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DTM

DTM: Doppel-Interview mit Timo Glock und Timo Scheider

Timo Scheider und Timo Glock sind echte Typen, die sich nichts vorschreiben lassen. Unser Doppel-Interview mit Timo & Timo hat es in sich...
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - MSM: Ist es eigentlich schwer für einen Rennfahrer, nicht selbst im Auto zu sitzen und 'nur' zu kommentieren?
Timo Glock: Also ich sitze sehr gern bei der Formel 1, trinke einen Cappuccino und gucke zu, wie die anderen...

Timo Scheider: ... ihre Qualifying-Runde versemmelt haben!

Timo Glock: ... und dann darüber zu fachsimpeln. Das ist eine völlig andere Art, den Sport wahrzunehmen. Das macht mir Spaß. Auch als Reporter beim 24-Stunden-Rennen nachts um 2 Uhr durch die Boxengasse zu gehen und den Mechanikern zuzuschauen. Dafür leben wir doch und das muss man rüberbringen, dieses Potenzial, das in der DTM steckt.

Timo Scheider: Da gebe ich Timo vollkommen Recht, man muss dieses Potenzial nach außen transportieren. Wenn das funktioniert, ist die DTM auch wieder geil. Vor 5 oder 10 Jahren war sie das mal, da hatte sie einen sehr großen Stellenwert. Die DTM hat das Potenzial auch jetzt, das müssen die Leute draußen nur wieder verstehen und spüren. Liebe Hersteller, lasst doch die Jungs mal wieder so sein wie sie sind! Mit all ihren positiven wie negativen Seiten, setzt sie nicht mit glatt gebügelten Buntfaltenhosen und gebügelten Hemden da hin! Den Scheiß will kein Mensch sehen! Ein Timo Glock würde nie mit so glatt gebügelten Klamotten durch die Fußgängerzone gehen, weil er das nicht ist. Jeder hat sein eigenes Ding, ob man das mag oder nicht. Aber so kreieren wir Typen, und das ist doch super.

Timo Glock: Absolut. Schau dir mal meine Aktion in Zandvoort mit Edo Mortara oder auch Bruno Spenglers Mittelfinger in Richtung Mattias Ekström an: Klar, das ist nicht die feine Art. Aber jeder hat drüber gesprochen. Wir fahren da rum, haben Puls 160 und sind emotional geladen - es gibt nichts Geileres, wenn du da ein Mikro reinhältst. Das ist Entertainment, das ist der Sport, das sind Emotionen. Sonst wäre der Sport nicht das, was er ist. Jeder, der privat Tennis oder Golf spielt, beißt sich doch in den Arsch, wenn er einen Ball ins Netz haut und den Golfball im Teich versenkt. Wir Fahrer sind nicht anders als die, die vor dem Fernseher sitzen.

Also mehr 'Mensch sein' in der DTM?
Timo Scheider: Timo hat zu 100 Prozent Recht. Es geht um Aufmerksamkeit und Quote, aber nicht darum, irgendwelche künstlichen Geschichten zu schaffen. Es geht nur darum, die Emotionen zuzulassen. Und diese ganzen Besserwisser da draußen gehen mir alle auf den Sack. Von wegen: 'Das ist aber kein Vorbild und da gucken auch kleine Kinder zu und blabla'.

Findest du diese Haltung nicht gerechtfertigt?
Timo Scheider: Doch, aber geh mal heute in einen Kindergarten, da zeigen die Vierjährigen anderen schon den Stinkefinger. Das ist natürlich nicht schön und will als erzieherische Maßnahme keiner so sehen. Vollkommen korrekt, aber ganz im Ernst: Das ist menschlich, das ist die Wahrheit und das, was zuhause passiert. Das funktioniert ja auch im Fußball-Stadion mit Sprechchören, wo unschöne Lieder gesungen werden, wo sich die Emotionen gegenseitig hochschaukeln. Da muss die DTM doch wieder hinkommen. Im Rallycross gibt es diese Sprechchöre und La Ola. In der DTM warst du in den letzten Jahren schon froh, wenn dir bei der Fahrerparade überhaupt einer zurückgewinkt hat. Da dachte ich mir: Warum kommst du hier hin?! Bleib zuhause oder leb' den Sport!

Timo, deine Meinung?
Timo Glock: Ein einfaches Beispiel, das mich unfassbar gestört hat: Der Hamilton hat in Australien eine unfassbare Runde im Q3 hingeballert. Wer ein bisschen Ahnung hat, hat gesagt: Das waren 99,9 Prozent, die der da abgeliefert hat. Und zwei Minuten später steht er im Interview und ist noch völlig geflasht von seiner Runde. Und das erste, was dazu erzählt wurde, war: 'Das ist der Party-Modus von Mercedes...' Da ging keiner auf diese Monster-Runde ein, stattdessen wurde nur über technisches Zeug gesprochen, dass er 50 PS mehr haben soll... Da steht der Sport momentan leider hinten an, egal ob Formel 1 oder DTM. Der ganze Motorsport fokussiert sich momentan nicht auf die Fahrer, die ihn ausüben.

