Die DTM arbeitet an einem Comeback in Berlin. Das ist bereits seit einigen Monaten bekannt. Und dieses soll nicht irgendwo erfolgen, sondern am stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof, wo auch die Formel E gastiert. In Partnerschaft mit der Elektro-WM soll die DTM im Idealfall so mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Avus in Deutschlands Hauptstadt zurückkehren.

Unklar blieb dabei bislang aber noch, in welchem Format ein gemeinsames Event der beiden Rennserien verwirklicht werden soll. Jetzt ist klar: Am gleichen Wochenende werden die DTM und Formel E in Berlin nicht starten. Dies sei ausgeschlossen, wie ADAC-Motorsportchef Thomas Voss gegenüber Motorsport-Magazin.com erklärt. „Wir würden hintereinander fahren“, so Voss. Heißt: Erst würde die eine Rennserie ihr Rennwochenende abhalten, eine Woche später die andere.

Die DTM fuhr von 1984 bis 1995 auf der Berliner Avus, Foto: Mercedes-Benz
Die DTM fuhr von 1984 bis 1995 auf der Berliner Avus, Foto: Mercedes-Benz

DTM und Formel E: Darum gibt es kein gemeinsames Rennwochenende

Verantwortlich für ein Ausbleiben eines tatsächlichen gemeinsamen Rennwochenendes ist laut Voss das Formel-E-Management: „Der Grundsatz der Formel E lautet: Es fahren an dem Wochenende nur elektrische Autos.“ Eine Diskussion um ein gemeinsames Rennwochenende mit der mit Verbrennern fahrenden DTM erübrigt sich somit. „Das ist aber auch deren Grundsatz von jeher gewesen“, berichtete Voss weiter. An diesem scheiterte etwa auch maßgeblich ein vor Jahren ins Spiel gebrachter Start der Formel E bei der DTM am Norisring.

Bevor aber überhaupt konkret an eine Verwirklichung der Berlin-Pläne der DTM gedacht werden kann, muss zunächst die Berliner Landespolitik grünes Licht geben. Die Gespräche laufen, problematisch für die DTM bleibt allem voran das Thema Lautstärke, gerade in Verbindung mit den strikten Vorgaben zur Nutzung des Tempelhofer Feldes, die im 2014 verabschiedeten Tempelhofgesetz gesetzlich niedergeschrieben sind.

Thomas Voss fordert - Jetzt muss die Politik sagen: Ja oder nein

“Jetzt muss die Politik entscheiden, ob sie es trotz dieser Einschränkungen will, weil es natürlich auch Vorteile hat“, meint Voss. Gerade durch die wirtschaftlichen Effekte versucht die DTM den Verantwortlichen das Event schmackhaft zu machen. Allein mit dem DTM-Tross reisen bereits pro Rennwochenende 3.000 Menschen umher. „Und da ist noch kein einziger Zuschauer gekommen“, rechnet Voss vor. „Wenn du dann noch 50.000 Zuschauer im Schnitt dazurechnest, hat das schon auch positive Effekte. Selbst in einer Großstadt wie Berlin.“

“Jetzt muss irgendwann mal einer sagen: Ja oder nein“, fordert Voss weiter. „Dann legen wir los. Das ist nicht viel aufwendiger als am Norisring.“ Zusätzlich verkompliziert wird die politische Hängepartie allerdings auch dadurch, dass in Berlin im September 2026 ein neues Abgeordnetenhaus gewählt wird. Aktuellen Umfragen zufolge könnte die bestehende Regierungskoalition aus CDU und SPD dann ihre Mehrheit verlieren.

“Ob die jetzige Regierung sich da noch rantraut und sagt: Wir drücken das mal durch“, zweifelt auch Voss angesichts dieser Voraussetzungen am politischen Willen, fügt sogleich jedoch hinzu: „Aber dafür haben wir auch einflussreiche Leute im ADAC, die in der Politik sitzen und das anschieben und verfolgen, weil sie die DTM toll finden.“

ADAC-Motorsportchef Thomas Voss bei der DTM
Fordert eine Entscheidung von der Politik: DTM-Boss Thomas Voss, Foto: IMAGO/Gruppe C Photography

Voss: Können uns nicht draußen lassen, weil wir Verbrenner fahren

Neben wirtschaftlichen Argumenten versucht die DTM dabei mit ihrem seit dieser Saison neuen, synthetischen Kraftstoff zu überzeugen. „Würden wir hier noch mit normalem Tankstellensprit fahren, würden wir über Berlin gar nicht nachdenken“, stellt Voss klar. „Aber ich kann nicht als Politik in Berlin sagen, die Formel E lasse ich fahren, weil die sind ja schön CO2-Neutral. Weil ganz leise sind die auch nicht. Und die anderen lasse ich draußen, weil sie Verbrenner fahren. Aber wir fahren genauso CO2-Neutral mittlerweile.“

Andere kokettierte Probleme für ein DTM-Rennen in Berlin wie möglicherweise fehlenden Platz auf dem ehemaligen Flughafengelände oder Fragen zur Streckenführung, sieht Voss derweil als nur sekundäre Herausforderungen an: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wer am Norisring fahren kann, kann auch in Tempelhof fahren.“ Klar ist aber: Die aktuell von der Formel E genutzte Strecke soll in einem solchen Fall vor allem weiter gemacht werden, um auch für die DTM-Boliden Überholmöglichkeiten zu kreieren.

