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DTM-Analyse: Haben Liam Lawson und AF Corse den Titel verzockt?

Der Ausgang des DTM-Finales auf dem Norisring ist bekannt. Aber: Hätten Liam Lawson und sein Ferrari-Team mit etwas mehr Geschick den Titel holen können?
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Die Ausgangslage für den Gewinn der DTM-Meisterschaft 2021 auf dem Norisring hätte kaum besser sein können. Der haushohe Titelfavorit Liam Lawson musste das letzte Rennen der Saison 'nur' innerhalb der Top-6 beenden, um sich aus eigener Kraft zum Champion zu krönen. Seine beiden verbliebenen Titelrivalen Kelvin van der Linde (19 Punkte Rückstand) und der spätere Meister Maximilian Götz (22 Punkte Rückstand) mussten unterdessen zwingend das Rennen gewinnen, um überhaupt eine Titelchance zu haben.

Der Ausgang ist bekannt und wurde im Nachgang höchst emotional unter den Beteiligten und Fans diskutiert. Mit etwas Abstand stellt sich aber die Frage: Hätten sich Lawson und sein Ferrari-Werksteam AF Corse im finalen Kampf um die DTM-Meisterschaft geschickter verhalten können? Eine Frage, die zahlreiche Experten aufwarfen und die nach einer tiefergehenden Analyse verlangt.

"Lawson hätte es einfach machen müssen", war Götz' HRT-Teamboss Hubert Haupt überzeugt. "Er hätte sich nur aus allem raushalten müssen. Und van der Linde hat vielleicht ein bisschen die Nerven verloren, da war er vielleicht etwas ungestüm."

Lawsons Ausgangslage war nicht nur nach Punkten, sondern auch nach Positionen fast optimal, um den Titel einzufahren. Der 19-jährige GT3-Neuling startete bei seinem ersten Einsatz auf dem Norisring in beiden Rennen von der Pole Position. Wie stark der Ferrari auch auf dem Nürnberger Stadtkurs performte, belegten seine Qualifying-Vorsprünge von 0,184 (Samstag) bzw. 0,041 (Sonntag) Sekunden auf Verfolger van der Linde, sowie auch der dritte Startplatz von AF-Corse-Teamkollege Nick Cassidy am Sonntag, der als Ersatzmann von Alex Albon zum erst dritten Mal in einem Ferrari 488 GT3 Platz genommen hatte.

Van der Linde: Turn-1-Manöver mit Ansage

Dass es - wie schon im Samstagsrennen - auf eine heikle Situation in der ersten Kurve nach dem Start hinauslaufen würde, konnte für alle Beteiligten keine Überraschung gewesen sein. Van der Linde hatte es wenige Stunden zuvor sogar angekündigt: "Wenn ich ihn (Lawson; d. Red.) nach Turn 1 auf Platz 1 fahren lasse, dann fährt er vorne weg, weil er klar schneller ist. Ich muss etwas in Turn 1 machen und schauen, wie ich es schlauer machen kann als gestern."

Im Samstagsrennen hatte es van der Linde bereits mit der Brechstange versucht und auf der Innenseite zur Anfahrt auf die enge Grundigkehre einen extrem späten Bremspunkt gewählt - ob noch nicht optimal temperierte Bremsen dabei eine Rolle spielten, sei einmal dahingestellt. Pole-Setter Lawson reagierte schnell und geschickt, öffnete die Lenkung am Kurveneingang und ließ den Audi links ins Leere laufen, während er die Fahrt auf Platz zwei fortsetzen konnte.

Ähnliches Spiel am Sonntag, denn dass van der Linde das Startduell nach dem fliegenden Startprozedere gegen Lawson trotz theoretisch besserer Position auf der linken Seite wieder nicht gewinnen würde, war absehbar. Und so kam es auch: Lawsons Ferrari, der über eine deutlich bessere Beschleunigung verfügt als der Audi R8 LMS GT3 - trotz 15 Kilogramm Mehrgewicht durch P3 im Samstagsrennen - ging schon nach wenigen Metern in Führung und setzte sich vor van der Linde.

