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DTM

DTM 2018, Glock: Fucking Mercedes! Das steckt wirklich dahinter

Timo Glock liefert in Hockenheim den Funkspruch des Jahres. Dahinter steckt eine besondere Geschichte. Auszüge aus unserem brisanten Doppel-Interview...
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - "Fucking hell! Fuck this was awesome! The best fucking race I ever had in my life! The best fucking racing! Fucking hell Mercedes, you should not leave this championship! You fucking idiots!"

Ein Funkspruch, bei dem Amerika vermutlich kollektiv in Ohnmacht gefallen wäre. Aber auch in Deutschland standen einige Münder weit offen, nachdem Timo Glock seinem Sieg in Hockenheim diese Schimpfwörter-Tirade samt Mercedes-Ansage folgen ließ. Schon jetzt der Funkspruch des Jahres, mehr 'Fuck' geht nicht.

Doch was steckt wirklich hinter der Ansage, die Glock über den Boxenfunk herausschrie nach einem epischen Rennen, wohl einem der besten in der Geschichte der DTM? Sicherlich waren es Emotionen nach dem wahnsinnigen Duell mit Gary Paffett, als über viele Runden hinweg kein Blatt Papier zwischen den gelben BMW und den glauben Mercedes passte.

"Ich bin schon viele Rennen in meiner Karriere gefahren, aber das war das geilste", sagte Glock. "Die Emotionen danach waren unfassbar. Da waren ein paar böse Wörter dabei, aber das sind die Emotionen, die nach so einem Rennen passieren."

Es steckte aber auch ein Stück weit Kalkül hinter der Geschichte. Tatsächlich kam der Spruch von Glock nämlich gar nicht so spontan, wie es manche Beobachter vermuteten. "Den hatte ich schon eine Runde vorher im Kopf gehabt, als ich wusste, dass ich das Ding gewinne", sagte Glock zu Motorsport-Magazin.com. "Den hatte ich mir zurechtgelegt."

Und auch hierzu gibt es eine Vorgeschichte. Wir spulen rund zwei Wochen zurück. Sat.1-Event in München, wo unter anderem Timo Scheider als neuer TV-Experte des Privatsenders vorgestellt wurde. An diesem Abend führte Motorsport-Magazin.com ein langes Interview mit Scheider und seinem guten Kumpel Glock für unser am 17. Mai im Zeitschriftenhandel erscheinendes Print-Magazin.

Als das Thema 'Emotionalität im Motorsport' aufkam, konnten die beiden kaum noch an sich halten. Wir nehmen Glocks Hockenheim-Spruch zum Anlass und veröffentlichen an dieser Stelle einen kleinen Auszug aus dem exklusiven und unzensierten Doppel-Interview, der erklären könnte, wieso Glock beim Saisonauftakt in Hockenheim dermaßen im Auto eskalierte.

Scheider und Glock im Doppel-Interview mit Motorsport-Magazin.com - Foto: Sat.1

Glock & Scheider: Kleiner Auszug aus unserem nächsten Print-Magazin

Ist es eigentlich schwer für einen Rennfahrer, nicht selbst im Auto zu sitzen und 'nur' zu kommentieren?
Timo Glock: Also ich sitze sehr gern bei der Formel 1, trinke einen Cappuccino und gucke zu, wie die anderen...

Timo Scheider: ... ihre Qualifying-Runde versemmelt haben!

Timo Glock: ... und dann darüber zu fachsimpeln. Das ist eine völlig andere Art, den Sport wahrzunehmen. Das macht mir Spaß. Auch als Reporter beim 24-Stunden-Rennen nachts um 2 Uhr durch die Boxengasse zu gehen und den Mechanikern zuzuschauen. Dafür leben wir doch und das muss man rüberbringen, dieses Potenzial, das in der DTM steckt.

