG und die HWA AG gehen zum Jahresende getrennte Wege. Ab Januar 2026 übernimmt das 100-prozentige AMG-Tochterunternehmen namens Affalterbach Racing GmbH vollumfänglich die Rolle des Entwicklungsdienstleisters für sämtliche Motorsportaktivitäten mit Ausnahme der Formel 1 - eine Rolle, die zuvor HWA seit dem Jahr 1998 durchgängig innehatte.
Das von AMG-Mitgründer Hans Werner Aufrecht ('HWA') ins Leben gerufene Unternehmen entwickelte sowohl die DTM-Autos während der Class-1-Zeiten als auch sämtliche GT3-Kundensportwagen, angefangen mit dem Mercedes-Benz SLS AMG GT3 (2011-2015) bis hin zum 'aktuellen' Mercedes-AMG GT3 (seit 2016, Evo-Update 2020), von dem dieses Jahr das 300. Modell ausgeliefert wurde. Die Entwicklung des GT3-Nachfolgers übernimmt erstmals die hauseigene Affalterbach Racing GmbH.
HWA und Mercedes-AMG: 80.000 Teile für 100 Teams
HWA baute zudem die weiteren Kundensport-Fahrzeuge der Klassen GT2 und GT4, diverse Sondermodelle und - das war in der Öffentlichkeit selten ein Thema - kümmerte sich um die globale Ersatzteilversorgung. Ein Blick auf die Zahlen zeigt das enorme Ausmaß dieser Aufgabe: HWA kommissionierte jährlich 80.000 Motorsport-Artikel an die rund 100 Mercedes-Kundenteams weltweit. Das Ersatzteillager umfasste mehr als 25.000 unterschiedliche Produkte.
Einen Namen hatte sich HWA zuvor in der DTM als bis heute erfolgreichstes Team in der über 40-jährigen Geschichte des Traditionsserie gemacht: Seit dem Comeback im Jahr 2000 gewannen die Affalterbacher als Werksteam von Mercedes-Benz elf Team-Titel und acht Fahrer-Meisterschaften (mit Bernd Schneider 2000, 2001, 2003 und 2006, mit Gary Paffett 2005 und 2018, mit Paul Di Resta 2010 und mit Pascal Wehrlein 2015). Nach dem Werksausstieg von Mercedes entwickelte HWA die Class 1 Aston Martin Vantage für R-Motorsport und stieg unter eigenem Namen in die Formel E ein.

