DTM

DTM-Rennanalyse Hockenheim: So klappte das Rast-Wunder

Wie schaffte es Rene Rast beim DTM-Auftakt in Hockenheim vom letzten Platz bis zum Sieg? Warum musste er in der letzten Runde noch mal zittern? Die Analyse.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - "Manchmal muss man auch ein bisschen Glück haben im Leben", lautete Rene Rasts Antwort, nachdem ihm Rosberg-Teamchef Arno Zensen kurz nach der Zieldurchfahrt zu einer sensationellen Leistung gratuliert hatte. Das Rast-Wunder beim Saisonauftakt der DTM in Hockenheim.

Sieg nach Start von Platz 16, eine Mischung aus genialer Strategie und den richtigen Umständen: Motorsport-Magazin.com analysiert, wie der Audi-Star zu seinem elften DTM-Sieg und saisonübergreifend dem siebten aus acht Rennen kam.

Nach einem Problem mit dem Benzinsystem im Qualifying konnte im anschließenden Rennen nur eine risikoreiche Strategie zum Erfolg führen. Die Strategen des Audi Sport Team Rosberg hatten im Vorfeld errechnet, dass im Falle einer Safety-Car-Phase ein zusätzlicher Reifenwechsel bei Rast von Vorteil sein könnte.

Duval-Abflug hilft Rast

Und so kam es dann auch: In Runde sieben segelte Audi-Fahrer Loic Duval mit blockierenden Rädern in der Sachskurve von der Strecke und grub sich im Kiesbett ein. Dies führte zum Ausrufen einer Safety-Car-Phase durch die Rennleitung. In diesem Fall dürfen Fahrer und Team per Funk miteinander kommunizieren, ansonsten herrscht Funkverbot in der DTM.

Rast hatte sich zu diesem Zeitpunkt vom 16. bis auf den elften Platz vorgearbeitet und entschied, die Box für einen frischen Satz Reifen anzusteuern. Was zunächst für etwas Verwirrung sorgte: Dieser Reifenwechsel galt per Reglement nicht als Pflicht-Boxenstopp - das muss außerhalb von Safety-Car-Bedingungen passieren.

Anders war es kurz zuvor bei R-Motorsport Pilot Paul Di Resta, der die Reifen wechselte, bevor das Safety Car ausgerufen wurde. Somit hätte der DTM-Champion von 2010 im späteren Verlauf des Rennens keinen weiteren Reifenwechsel einlegen müssen. Wegen stark abbauender Reifen entschied sich Di Resta in Runde 25 allerdings für einen zweiten Boxenstopp.

DTM Hockenheim: Rennen 2 in der Zusammenfassung: (03:18 Min.)

Boxenstopp nur wegen Performance

Rast hingegen nutzte den Reifenwechsel während der Safety-Car-Phase, um sich mit frischen Reifen einen Performance-Vorteil zu erarbeiten. Durch die Mehrleistung der neuen Turbo-Rennwagen mit über 600 PS kommt der von der DTM-Dachorganisation ITR gewünschte plötzliche Verschleiß der Hankook-Reifen (unverändert zu 2018) in dieser Saison wesentlich stärker zum Tragen.

"Wir haben schon ein paar Mal gesehen, dass der Reifen nach einem Safety Car nicht mehr auf das vorherige Niveau runterkommt", erklärt Audi-Motorsportchef Dieter Gass bei Motorsport-Magazin.com. "Der Verschleiß ist da. Wenn man dann mit frischen Reifen ankommt, ist das natürlich von Vorteil."

Wie groß dieser Vorteil ausfallen sollte, stellte Rast wenig später eindrucksvoll unter Beweis. Doch die Zwei-Stopp-Strategie hätte richtig schiefgehen können! Rasts Team hatte mit einer längeren Safety-Car-Phase gerechnet, doch als Rast gerade die Box verlassen hatte, kam der Hinweis, dass das Safety Car in dieser Runde von der Strecke abbiegen würde.