Allerdings ließ der Neuseeländer gerade ausreichend viel Platz auf der Innenseite, sodass van der Linde durchstechen konnte, dabei aber zwingend die Strecke verlassen und über den rot-weißen Kerb fahren musste. Zwar sollen die Fahrer eigentlich auf der Strecke Rennen austragen, doch der Weg über die weiße Streckenbegrenzungslinie auf der Innenseite der Kurve war faktisch nicht verboten. Verboten war es nur, unsicher auf die Strecke zurückzukehren, was beim Abt-Piloten der Fall war und mit einer 5-Sekunden-Zeitstrafe geahndet wurde.

Marko: Hirnlos und äußerst unsportlich

Viele Beobachter forderten eine härtere Bestrafung wegen der folgenden Kollision mit Lawson, in die auch Cassidy auf der Außenbahn involviert war. DTM-Rennleiter Niels Wittich argumentierte hingegen, dass eine unsichere Rückkehr auf die Strecke schon in der Vergangenheit, wie bei Marco Wittmann in Assen, mit einer 5-Sekunden-Zeitstrafe geahndet worden sei, und: "Eine Absicht, die eine höhere Strafe gerechtfertigt hätte, war für mich in dieser Situation nicht zu erkennen."

Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko bewertete die Situation rund um seinen Schützling anders und sagte zu Motorsport-Magazin.com: "Kelvin van der Linde ist ihm in Hockenheim ins Heck gefahren (5-Sekunden-Zeitstrafe; d. Red.) und er hat ihn jetzt auch am Norisring aus dem Weg räumen wollen. Das war nicht nur völlig hirnlos, sondern auch ein äußerst unsportliches Verhalten."

Hätte es Lawson geschickter lösen können?

Wäre es womöglich geschickter gewesen von Lawson, van der Lindes Linie zu wählen und damit die Innenseite inklusive des Bereichs abseits der Strecke komplett abzuschirmen? Dadurch hätte der Audi-Fahrer nicht nur außen herum fahren müssen und womöglich Zeit verloren, sondern auch noch Ferrari-Pilot Cassidy direkt neben sich gehabt. Andernfalls wäre van der Linde ausgebremst worden oder alternativ voll in Lawsons Kofferraum gerasselt.

Das hätte vermutlich zu einem kapitalen Schaden an beiden Autos geführt, van der Lindes Audi inklusive. Und dabei darf nicht vergessen werden: Um seine Titelchancen zu wahren, musste van der Linde zwingend das Rennen gewinnen. Ein unter Fans und gewissen Medien kolportierter 'Abschuss' hätte also überhaupt keinen Sinn gemacht.

Abschuss von Lawson? "Völliger Schwachsinn"

"Wenn ich höre und lese, wie sich angebliche Experten und Ex-Rennfahrer vor allem zu der Kollision beim Sonntagrennen in der ersten Kurve äußern, haben sie für mich entweder keine Ahnung oder sind noch nie in einem Rennauto gesessen", sagte ein ehemaliger DTM-Champion, der aus politischen Gründen namentlich nicht genannt werden wollte, zu Motorsport-Magazin.com.

Und weiter: "Niemals hat Kelvin van der Linde seinen Rivalen Liam Lawson abgeschossen. Das ist völliger Schwachsinn, denn bei dem Tempo, mit dem man auf dem Norisring zur ersten Kurve kommt, kann keiner abschätzen, ob und wie man das Auto eines Gegners trifft. Das bedeutet auch, dass sich van der Linde bei diesem angeblich absichtlichen Crash auch selbst aus dem Rennen hätte nehmen können."

AF Corse: Was passiert in der ersten Kurve?

Dass die erste Kurve nach dem Start einer Vorentscheidung gleichkommen könnte, hatte auch Lawsons Team AF Corse auf dem Schirm. In einem von Red Bull veröffentlichten YouTube-Video, das einen Blick hinter die Kulissen des Teams beim Norisring-Finale gewährt, sagte Sportdirektor Ron Reichert wenige Minuten vor dem Rennstart: "Ich bin nicht nervös wegen unserer Jungs, weil ich weiß, dass sie abliefern werden. Aber ich weiß nicht, was in der ersten Kurve passiert. Mein Herzschlag geht hoch bis zur ersten Kurve, danach ist es okay."

Ein konsequentes Abschirmen von Lawson gegen van der Linde nach dem Start wäre eine Option gewesen - das simple Vorbeiwinken des Rivalen direkt nach dem Start und vor dem Eingang zur heiklen Grundigkehre die andere. Abt-Teamchef Thomas Biermaier zu Motorsport-Magazin.com: "Der Plan war, dass Kelvin vor der ersten Kurve Liam überholt und die Führung übernimmt. Wir hätten in diesem Fall damit gerechnet, dass er ihn ziehen lässt und Nick Cassidy seinen Teamkollegen nach hinten abschirmt."