Timo Scheider: Ich wünsche mir in der DTM einfach, dass es weniger politisch wird und die Hersteller ihre Jungs freier laufen lassen. Denen muss man nichts sagen. Wenn einer 'Scheiße' sagt, dann hat er eben 'Scheiße' gesagt, aber dann ist das eben ein Timo Glock mit all seinen Emotionen und der Aussage, die er in dem Moment tätigen wollte. Als Hersteller kann man das dann alles wieder ein bisschen geradebiegen, das ist auch okay. Aber: nicht die Leute verbiegen!

Timo, dein bester Ratschlag für den neuen TV-Kollegen Scheider?
Timo Glock: Das ran-Logo am Mikro richtig in die Kamera zu halten. Das habe ich am Anfang bei RTL immer verbaselt...

Timo Scheider: Das bekomme ich hin!

Timo Glock: Was ich Timo mitgeben kann, ist, langsam in diese Rolle reinzuwachsen. Ich hab' am Anfang auch gedacht: Jetzt stell ich mich mal schnell in die Boxengasse und erklär mal eben live, was die alle am Start treiben. Aber verdammt, wenn du da alleine stehst und gerade keiner vorbeifährt, dann musst irgendwas erzählen...

Ist es ein Problem, Rennfahrer-Kollegen öffentlich zu kritisieren?
Timo Scheider: Im ersten Moment kann das schon unangenehm sein. Ich muss zugeben, dass ich selbst nie ein Fan davon war, wenn mich ein Experte kritisiert hat. Wenn der aber das entsprechende Know-how hatte und gut analysiert hat, muss man die Kritik als Sportler auch mal einstecken. Mit 16 Jahren DTM-Erfahrung darf ich mir schon Kritik erlauben. Die soll aber fundiert sein und ich werde keinem bewusst auf den Schlips treten, weil ich ihn nicht leiden kann. Ich analysiere die Fakten und wenn in einem Duell für mich einer der Schuldige ist, dann wird er meine Meinung zu hören bekommen. Egal, ob das Timo Glock, Pascal Wehrlein oder Marco Wittmann ist. Das ist völlig egal.

Auch den Herstellern in der DTM?
Timo Scheider: Ich bin Fan von Racing und kommentiere gewisse Dinge nicht so, wie das der Hersteller gerne hätte. Ich bin dafür, dass mal Ellbogen ausgefahren werden. Ich will weg von diesem: 'Wir haben uns alle lieb und alles ist schön'. Timo und ich haben ja Jahre lang gesagt, dass wir uns eigentlich in der Boxengasse mal auf die Nase hauen müssten, damit wir in die Bild-Zeitung kommen und drüber gesprochen wird. Mein Ziel jetzt als Sat.1-Experte ist es, Quote zu machen mit den Fakten, die wirklich passieren. Ich werde nichts politisch schönreden.

Timo, hast du Angst vor dem TV-Experten Scheider?
Timo Glock: Nicht mal im Ansatz. Ich fordere von ihm, dass er mir gegenüber genauso kritisch ist wie bei allen anderen auch. Das brauchen wir in der DTM, diese Schönrederei bringt nix. Und Timos Erfahrung ist da Gold wert, weil er weiß, was im Auto abgeht und wie feinfühlig die sind. Wenn der Glock jetzt am Samstag auf Pole steht und sonntags 18. wird, weiß er: Der hat nicht gesoffen gestern Abend, sondern einen Schnitzer in seiner Runde gehabt und dadurch zwei Zehntel verloren.

Du bist lange für Audi gefahren und 2017 zu BMW gewechselt. Ist es schwer, unparteiisch zu sein?
Timo Scheider: Ich hoffe, dass ich das schaffe. Das ist mein persönliches Ziel und ich setze alles daran, so unparteiisch wie möglich zu sein. BMW gibt mir alle Freiheiten und hat überhaupt keinen Einfluss darauf, was ich da tue. Ich bin als Timo Scheider und ran Sat.1-Experte vor Ort - und nicht als BMW-Fahrer. Sie müssen mit den Konsequenzen leben. Ich weiß, dass BMW mein Arbeitgeber ist, aber ich habe ganz klar kommuniziert, dass es um Fakten auf der Rennstrecke und nicht um irgendwelche Arbeitsverhältnisse geht. Und noch was...

Ja, bitte?
Timo Scheider: Ich sage es jetzt ganz offen: Ich hatte in der Vergangenheit bei der ARD große Probleme mit Norbert Haug, der sehr oft sehr Mercedes-parteiisch war. Ich habe dem Menschen und Sportchef Norbert Haug unendlich viel Respekt entgegengebracht. Er hat eine unglaubliche Karriere hinter sich. Leider Gottes habe ich es bei ihm als Experten oft vermisst, dass er diese Neutralität wahrt. Er war schon oft pro Mercedes - das ist nach so vielen Jahren bei Mercedes natürlich ein bisschen eingebrannt, auch klar. Ich bin ja noch relativ frisch bei BMW und das hat vielleicht noch nicht so tiefe Spuren hinterlassen.