Keine Zeit zum Reifen aufwärmen

So musste Rast in kürzester Zeit den Anschluss zum Rest des Feldes, das sich für den Indy-Restart bereitgemacht hatte, finden. Es klappte im letzten Moment, doch Rasts Plan, die Reifen zunächst ins richtige Temperaturfenster zu bringen, ging nicht auf. "Dafür hatte ich keine Zeit mehr", bestätigt der amtierende Vize-Champion bei Motorsport-Magazin.com. "Es war rutschig, weil die Reifen noch nicht auf Temperatur waren."

Rast befand sich wenige Kurven nach dem Re-Start mitten im Pulk des hinteren Feldes. Dann wurde der Reifen-Mut belohnt: Vor ihm kam es zu zwei Kollisionen (Green/van der Linde und Fittipaldi/Wittmann), denen Rast geradeso ausweichen konnte. Dadurch verbesserte er sich innerhalb einer Runde um sechs Positionen. Zum Ende der zehnten Runde fuhr Rast bereits an neunter Stelle. "Da war auch extrem viel Glück dabei, dass ich nicht getroffen wurde und geradeso drum herumfahren konnte", sagt Rast.

Rundenvergleich: Rast gegen Eng

Runde Rast Eng
11 1:32.729 1:33.668
12 1:32.680 1:33.757
13 1:32.680 1:33.991
14 1:32.046 1:34.475
15 1:32.481 1:33.461
16 1:32.417 1:34.076
17 1:32.846 1:34.388

Rast bis zu 2,5 Sekunden schneller

Nach der zehnten Runde machte sich dann der - siegentscheidende - Vorteil der frischeren Reifen grandios bemerkbar. Im Vergleich zum zu diesem Zeitpunkt Führenden Philipp Eng holte Rast pro Runde mindestens eine und teilweise bis zu 2,5 Sekunden auf!

In Runde 13 war es dann soweit: Rast konnte den BMW-Piloten aus Österreich ohne große Gegenwehr überholen, zu groß war der Performance-Überschuss. Direkt im Anschluss zog der Audi-Pilot an der Spitze weg: Während Rast konstant Rundenzeiten im mittleren 1:32er-Bereich fahren konnte, befand sich Eng im unteren 1:34er-Bereich.

Die Führung abgeben musste Rast kurzzeitig in Runde 22 nach seinem Pflicht-Boxenstopp. Zunächst übernahm Markenkollege Robin Frijns, bis er ebenfalls an die Box fuhr und wegen eines Problems rund zehn Sekunden verlor. Dann drehte Di Resta die ersten Führungsrunden des neuen Aston Martin Vantage DTM, musste wegen abbauender Reifen aber einen zweiten Stopp einlegen und überquerte die Ziellinie am Ende als Siebter.

Der heikle Fittipaldi-Vorfall

Rast übernahm in Runde 26 erneut die Führung und hätte den Sieg dank seines großen Vorsprungs eigentlich in Ruhe über die Ziellinie fahren können. Doch in der 37. und letzten Runde wurde es noch einmal heikel: Auf der langen Parabolika tauchte plötzlich Pietro Fittipaldi in Rasts Rückspiegel auf und der Rookie vom Audi-Kundenteam WRT fuhr sogar Kampflinie. Dass Fittipaldi zu diesem Zeitpunkt schon überrundet war, wussten allerdings weder er noch Rast.

Rast ehrlich: "Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht: Wer ist das, auf welcher Position ist der und was das will der? Ich habe gedacht: Wenn der jetzt Zweiter ist, dann ist es nicht gut, wenn er mich überholt."

Beim Zieleinlauf im Hintergrund: Der überrundete Pietro Fittipaldi - Foto: Audi

Zuvor beim Boxenstopp wurde Rast nur mitgeteilt, dass sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten rund acht Sekunden betrage. Es fehlte allerdings die Information, um welchen Fahrer es sich tatsächlich handelte. "Du bist im Auto komplett auf dich allein gestellt", sagt Rast mit Blick auf das Funkverbot während des Rennens.

Fittipaldi ließ zur Hälfte der Runde schließlich abreißen und so konnte Rast den Sieg ungefährdet über die Ziellinie bringen. Sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten Audi-Markenkollegen Nico Müller betrug 11,9 Sekunden. Mit Robin Frijns gelang Audi am Sonntag ein Dreifachsieg in Hockenheim, nachdem zuvor BMW mit Eng und Wittmann die erste Startreihe belegt hatte.


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