HWA-CEO: "Programm von außergewöhnlicher Qualität und weltweiter Reputation"
"Das Vertrauen, das uns Mercedes-AMG über viele Jahre entgegengebracht hat, war die Grundlage dafür, ein Programm von außergewöhnlicher Qualität und weltweiter Reputation aufzubauen", sagt Martin Marx, seit 2023 HWA-CEO und zuvor in leitenden Funktionen beim DTM- und Kundensportprogramm, zum Abschied. "Wir bedanken uns bei Mercedes-AMG für diese gemeinsame Zeit - insbesondere für die unternehmerische Freiheit, Verantwortung ganzheitlich zu übernehmen und das Programm inhaltlich wie operativ weiterzuentwickeln."
Der Affalterbach Racing GmbH steht nun eine Mammutaufgabe bevor, sowohl den Kunden-Support nahtlos fortzuführen als auch das neue GT3-Auto zu entwickeln. 75 bis 80 Mitarbeiter sind laut Christoph Sagemüller, Leiter Mercedes-AMG Motorsport, aktuell an Bord.
Ein Großteil der Belegschaft stamme von HWA, das zuletzt knapp 300 Mitarbeiter beschäftigte und seit geraumer Zeit ein Kostensenkungs- und Transformationsprogramm umsetzt. Im April 2024 wies die HWA AG ihre Aktionäre darauf hin, keinen Entwicklungsauftrag für das neue GT3-Auto zu erhalten. Im Juli begannen die Verhandlungen mit Mercedes-AMG über den Verkauf des Kundensport-Geschäfts.
AMG-Motorsportchef Sagemüller: "Da ist Druck auf dem Kessel"
"Die HWA AG hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass wir heute schon ein sehr gutes Service-Level haben und unser System stabil läuft", sagte Sagemüller zu Motorsport-Magazin.com und bedankte sich beim langjährigen Partner aus der direkten Nachbarschaft. "Uns ist bewusst, dass es auf Anhieb nicht so einfach ist, alles besser zu machen. Aber das ist eines unserer Ziele. Auch, dass wir das Know-how und noch mehr Kontrolle über die Performance und den Service in unserem System haben."
Sagemüller weiter: "Wir starten nicht bei null. Wir haben eine gute Basis, auf der wir aufbauen können. Dennoch wird es eine Herausforderung. Wir betreiben eines der größten Kundensportprogramme der Welt. Da ist Druck auf dem Kessel. Das müssen wir auch nicht schönreden. Deshalb sage ich: Es wird nicht ab Tag 1 alles besser werden als es je war. Es wird schon hart."
In Zahlen ausgedrückt: Allein dieses Jahr absolvierten Mercedes-AMG-Kundenteams rund um den Globus 435 Rennen und insgesamt 1.368 Rennstarts mit Fahrzeugen der Klassen GT3, GT4 und GT2. "Beim Aufbau sind wir im Plan mit Manpower und den Themen, die wir fertig haben müssen", versicherte Sagemüller. "Wir sourcen seit über einem halben Jahr Teile, die Lager sind dann eigentlich sehr gut gefüllt. Für das, was wir heute sehen, sind wir gut vorbereitet."
Von HWA zu Affalterbach Racing GmbH: Was ändert sich?
Viel Vorbereitungszeit bleibt der Affalterbach Racing GmbH unter der Leitung der Geschäftsführer Dr. Marco Lochmahr (zuletzt Entwicklungschef für den Supersportwagen Mercedes-AMG ONE) und Bastian Wennagel (zuständig für Finanzen & Controlling) nicht: Bereits in den ersten Monaten des neuen Jahres stehen wichtige Rennen wie die 24 Stunden von Daytona oder das 12-Stunden-Rennen von Bathurst auf dem Programm. Als After-Sales-Partner fungieren weiterhin Multimatic (USA), Top Speed (Asien) und neu Tigani (Australien und Neuseeland).
Das HWA-Aus und der Neuanfang der Affalterbach GmbH sind zwar bekannt, sollen für die Kunden aber so wenig wie möglich spürbar sein. "Dafür haben wir uns eingesetzt: Die Betreuung durch das Kundensportteam bleibt gleich", versicherte AMG-Kundensportleiter Stefan Wendl gegenüber Motorsport-Magazin.com. "Wir erhöhen unsere Präsenz vielleicht sogar an den Rennstrecken, gerade in der Anfangszeit, um dicht dran zu sein und bei allen Themen, die wir verbessern müssen, schnell Feedback zu geben."

HWA-Zukunft: Legenden-Benz steht in den Startlöchern
Und was bleibt der HWA AG nach der Mercedes-Ära? "Wir waren Teil eines Erfolgsprojektes, welches bis heute unerreicht ist und sind sehr dankbar, dass wir mit unserer Arbeit einen großen Teil dazu beitragen durften", sagte HWA-Technikchef Gordian von Schöning, der längst am nächsten Projekt arbeitet - dem Aufbau des HWA EVO, einer Neuinterpretation des ikonischen Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evolution II.
Der auf 100 Einheiten limitierte, über 700.000 Euro teure HWA EVO ist das aktuelle Prestige-Objekt und soll an die 90er-Jahre in der DTM erinnern, als Mercedes-Benz einen Titel nach dem anderen abräumte. Das Chassis mit der Nummer 000 wurde bereits für 1.310.000 Euro versteigert.
HWA plant sogar eine Renn-Version des Fahrzeuges für den Start beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring 2026 in der SP-X-Klasse. Parallel dazu bauen HWA-Ingenieure den Supersportwagen DeTomaso P72 auf und entwickeln den Antriebsstrang für den Pagani Huayra R Evo - es bleibt also auch in Zukunft PS-lastig in den Heiligen Hallen von Affalterbach.



diese DTM Nachricht