Timo Scheider: Da gebe ich Timo vollkommen Recht, man muss dieses Potenzial nach außen transportieren. Wenn das funktioniert, ist die DTM auch wieder geil. Vor 5 oder 10 Jahren war sie das mal, da hatte sie einen sehr großen Stellenwert. Die DTM hat das Potenzial auch jetzt, das müssen die Leute draußen nur wieder verstehen und spüren. Liebe Hersteller, lasst doch die Jungs mal wieder so sein wie sie sind! Mit all ihren positiven wie negativen Seiten, setzt sie nicht mit glatt gebügelten Buntfaltenhosen und gebügelten Hemden da hin! Den Scheiß will kein Mensch sehen! Ein Timo Glock würde nie mit so glatt gebügelten Klamotten durch die Fußgängerzone gehen, weil er das nicht ist. Jeder hat sein eigenes Ding, ob man das mag oder nicht. Aber so kreieren wir Typen, und das ist doch super.

Den Scheiß will kein Mensch sehen!
Timo Scheider

Timo Glock: Absolut. Schau dir mal meine Aktion in Zandvoort mit Edo Mortara oder auch Bruno Spenglers Mittelfinger in Richtung Mattias Ekström an: Klar, das ist nicht die feine Art. Aber jeder hat drüber gesprochen. Wir fahren da rum, haben Puls 160 und sind emotional geladen - es gibt nichts Geileres, wenn du da ein Mikro reinhältst. Das ist Entertainment, das ist der Sport, das sind Emotionen. Sonst wäre der Sport nicht das, was er ist. Jeder, der privat Tennis oder Golf spielt, beißt sich doch in den Arsch, wenn er einen Ball ins Netz haut und den Golfball im Teich versenkt. Wir Fahrer sind nicht anders als die, die vor dem Fernseher sitzen.

Also mehr 'Mensch sein' in der DTM?
Timo Scheider: Timo hat zu 100 Prozent Recht. Es geht um Aufmerksamkeit und Quote, aber nicht darum, irgendwelche künstlichen Geschichten zu schaffen. Es geht nur darum, die Emotionen zuzulassen. Und diese ganzen Besserwisser da draußen gehen mir alle auf den Sack. Von wegen: 'Das ist aber kein Vorbild und da gucken auch kleine Kinder zu und blabla'.

Da dachte ich mir: Warum kommst du hier hin?! Bleib zuhause oder leb' den Sport!
Timo Scheider

Findest du diese Haltung nicht gerechtfertigt?
Timo Scheider: Doch, aber geh mal heute in einen Kindergarten, da zeigen die Vierjährigen anderen schon den Stinkefinger. Das ist natürlich nicht schön und will als erzieherische Maßnahme keiner so sehen. Vollkommen korrekt, aber ganz im Ernst: Das ist menschlich, das ist die Wahrheit und das, was zuhause passiert. Das funktioniert ja auch im Fußball-Stadion mit Sprechchören, wo unschöne Lieder gesungen werden, wo sich die Emotionen gegenseitig hochschaukeln. Da muss die DTM doch wieder hinkommen. Im Rallycross gibt es diese Sprechchöre und La-Ola-Wellen. In der DTM warst du in den letzten Jahren schon froh, wenn dir bei der Fahrerparade überhaupt einer zurückgewinkt hat. Da dachte ich mir: Warum kommst du hier hin?! Bleib zuhause oder leb' den Sport!

[...]

Timo Scheider: Ich wünsche mir in der DTM einfach, dass es weniger politisch wird und die Hersteller ihre Jungs freier laufen lassen. Denen muss man nichts sagen. Wenn einer 'Scheiße' sagt, dann hat er eben 'Scheiße' gesagt, aber dann ist das eben ein Timo Glock mit all seinen Emotionen und der Aussage, die er in dem Moment tätigen wollte. Als Hersteller kann man das dann alles wieder ein bisschen geradebiegen, das ist auch okay. Aber: nicht die Leute verbiegen!

Das Mega-Duell Glock/Paffett im Video

DTM Hockenheim I 2018: Highlights vom 2. Rennen: (02:42 Min.)

Timo Glocks Hockenheim-Sieg in Bildern: Top-5

Hartes, aber faires Duell mit Paffett - Foto: BMW Motorsport
Nach dem Sieg erst mal aufs Auto... - Foto: DTM
...Und dann auf die Motorhaube - Foto: BMW Motorsport
...Gefolgt vom Sprung in Richtung Team - Foto: DTM
...Und dann Champagner frei auf dem Podium! - Foto: DTM

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