Ist Timo Scheider zu diesem Zeitpunkt der richtige Mann für die DTM?
Timo Glock: Es ist absolut der richtige Weg, frische Leute reinzubringen, die so einen Hintergrund wie Timo haben. Ich bin sehr happy mit dem, was Sat.1 versucht zu bewegen, auch in der Cross-Promo mit anderen Sendern und Formaten. Bei Eddie Mielke gibt es auch nur zwei Seiten: Die einen hassen ihn, weil er zu laut schreit. Die anderen finden das mega. Ich finde ihn super, weil er die Emotionen richtig rüberbringt.

Schaust du dir Timos Arbeit für RTL im Fernsehen an?
Timo Scheider: Natürlich! Ich bin immer sehr interessiert daran, was mein Freund Timo macht. Wenn ich zuhause auf dem Sofa sitze und Timo mit der Formel 1 unterwegs ist, ist das Pflichtprogramm für mich. Dank meiner neuen Aufgabe gucke ich mir auch das eine oder andere ab. Als Rennfahrer habe ich ja schon einige Jahre mit den Medien zu tun und kenne viele Abläufe. Als TV-Experte ist es aber eine ganz andere Herangehensweise.

Gefällt dir, wie er seinen Job macht?
Timo Scheider: Timo hat sich - das kann ich auch so kritisch sagen - vom ersten Mal bis heute extrem gesteigert. Zwar kennen wir die Autos aus technischer Sicht perfekt, aber du musst erst mal lernen, mit dem Medium Fernsehen richtig umzugehen. Wir alle sind nicht perfekt, aber ich hoffe, dass uns der Zuschauer das verzeiht.

Bereitest du dich eigentlich akribisch auf deine Einsätze als TV-Experte vor?
Timo Scheider: Das kann man als Zuschauer von mir verlangen und als Rennfahrer ist das auch mein Anspruch. Ich möchte auch als Experte einen guten Job abliefern und für mich ist es klar, dass ich im Vorfeld versuche, an Informationen heranzukommen, die vielleicht noch nicht so bekannt waren. Da bringe ich natürlich auch meine persönlichen Kontakte aus dem Fahrerlager mit ein.

Timo, du hast mir mal gesagt, dass du dich in deiner Rolle als RTL-Experte nie vorbereitest...
Timo Glock: Nö, nie. Bei RTL hast du aber mit dem Vor- und Nachlauf viel weniger Zeit. Du kannst die Dinge nur grob anschneiden. Aber: Vor Ort laufe ich natürlich auch rum und nutze meine Kontakte zu Ingenieuren und so weiter. Ins technische Detail bin ich aber nie eingetaucht, weil die Zeit dafür nie da ist, mal 15 Minuten speziell auf ein Teil am Auto einzugehen. Ob MGU-K oder Gott-weiß-was. Ich glaube, dass der Zuschauer das sowieso nicht alles verstehen will. Das ist viel zu kompliziert - auch für uns, zu verstehen, wieso, weshalb, warum. Das ist echt krass. Spaß macht mir aber, die komplexen Abläufe in der Formel 1 möglichst einfach und verständlich den Zuschauern zu vermitteln.

Gibt es einen bestimmten Aspekt, den du an der TV-Arbeit unterschätzt hast?
Timo Glock: Es ist schon eine riesige Herausforderung, die Dinge innerhalb sehr kurzer Zeit auf den Punkt zu bringen. Wenn du nur zwei Minuten Zeit für die Antwort auf eine Frage hast, die eigentlich doppelt so lange bräuchte, musst du es schaffen, das verständlich rüberzubringen. Ich habe schon mehrfach erlebt, dass mich Florian König mit einem Fingerzeig ermahnt, während ich gerade was erzähle. Dann denke ich: 'Oh shit, ich muss zum Ende kommen!' Dann parallel zu überlegen, wie du den Faden sinnvoll zu Ende spinnst, das ist eine Herausforderung.

Timo Scheider: Als Experte weißt du natürlich im Detail, wie die Dinge exakt funktionieren, welche Auswirkungen sie haben und so weiter. In dem Moment glaubst du ja, dass du das dem Zuschauer haargenau erklären musst. Das würde aber viel zu lange dauern und du musst es einfach und zügig erklären statt ewig lange zu reden.

Ist in eurem Falle wahrscheinlich nicht immer ganz leicht...
Timo Glock: Einmal haben sie mich ganz schön auflaufen lassen. Das war 2016 bei RTL. Da musste ich erklären, wie man den Reifen auf Temperatur bringt und was Graining bedeutet. Ich meinte, dass ich gut dreieinhalb Minuten dafür brauche. Kai Ebel sagte dann, dass ich maximal 1:50 Minuten habe. Ich hatte dann gefühlt nur drei Wörter gesagt und sollte schon zum Ende kommen, obwohl ich eigentlich noch gar nichts erklärt hatte. Den Beitrag konntest du in die Tonne kloppen. Das Problem: Wir waren live! Da hat keiner verstanden, was ich da erklärt habe...

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