DTM zuversichtlich: Sechsstellige Zuschauerzahlen in Berlin „auf Anhieb“

Erweitert werden sollen neben der Strecke auch die Tribünen. Im Vorjahr hatten die Tribünen der Formel E nur eine Kapazität von 8.500 Sitzplätzen. Für die DTM nicht ausreichend. „Da werden wir zusätzlich etwas bauen müssen“, prognostiziert Voss. Darüber bestünde mit der Formel E aber auch Einigkeit, so Voss weiter. „Wenn ich sehe, was früher auf der Avus los war, traue ich mir auf Anhieb sechsstellige Zuschauerzahlen zu.“

Genau hier könnte jedoch auch ein Problem liegen. Denn Formel-E-CEO Jeff Dodds hatte sich zwar zuletzt im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com offen für eine Kollaboration mit der DTM gezeigt, aber nur "wenn beide Rennserien strahlen können." Gerade wenn die beiden Rennserien nicht an einem Rennwochenende starten, könnte dies aber schwierig werden.

Droht Formel E Zuschauer-Blamage? Thomas Biermaier: Müssen halt mehr Gas geben

Denn mit der größeren Fanbasis der DTM in Deutschland und erwartbar um ein Vielfaches höheren Zuschauerzahlen, droht der Formel E eine Blamage. Ein Szenario, in dem die Formel E von der DTM im Hinblick auf die Zuschauerschaft im für alle Welt direkt sichtbaren Vergleich derart in den Schatten gestellt wird, dürfte aus Sicht der Formel-E-Bosse unbedingt zu vermeiden sein – selbst bei allen finanziellen Vorteilen die geteilte Kosten mit der DTM bringen würden.

Doch derart pessimistisch blickt nicht jeder auf einen direkten Vergleich der beiden Rennserien. Klare Worte bezüglich derartiger Bedenken fand jüngst Abt-CEO Thomas Biermaier gegenüber Motorsport-Magazin.com, dessen Team als einziges sowohl in der DTM (mit Lamborghini) als auch in der Formel E (als Einsatzteam von Lola Yamaha) an den Start geht. „Da muss die Formel E halt ein bisschen mehr Gas geben“, meinte Biermaier. „Man sollte nicht vor der Konkurrenz wegschrecken, sondern sich freuen, dass man vielleicht eine gute europäische Serie mit dazu nehmen kann.“

Pascal Wehrlein im Porsche vor Teamkollege Antonio Felix da Costa
Die Formel E würde in Berlin voraussichtlich vor deutlich weniger Zuschauern als die DTM fahren, Foto: IMAGO / Andreas Gora

Kein neuntes DTM-Rennen: Schmeißt Berlin andere Strecke aus Kalender?

Problematisch bleibt aus DTM-Sicht aber auch noch eine weitere Thematik. Aus Kostengründen verzichtet die Traditionsserie auch 2026 trotz Fan-Nachfrage auf ein neuntes Rennwochenende und geht auch im vierten Jahr seit der ADAC-Übernahme mit den gleichen acht Strecken in die Saison. Die DTM zeigt sich zufrieden mit der aktuellen Streckenauswahl. Unter anderem deswegen ist auch ein zwischenzeitlich diskutiertes Event im spanischen Vila Real aktuell kein Thema mehr. Doch würde die DTM für die Chance eines Rennens in Berlin dann doch einen der aktuellen Austragungsorte absägen, sollte sich finanziell kein neuntes Event verwirklichen lassen?

Darauf angesprochen reagiert Voss mit einem verschmitzten Grinsen. „Darüber mache ich mir im Augenblick keine Gedanken“, so der DTM-Boss. „Zumindest solange nicht in der Politik einer sagt: ‘Fangt an, ihr habt die Erlaubnis dazu.‘ Dann fange ich an zu überlegen, das in den Kalender zu nehmen und zu überlegen: Ist das ein neuntes Rennen? Ist das ein achtes Rennen? Wer (welche Strecke; d. Red.) fliegt da raus, wer fliegt da nicht raus?“

Klar ist: Selbst bei geteilten Kosten mit der Formel E wäre ein Rennen in Berlin für die DTM nicht unbedingt finanziell attraktiv - im Gegenteil. „Ich glaube, dass es Norisring-Ausmaße annehmen würde“, befürchtet Voss. „Ein Norisring ist ganz klar teurer als irgendeine permanente Rennstrecke auf dieser Welt.“ Die Chancen eines Rennens in Berlin überwogen dies jedoch, so Voss weiter. „Die Möglichkeiten, in einer 3-Millionen-Stadt Zuschauer hinzubringen, sind natürlich deutlich größer als in der Hoch-Eifel oder in den Niederlanden.“

Klar ist: Zumindest im DTM-Kalender für die Saison 2026 taucht das herbeigesehnte Berlin-Rennen wenig überraschend nicht auf. Dennoch war der kürzlich vorgestellte Rennkalender für nächstes Jahr für einige Überraschungen gut. Auch hierzu äußerte sich Voss ausführlich, was Ihr in diesem Artikel nachlesen könnt: