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MotoGP

Mit Blauem Auge: MotoGP besteht Corona-Prüfung

Die MotoGP erlebte in der Corona-Pandemie eine ihre härtesten Prüfungen. Im Gegensatz zur Vergangenheit geht man dieses Mal aber stark aus der Krise hervor.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Der Artikel wurde in der 81. Ausgabe des Printmagazins von Motorsport-Magazin.com am 28. Oktober 2021 veröffentlicht.

Covid-19 traf Anfang 2020 die gesamte Weltwirtschaft mit voller Härte. Der Motorsport und damit auch die MotoGP stellten keine Ausnahme dar. Monatelang lag die gesamte Branche auf Eis. Rennen um Rennen wurde abgesagt. Ob es überhaupt eine Saison 2020 geben würde, stand lange in den Sternen. Mit mehr als vier Monaten Verspätung startete man Mitte Juli schließlich doch noch in das Rennjahr. Die dort gezeigte MotoGP hatte mit der gewohnten Königsklasse aber nur wenig zu tun. Leere Ränge, spärliche Rennkalender und eingebrochene Gewinne bei den Herstellern, Teams und ihren Sponsoren bereiteten dem Paddock Sorgen. Zu frisch waren noch die Erinnerungen an die jüngste Finanzkrise, in deren Folge die Werke reihenweise den Stecker zogen und das MotoGP-Starterfeld verkümmern ließen. Die grandiose Aufbauarbeit der Dorna in den vergangenen Jahren drohte den Bach hinunterzugehen. Wie sollten Hersteller MotoGP-Budgets von zig Millionen Euro jährlich rechtfertigen, wenn sie gleichzeitig Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken mussten und sich Kündigungswellen schon am Horizont aufbauten?

Die Krise kam für die MotoGP und ihren Rechteinhaber Dorna noch dazu zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt: Hersteller und Teams binden sich ja immer für einen Zeitraum von fünf Jahren an die Rennserie. Steigt man vor Ablauf dieser Vertragsperiode aus, wird eine Strafzahlung schlagend. So schafft man langfristige Planungssicherheit. Doch der aktuelle Vertrag läuft mit Saisonende 2021 aus. Ein Ausstieg wäre also ohne die kostspielige Pönale möglich gewesen. Die Befürchtungen bewahrheiteten sich aber glücklicherweise nicht. Alle sechs Hersteller - Honda, Yamaha, Ducati, Suzuki, KTM und Aprilia - verlängerten ihre Verträge und bleiben der MotoGP bis mindestens 2026 treu. Gleiches gilt auch für praktisch alle privaten Rennställe. Tech3, Pramac und LCR machen wie gewohnt weiter. Gresini Racing spaltet sich von Aprilia ab und bringt wieder ein unabhängiges Team an den Start. Das Petronas Sepang Racing Team macht unter neuem Namen als RNF Racing weiter und die VR46-Struktur von Valentino Rossi schluckt die seit Jahren ums Überleben kämpfende Avintia-Truppe endgültig. Somit wächst das Fahrerfeld sogar bis zur Obergrenze von 24 Startern an und kann mit zwölf sportlich und finanziell stabilen Rennställen aufwarten.

Ganz ohne Schwund kamen die Starterfelder der Motorrad-Weltmeisterschaft aber nicht durch die Krise. In der Moto2 und Moto3 wurden die Petronas-Projekte eingestampft, in der kleinsten Klasse muss man außerdem den Abgang des traditionsreichen Gresini-Rennstalls verkraften. Neue Teams rücken aber nach, je 15 Rennställe und 30 Fahrer werden 2022 in beiden Kategorien an den Start gehen. Die Qualität im Feld ist vielleicht etwas gesunken, das befürchtete Massensterben der kleinen Rennställe ist jedoch auch hier ausgeblieben. Möglich wurde das nicht zuletzt durch die kräftige finanzielle Unterstützung der Dorna, die sich über die Wichtigkeit eines prall gefüllten Starterfeldes im Klaren war.

Die Fans dürfen 2022 auf ein vollständiges Comeback auf den Rängen hoffen - Foto: LAT Images