Rat an Lawson: "Lass ihn einfach vorbei"

"Wenn das mein Fahrer gewesen wäre, hätte ich ihm gesagt: Lass ihn einfach vorbei", sagte ein Teamchef eines anderen DTM-Teams zu Motorsport-Magazin.com. "Etwas mehr Defensive wäre nicht verkehrt gewesen, aber so eine Entscheidung fällt in Sekundenbruchteilen. Und wäre er weiter außen gefahren, hätten ihn vielleicht mehrere Autos von hinten erwischt. Dann hätte man gesagt, dass er nicht aggressiv genug war."

Auf eine defensive Fahrweise von Lawson beim Start hatten offenbar auch van der Linde und sein Team Abt Sportsline spekuliert. "Er hatte das Meiste zu verlieren und sicher erwartet, dass irgendwas kommt", meinte der 25-Jährige nach dem Rennen in einer ersten Reaktion, bevor er sich einige Tage später persönlich bei Lawson entschuldigte.

Dr. Marko sah auch das völlig anders und polterte: "Die Aussage von Kelvin van der Linde, Liam Lawson müsse als Tabellenführer defensiver agieren, ist völliger Quatsch. Vielmehr sollte er sich fragen, ob er überhaupt qualifiziert ist, an solch einer hochkarätigen Meisterschaft teilnehmen zu dürfen."

Zahlreiche Experten und in der DTM Involvierte führten Lawsons bzw. AF Corses Strategie auf die Unerfahrenheit auf dem Norisring zurück. In der berüchtigten Grundigkehre hatte es schon in der DTM-Vergangenheit mehrfach gekracht, weil diese Stelle bei insgesamt nur vier Kurven am ehesten zu Überholmanövern einlädt. "Und mit mehr Erfahrung hätte man auch antizipieren können, was van der Linde vorhat", meinte ein involvierter Beobachter.

Audi gegen Ferrari: Deshalb war Turn 1 so wichtig

Zu klären ist noch die Frage, warum van der Linde ein Überholmanöver in Turn 1 als derart entscheidend erachtete, dass er zweifelsohne ein solch großes Risiko in Kauf nahm. Schließlich hatte er sich mit Startplatz zwei eine aussichtsreiche Ausgangslage für das Rennen verschafft, während der spätere Meister Götz von P8 starten musste - wenn auch mit vier Mercedes-Markenkollegen direkt vor sich.

Für Abt Sportsline war offenbar klar: Fährt Lawson als Führender aus der ersten Kurve, kann er nicht mehr überholt werden. Das dürfte zum einen auf die Stärke des Ferrari zurückzuführen sein, wie die Zahlen belegen. AF-Corse-Ersatzmann Cassidy fuhr am Sonntag in 49,048 Sekunden die schnellste Rundenzeit des Wochenendes: 0,167 Sekunden schneller als der beste Mercedes (Philip Ellis) und 0,178 Sekunden schneller als der schnellste Audi (Gaststarter Lucas di Grassi).

"Natürlich war der Ferrari über weite Strecken sehr konkurrenzfähig, wenn es drauf ankam", fand auch Champion Götz mit Blick auf die gesamte Saison. "Besser als wir es waren, auch als Audi. Egal, was beim Ferrari war - ob BoP-Änderungen oder Zusatzgewichte - das hat die wenig gestört."

DTM Norisring: Schnellste Runden in Rennen 2 (Top-5)

Position Fahrer Team Schnellste Runde
1 Nick Cassidy AF Corse-Ferrari 49.048
2 Philip Ellis Winward-Mercedes 49.215
3 Lucas di Grassi Abt-Audi 49.226
4 Kelvin van der Linde Abt-Audi 49.255
5 Daniel Juncadella GruppeM-Mercedes 49.336

Norisring: Fabelzeiten im Ferrari

Das Potenzial des Ferrari 488 lässt sich auch aus den theoretischen Bestzeiten herauslesen. Hätte Cassidy im schnelleren Sonntagsrennen alle Sektoren perfekt zusammengebracht, wäre sogar eine Rundenzeit von 48,900 Sekunden drin gewesen! Das sind 0,228 Sekunden weniger als der nächstbeste Vertreter, in diesem Falle Ellis im Winward-Mercedes. Würde man die Abstände auf dem 2,3 Kilometer kurzen Stadtkurs auf eine permanente Rennstrecke adaptieren, entspräche das einem Zeitenvorteil von etwa einer Dreiviertelsekunde.

