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MotoGP

MotoGP - Top-5: Marc Marquez zwischen Genie und Wahnsinn

Marc Marquez ist ein Grenzgänger. Das bewiesen die ersten Wochen der Saison 2020. Seit dem MotoGP-Einstieg wandelt er zwischen Genie und Wahnsinn.
von Michael Höller

5. Phillip Island 2013

Der Australien-GP des Jahres 2013 war das erste MotoGP-Rennen der Geschichte, in dem ein Boxenstopp für alle Fahrer verpflichtend war. Nötig wurde das aufgrund des neuen Asphaltbandes, das die Bridgestone-Reifen regelrecht auffraß. Das zeigte sich bereits nach den Trainings am Freitag klar, weshalb alle Fahrer auf Anordnung der Rennleitung in der 9. oder 10. Runde des Rennens an die Box mussten, um sich dort das zweite Motorrad mit neuen Reifen abzuholen. Hochgezogen waren die Augenbrauen der Zuseher, als Marquez am Ende der 10. Runde nicht abbog, sondern erst eine Runde später zum Tausch ankam. Eine auf Jorge Lorenzo ausgelegte Strategie wurde ihm zum Verhängnis, denn Marquez wollte eine Runde länger draußen bleiben als sein damaliger WM-Rivale. "Mein Team und ich hatten unsere Strategie fixiert und wir dachten, dass wir nach der zehnten Runde reinkommen könnten", erklärte Marquez. Ein folgenschwerer Fauxpas, denn die Rennleitung zog ihn für dieses Vergehen per Schwarzer Flagge aus dem Verkehr und der WM-Vorsprung auf Lorenzo schrumpfte auf 18 Zähler.

4. Valencia 2017

Die Aufgabe vor dem Saisonfinale 2017 war eigentlich einfach: Vier Punkte holen (P12) und damit den MotoGP-Titel verteidigen. Doch es wäre nicht Marc Marquez, wenn er nicht auch im letzten Rennen des Jahres am Limit unterwegs gewesen wäre. So verteidigte er seine Pole Position und führte das Rennen an, fiel aber nach wenigen Runden hinter Johann Zarco zurück. Da Titelrivale Andrea Dovizioso - er hätte in jedem Fall gewinnen müssen - drei Plätze hinter Marquez lag, erwachte acht Runden vor dem Ende der legendäre Kampfgeist des Katalanen. Er eroberte die Führung in der letzten Kurve zurück, bremste am Ende von Start/Ziel aber zu spät und begab sich nach einem seiner berühmt-berüchtigten Monster-Saves auf eine Schlitterpartie durch den Kies. Marquez kam erst auf dem 5. Rang wieder zurück und damit hinter Dovizioso. Nach wie vor war der Titel damit in trockenen Tüchern, doch Marquez bewies mit diesem Move klar, dass er nicht "auf Punkte" fahren kann. Wenig später war er Weltmeister, weil Dovizioso über sein Limit gehen musste und stürzte. Eine Schrecksekunde für die Marquez-Fans war sein Save samt Ausritt aber allemal.

3. Brünn 2017

Dass Genie und Wahnsinn bei Marc Marquez oft nahe beisammen liegen, zeigte sich kaum in einem Rennen besser als im Grand Prix der Tschechischen Republik 2017. In Brünn standen die Piloten auf nasser Piste in der Startaufstellung, weshalb alle Fahrer auf Regenreifen begannen. Doch während alle seiner direkten Gegner auf den harten Hinterreifen setzten, wollte Marquez sie mit dem Soft ausstechen. Doch die Piste trocknete schneller auf als gedacht und der Weltmeister zerfetzte sich seinen Regenpneu regelrecht. So fiel er von der Pole binnen eineinhalb Runden auf P10 zurück und sah nur noch eine Chance: Den Wechsel auf Slicks nach nur zwei Runden und bei teilweise noch nasser Ideallinie. Seine gewagte Wahl sollte sich als goldrichtig erweisen, denn die Konkurrenz kam teilweise erst vier Runden später an die Box. So hatte Marquez in Lap 7 plötzlich 19 Sekunden Vorsprung auf den Rest des Feldes und war zwischenzeitlich bis zu zehn Sekunden pro Runde schneller als die Regenreifen-Spitze. Am Ende hatte er ein verlorenes Rennen durch ein riskantes Manöver gerettet und war der strahlende Sieger, der durch einen gelungenen Poker die WM-Führung massiv ausbauen konnte.

Bei schwierigen Verhältnissen fährt Marquez stets in einer eigenen Liga - Foto: HRC

2. Mugello 2013

In seinem ersten Jahr in der MotoGP begrüßte Mugello den damaligen Rookie mit seiner vollen Härte. Im 2. Training verlor Marquez in der Bremszone am Ende von Start/Ziel die Kontrolle über seine Honda und kam heftig zu Sturz. Nur knapp schrammte er damals an der ungesicherten Betonmauer vorbei, holte sich dabei aber heftige Prellungen am gesamten Körper und ein blaues Kinn ab. Die später veröffentlichten Daten zeigten, dass der Airbag seiner Lederkombi bei einer Geschwindigkeit von 337,9 km/h ausgelöst hatte. Somit sicherte sich Marquez den bis heute gültigen Rekord für das höchste je gemessene Tempo bei einem MotoGP-Sturz. Der Rookie ließ sich davon aber nicht unterkriegen, holte im Qualifying einen Platz in der zweiten Reihe und arbeitete sich im Rennen sogar bis auf Rang zwei vor, ehe drei Runden vor Schluss ein Sturz im zweiten Sektor sein Rennen beendete und ihm die erste Null in der MotoGP bescherte. Mugello sollte für Marquez ein traumatischer Kurs bleiben. Nur ein einziges Mal - in seiner Über-Saison 2014, als er die ersten zehn Saisonrennen gewann - konnte er auf dem Kult-Kurs in der Toskana den Sieg erobern.

1. Sepang 2015

Valentino Rossi säte am Donnerstag vor dem vorletzten Rennen der Saison 2015 in einer Pressekonferenz Wind gegen Marc Marquez und erntete drei Tage später jenen Sturm, der ihn im Titelrennen erheblich zurückwerfen sollte. Die Äußerung, Marquez wäre in der Woche zuvor für Jorge Lorenzo gefahren (dabei hatte Marquez Lorenzo im Duell um den Sieg in der letzten Runde besiegt) und würde sich - obwohl selbst mathematisch aus dem Rennen - in den Titelkampf einmischen, führte bei Grenzgänger Marquez zu einer Art Trotzreaktion. Im Rennen am Sonntag legte er im direkten Duell gegen Rossi die härtesten Bandagen an, was den Italiener so sehr provozierte, dass sich dieser zu einem Knierempler gegen Marquez hinreißen ließ und dieser dadurch zu Sturz kam. Marquez schrieb eine Null und Rossi bekam Strafpunkte, die ihm beim darauffolgenden Finale in Valencia an das Ende der Startaufstellung und damit letztlich aus dem direkten Titelduell mit Lorenzo katapultierten. Nach dem Sportlichen Reglement war Marquez' Fahrweise nicht regelwidrig, doch Sepang 2015 war definitiv der größte Grenzgang des größten Grenzgängers unserer Zeit.

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