Volle Grids sind aber freilich nur ein Baustein für eine gesunde Rennserie. Attraktive Rennkalender sind ein weiterer. Und auch hier machten sich in der ersten Phase der Pandemie Sorgen breit. Würden sich die im Kalender befindlichen Rennstrecke nach Monaten ohne relevante Einnahmen die beträchtlichen Ausgaben zur Austragung eines MotoGP-Events noch leisten können? Tatsächlich musste die Königsklasse in den Jahren 2020 und 2021 hier Abstriche machen. Für viele Veranstalter war ein Grand Prix ohne Zuschauer finanziell nicht zu stemmen. Die Dorna musste hier teilweise kräftig zuschießen. Doch schon 2022 könnte man mit einem Kalender durchstarten, der die aus Vorkrisenzeiten sogar in den Schatten stellt. Erstmals in der Geschichte sollen 21 Rennen in einer Saison stattfinden. Von den bisherigen Partnern konnten mit Ausnahme des langjährigen Sorgenkindes Brünn alle gehalten werden. Mit dem Schritt nach Finnland und Indonesien werden sogar zwei neue Märkte erschlossen. Sowohl was die Aktivierung der lokalen Fangemeinde als auch die Absatzmöglichkeiten für die großen Motorradhersteller angeht, kann das nur als positive Entwicklung gesehen werden, auch wenn Nostalgikern der traditionsreiche und im Paddock stets beliebte Tschechien-Grand-Prix zweifelsohne fehlen wird. Das zugegebenermaßen abgedroschene Mantra von der 'Krise als Chance' scheint sich für die MotoGP tatsächlich zu bewahrheiten. Mit vollen Feldern, verlässlichen Partnern und einem prallen Rennkalender startet man in eine neue Ära. Und im Zuge von Corona kam es zu Veränderungen, die es ohne Pandemie nie gegeben hätte, die der Königsklasse des Zweiradsports aber durchaus guttun. Medienrunden waren bislang etwa Medien vorbehalten, die vor Ort an der Rennstrecke über das Geschehen berichten. Anforderungen, die bei einem nach wie vor großen Anteil an Europarennen im Kalender für Journalisten aus Amerika, Asien, Australien oder Afrika nur schwer zu erfüllen waren. Mit der Umstellung auf Zoom-Calls können sich nun Medienschaffende aus der gesamten Welt in die Presserunden einwählen, Fragen an die Fahrer stellen und so auf ihre Zielgruppen zugeschnittene Inhalte schaffen. Ein Mehrwert für Fahrer, Teams, Hersteller, ihre Sponsoren und schlussendlich die gesamte MotoGP.

2022 gibt es nur fünf Testtage vor Saisonstart - Foto: LAT Images

Der Fan scheint also von den jüngsten Entwicklungen nur zu profitieren. Aber Vorsicht: Die Verantwortlichen der Dorna nützen die aktuelle Lage auch zu Veränderungen, die ihrem Publikum weniger schmecken werden. Das MotoGP-Paddock verwandelte sich mit Aufkommen der Pandemie von einem volksfestähnlichen Schaulaufen zur Hochsicherheitszone. Nur noch arbeitendes Personal und VIPs erhalten Zutritt, sogar Journalisten mussten lange um den Zutritt zum Fahrerlager kämpfen. Maßnahmen, die man bei einer 3G-Regelung wie sie mittlerweile ja in vielen vergleichbaren Umgebungen üblich ist, wohl aufheben könnte. Daran denkt die Dorna aber scheinbar nicht. Die Zeiten, in denen tausende Fans die Paddocks von Misano oder Valencia fluteten, sind wohl vorbei. Der Zutritt ins Innerste der MotoGP soll exklusiver und vor allem über die kostspielige VIP Village geregelt werden. Die auffällige Bewerbung dieses elitären Clubs in den jüngsten TV-Übertragungen passt da gut ins Bild. Wer zukünftig einen Fuß in das Fahrerlager setzen will, muss also wohl dort arbeiten. Oder eine Menge Geld an den Promoter überweisen. Wo Licht ist, ist eben immer auch Schatten. Auch wenn die Verschärfungen der Dorna einzelnen Personen im MotoGP-Paddock durchaus gefallen, darf doch hinterfragt werden, ob man sich damit einen Gefallen tut. Die Königsklasse auf zwei Rädern läuft Gefahr, die Fehler ihres vierrädrigen Pendants Formel 1 zu wiederholen und zu einem abgeschotteten Millionärsclub zu verkommen, der den Draht zum einfachen Fan verliert. All das im Tausch gegen kurzfristige finanzielle Gewinne. Strengerer Zutritt zum Paddock wird dafür nicht allein verantwortlich sein, könnte aber den Beginn eines Trends markieren. Ein Trend, der ganz schnell zum Bumerang werden kann, wenn sich Fans nicht mehr willkommen und nur noch als Kunden sehen, die das große Geschäft finanzieren sollen.

Die Krise spülte einige neue Teams in die WM - Foto: LAT Images

Dennoch: Im Großen und Ganzen scheint die Pandemie der MotoGP nicht nachhaltig geschadet zu haben. In vielen Bereichen dürfte man nun sogar stärker aufgestellt sein als zuvor. Die Verantwortlichen rund um Dorna-Boss Carmelo Ezpeleta haben die nötigen Lehren aus vergangenen Tiefschlägen gezogen und ihr Schiff sicher durch die Krisengewässer manövriert. Dass Ezpeleta und seine Vertrauten ihr Unternehmen einst nach einer als praktisch unsinkbar geltenden Art von Fischerbooten benannte, wirkt da nur stimmig.

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