Während Lawson durch die Kollision mit van der Linde einen Schaden an der Aufhängung erlitt und im gesamten Rennen mit schiefem Lenkrad sowie am Ende 24 Runden Rückstand hinterhereierte, setzte sich Cassidy standhaft gegen eine Meute angriffslustiger Mercedes-Fahrer zur Wehr. Zeitweise fuhr er sogar über drei Zehntelsekunden schneller als der zu diesem Zeitpunkt Führende Lucas Auer, der freie Fahrt ohne Dirty Air genoss. Sprich: Auf der Strecke war es kaum möglich, die Ferrari mit fehlerfreien Piloten am Steuer im direkten Duell zu überholen.

DTM Norisring: Theoretische Bestzeiten in Rennen 2 (pro Marke)

Marke Bestzeit theoretisch Fahrer
Ferrari 48.900 Nick Cassidy
Mercedes 49.128 Philip Ellis
Audi 49.179 Lucas di Grassi
BMW 49.490 Marco Wittmann
Lamborghini 50.416 Esmee Hawkey

Abt Sportsline: Keine Chance bei der Strategie

Wäre es stattdessen möglich gewesen, van der Linde über die Strategie an Lawson vorbeizuführen, um zumindest das Rennen vor dem Red-Bull-Junior zu beenden? Ein Blick auf die Boxenstopps und die zuvor heftig diskutierten - vor allem baubedingten - Unterschiede zeigt: Abt Sportsline mit seinen Audis hatte die theoretisch geringsten Chancen auf einen Vorteil.

Den schnellsten Radwechsel bei einem Audi am Norisring absolvierte Abt Sportsline am Samstag bei van der Linde in 8,030 Sekunden. Das war 0,240 Sekunden langsamer als der beste Ferrari-Boxenstopp (Lawson in 7,790 Sekunden am Samstag) und massive 2,1 Sekunden langsamer als der schnellste Stopp eines Mercedes (Ellis in 5,930 Sekunden am Sonntag).

Dass oftmals Audi und BMW beim weiter schwelenden Boxenstopp-Thema benachteiligt waren, hatte sich eine Woche zuvor einmal mehr beim Hockenheim-Wochenende gezeigt. Der schnellste Boxenstopp eines Audi (van der Linde in 8,151 Sekunden) war 1,08 Sekunden langsamer als bei Ferrari (Albon in 7,071 Sekunden) und 1,981 Sekunden langsamer als bei Mercedes (Haupt in 6,170 Sekunden).

DTM Norisring: Schnellste Boxenstopps (pro Marke)

Marke Boxenstopp-Standzeit (in Sek.) Fahrer
Mercedes 5,930 Philip Ellis
BMW 7,500 Marco Wittmann
Ferrari 7,790 Liam Lawson
Audi 8,030 Kelvin van der Linde
Lamborghini 8,751 Esteban Muth

Götz: "Auf dem Norisring kann alles passieren"

In der Box kämpften die Äbte also nachweislich mit stumpfen Waffen. Wusste auch Ferrari-Topteam AF Corse, das sich am Norisring eines bereits mehrfach genutzten Mittels hätte bedienen können: per Overcut mit einem Stopp in der nachfolgenden Runde einen Platz in der Boxengasse gutmachen. So hatte Lawson etwa in Spielberg dem Pole-Setter Marco Wittmann den Sieg vor der Nase weggeschnappt und damit den einzigen Doppelsieg eines Fahrers während der gesamten Saison erreicht.

Durch diese Parameter lässt sich zumindest erklären, warum van der Linde mit einem Überholmanöver in Kurve 1 seine einzige Chance auf den Sieg und damit potenziell die Meisterschaft sah. Als einziger Sieger ging letztendlich der tatkräftig durch seine Mercedes-Markenkollegen unterstützte Maximilian Götz hervor, dessen Ansage vor dem Rennwochenende sich bewahrheiten sollte: "Auf dem Norisring kann alles passieren..."


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