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DTM-Analyse zum Assen-Krimi: Rene Rasts Reifen-Rätsel

Völlig kurioses DTM-Rennen in Assen: Während Marco Wittmann scheinbar Unmögliches leistet, wirft Rene Rasts Performance ein großes Rätsel auf.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Es war und ist weiter das große Mysterium bei der erfolgreichen DTM-Premiere in Assen: Rene Rasts Reifen-Probleme im Sonntags-Rennen, die den Audi-Piloten den scheinbar sicheren Sieg kosteten. Wie aus dem Nichts brach die Performance seiner Hankook-Pneus ein. Während Markenkollege Mike Rockenfeller zum ersten Sieg seit zwei Jahren fuhr, gelang Rast mit dem fünften Platz nur Schadensbegrenzung.

Die Analyse begann gleich nach dem Rennen. "Wir können es uns noch nicht erklären", hieß es am Montag danach allerdings seitens Audi. Und auch das Rast-Lager rund um sein Audi Sport Team Rosberg grübelt weiter.

Unerwarteter Einbruch

Fest steht nach Informationen von Motorsport-Magazin.com nur: Es gab während des Rennens keine Anzeichen für einen plötzlichen Einbruch und auch beim Setup und der Balance von Rasts Audi RS 5 traten keine bislang bekannten Auffälligkeiten auf.

Dass der Umgang mit den Reifen auf dem TT Circuit Assen (30 Grad, rauer Asphalt, schnelle Kuven) keine einfache Angelegenheit werden würde, war schon im Vorfeld klar und bestätigte sich bei den Trainings am Freitag unter trockenen Bedingungen. Blistering - zu Deutsch: Blasenbildung - war bei vielen Autos zu sehen. Teilweise bildeten sich die Blasen auf der Außenflanke oder in der Mitte der Lauffläche.

Longruns im Fokus

Nicht umsonst fokussierte sich auch Rast im ersten Training auf zwei längere Runs über zehn respektive zwölf Runden. Gleiches Spiel auf BMW-Seiten: Marco Wittmann, der nach dem Sieg am Samstag im Regen auch im Sonntags-Rennen glänzte und aus der letzten Reihe bis auf den zweiten Platz fuhr, absolvierte im 1. Training 16 Umläufe im Renntempo.

Am Nachmittag legte Rast mit einem weiteren Lauf über 11 Runden nach, während bei Wittmann die Qualifying-Vorbereitung in den Fokus rückte. Rast startete am Sonntag von der Pole Position, Wittmann musste das Rennen wegen eines Sensorik-Fehlers am Turbo von der letzten Position aufnehmen. Ohne eine Safety-Car-Phase, die den Rennverlauf diesmal nicht auf den Kopf stellte, hätten die Vorzeichen kaum unterschiedlicher sein können.

DTM Assen 2019, Sonntags-Rennen: Zusammenfassung und Highlights: (03:48 Min.)

Komplett unterschiedliche Vorzeichen

Wie konnte es nun passieren, dass Wittmann mit nur einem Reifenwechsel durchs gesamte Feld pflügte und Rast in der komfortablen Pole Position in derartige Schwierigkeiten geriet? Vor allem er, der wie Wittmann als äußerst rennkluger Fahrer gilt und schon mehrfach bewiesen hat, dass er mit den Hankook-Reifen - die einen seitens der DTM gewünschten Drop-off aufweisen - entsprechend umgehen kann?

Vor allem, weil sich Rast auch noch in bester Gesellschaft befand. Mit Jonathan Aberdein (schlechter Start), Mike Rockenfeller, Nico Müller und Robin Frijns folgten dem DTM-Meister von 2017 vier Audi-Markenkollegen, ohne den Titelaspiranten allzu sehr unter Druck zu setzen. Dass Rast an der Spitze nicht in Zweikämpfe geriet und als einer von wenigen Fahrern von der 'Dirty Air' verschont blieb, spielte ihm umso mehr in die Karten.

Green als Hinweis?

Die einzige Auffälligkeit bis dahin: Rasts Rosberg-Teamkollege, Jamie Green, absolvierte in der 11. Runde seinen Boxenstopp relativ früh. Der erfahrene Brite fuhr unter anderen Bedingungen als Rast, erlebte in der siebten Runde aber einen ähnlichen Zeiteneinbruch wie Rast eine Weile später: Green brauchte 1:31.729 Minuten in der 8. Runde (1:30.104 in Runde 7) und bog drei Umläufe später an die Box ab.

Green schaffte nach seinem einzigen Reifenwechsel neun Runden, in denen er unterhalb der 1:31er-Marke blieb. In den anschließenden 16 Umläufen gelang ihm dies nicht mehr und er überquerte die Ziellinie auf dem neunten Platz, als zweitschlechtester Audi-Werksfahrer nach Loic Duval (P11). Green fuhr mit 26 Runden den längsten Stint aller Fahrer. Wittmann schaffte mit 24 Umläufen am Stück den zweitlängsten.

Stint-Vergleich: Top-5 in Assen

Fahrer 1. Stint (Runden) 2. Stint (Runden) 3. Stint (Runden)
Mike Rockenfeller 17 20
Marco Wittmann 13 24
Nico Müller 14 23
Jonathan Aberdein 19 18
Rene Rast 15 14 8

Müllers Pech hilft Wittmann

Dass ein langer Stint auf dem 4,555 Kilometer langen Kurs erfolgreich abgeschlossen werden kann, bewies neben Wittmann auch Nico Müller. Der Audi-Fahrer und Rasts Rivale im Titelkampf legte in seinem zweiten Stint 23 Runden zurück. Hätte er beim Boxenstopp in Runde 14 nicht fünf Sekunden verloren, weil das rechte Hinterrad klemmte, hätte er vermutlich Wittmann vom zweiten Platz verdrängt.

Wittmann absolvierte seinen Pflicht-Reifenwechsel in Runde 13, Rast war im 15. Umlauf an der Reihe. Der Audi-Pilot schloss die 16. Runde (Outlap: 2:00.611 Minuten) auf dem achten Platz ab - mit zehn Sekunden Rückstand auf Loic Duval und knapp 1,4 Sekunden vor Verfolger Wittmann.

Wittmann hetzt Rast nicht

Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com hatte der relativ knappe Vorsprung auf den BMW-Piloten keinen größeren Einfluss auf Rasts Management der Reifen. Zwar wurden ihm beim Boxenstopp keine Details zu Wittmanns Rennen mitgeteilt, doch Rast muss angesichts des Rennverlaufes gewusst haben, dass Wittmann einen deutlichen Reifen-Nachteil (früherer Stopp, mehr Zweikämpfe) hatte.

In den Runden 17 bis 24 - eine Runde vor Rasts zweitem Reifenwechsel in Folge des heftigen Zeiten-Einbruchs - war der Audi-Fahrer sechs Runden lang etwas schneller als Wittmann, dabei aber mehr als eine Zehntelsekunde langsamer als seine persönliche Bestzeit (1:28.324 in Runde 34), die er auf dem zweiten Reifensatz aufstellte. Auch das spricht nicht unbedingt für ein Überfahren der Reifen auf Rasts Seite.

DTM in Assen: Vergleich der Rundenzeiten

Runde Marco Wittmann Rene Rast
16 1:29.494 2:00.611
17 1:28.227 1:28.520
18 1:28.338 1:28.441
19 1:30.124 1:29.025
20 1:29.600 1:29.049
21 1:29.664 1:28.545
22 1:30.050 1:29.008
13 1:30.920 1:29.394
24 1:30.623 1:30.193

Komfortabler Vorsprung

Während Wittmann zu dieser Zeit mehrere Runden lang gegen den späteren Sieger Rockenfeller verteidigen musste und ihn in Runde 25 mit Blick auf die Reifen ohne größere Gegenwehr passieren ließ, konnte sich Rast an der Spitze ohne Bedrängnis seine Hankooks einteilen.

Rasts Drop-Off kündigte sich in der 23. Runde an, war mit einem Zeitenverlust von drei Zehntelsekunden aber relativ moderat. In dieser Situation betrug sein Vorsprung auf Wittmann und Rockenfeller komfortable 6,7 Sekunden.

Dramatischer Drop-off

Dann folgte in Runde 26 der dramatische Drop-off, der wenig später Audi zu einem zweiten Reifenwechsel veranlasste. Im Vergleich zur vorangegangenen Runde verlor Rast 1,52 Sekunden. Im 27. Umlauf büßte er eine weitere Sekunde ein, ein ungeplanter zweiten Reifenwechsel wurde unausweichlich. "Rene war sehr schnell, hat dann aber irgendwie seine Reifen überstrapaziert", lautete die erste Analyse von Audi-Motorsportchef Dieter Gass kurz nach Rennende.

Rast selbst hatte zunächst keine Erklärung parat: "Man führt und meint, dass man alles unter Kontrolle hat. Dann kommt plötzlich ein extremer Einbruch der Reifen und man ist zehn Sekunden langsamer als im Qualifying."

DTM-Saison 2019: Top-5 der Meisterschaft

Pos Fahrer Hersteller Punkte
1 Rene Rast Audi 158
2 Nico Müller Audi 136
3 Marco Wittmann BMW 118
4 Philipp Eng BMW 111
5 Mike Rockenfeller Audi 94

BMW-Aushängeschild Wittmann

Was die Audi-Strategen für Rast geplant hatten, konnten stattdessen Rockenfeller (6 Runden länger im 2. Stint), Wittmann (10 Runden länger im 2. Stint) und Müller (9 Runden länger im 2. Stint) mit nur einem Boxenstopp im Rennen umsetzen.

Wittmann, der nach den Problemen im Qualifying die meisten frischen Reifensätze übrig hatte, fragte während des Rennens nach der Option eines zweiten Boxenstopps. BMW verneinte und tat rückblickend gut daran, auch, weil es Wittmann gelang, den Reifen immer wieder ins richtige Arbeitsfenster zu bringen. "Es gab Zeiten, in denen ich einen stärkeren Drop hatte, dann hat sich der Reifen aber wieder erholt", bestätigte der Meisterschaftsdritte.

Sinnbildlich für Wittmanns herausragende Leistung: seine drei BMW-Markenkollegen Philipp Eng, Timo Glock und Sheldon van der Linde mussten in der Schlussphase einen zweiten Boxenstopp einlegen und auf ein Safety Car als letzte Rettung hoffen.


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