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MotoGP - Sachsenring-Chef: Irgendwann geht es ums Überleben

Am Sachsenring dreht sich seit Wochen kein Rad mehr. Im schlimmsten Fall muss die MotoGP-Strecke um den Fortbestand bangen.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - In knapp zwei Monaten sollte die MotoGP eigentlich zum Deutschland-Grand-Prix am Sachsenring gastieren. Das Event wurde noch nicht offiziell abgesagt, aufgrund des Verbots für Großveranstaltungen bis 31. August sucht man aber bereits nach einem Nachholtermin. Die Ungewissheit um die MotoGP ist in der Corona-Krise aber bei weitem nicht die einzige Sorge am Sachsenring. Vor allem der wochenlange Totalausfall als Veranstaltungsort für Track-Days und Fahrsicherheitstrainings schmerzt.

Geschäftsführer Ruben Zeltner sprach mit Motorsport-Magazin.com über die ernste Situation:

Herr Zeltner, das Coronavirus hat die Motorsportwelt fest im Griff. Wie ist die aktuelle Lage am Sachsenring?
Ruben Zeltner: Es ist eine mittlere Katastrophe. Seit fünf Wochen hat sich bei uns kein Rad mehr gedreht. Wir am Sachsenring sind von dieser Krise ja doppelt betroffen. Zum einen natürlich, was die Motorsportveranstaltungen betrifft. Gleichzeitig sind war aber auch ein großes Fahrsicherheitszentrum und betreiben die Kart-Halle. Damit fallen wir in den Bereich von Freizeit- beziehungsweise Bildungsveranstaltungen, die aktuell ebenfalls nicht erlaubt sind. Uns tut die aktuelle Situation also doppelt weh.

Am Nürburgring oder in Hockenheim gibt es bereits wieder erste Testfahrten. Warum kommt so etwas für den Sachsenring nicht in Frage?
Ruben Zeltner: Diese Motorsporttests, wie es sie auf anderen Strecken gibt, sind bei uns aufgrund der Lautstärkenproblematik nicht erlaubt. Wir haben nur zehn sogenannte Lärmtage zur Verfügung. 2020 wären das drei Tage Sachsenring-Classic, drei Tage MotoGP und drei Tage Rennwochenende sowie ein Testtag für das ADAC GT Masters gewesen. Abseits davon dürfen bei uns nur Serienfahrzeuge zum Einsatz kommen.

Also bleiben im Wesentlichen nur Track-Days als Einnahmequelle...
Ruben Zeltner: Genau, davon leben wir hauptsächlich. Diese Events dürfen wir aktuell aufgrund der Allgemeinverfügung aber weder für Autos noch für Motorräder durchführen. Wir haben schon Hygienekonzepte erstellt, um diese Veranstaltungen völlig kontaktlos abzuwickeln und versuchen aktuell, dafür eine Genehmigung zu bekommen. Bis jetzt haben wir aber noch nicht einmal den richtigen Ansprechpartner erreicht.

MotoGP - Wie geht es nach Corona weiter?: (33:52 Min.)

Also haben Sie wohl auch noch keine Auskünfte, wann es eventuell wieder losgehen könnte?
Ruben Zeltner: Nein, überhaupt nicht. Das ist unser großes Problem. Wir können jetzt immer nur die Bekanntgabe der neuesten Lockerungen oder Restriktionen abwarten. Dementsprechend müssen wir dann Termine absagen oder verschieben.

Wann rechnen sie persönlich mit einer Freigabe?
Ruben Zeltner: Ich befürchte, dass die aktuelle Situation noch eine Weile anhalten und uns auf jeden Fall noch im Mai treffen wird. Das Bundesland Sachsen ist auch sehr streng, was die Allgemeinverfügung betrifft. Was wir hier betreiben sind Publikumsveranstaltungen und Freizeitsport, also keine systemrelevanten Tätigkeiten. Wir sind also wohl eine der letzten Branchen, die zur Normalität zurückkehren werden und hoffen, dass es dann vielleicht im Juni losgehen kann.

Wäre es dann noch möglich, das Jahr 2020 aus wirtschaftlicher Sicht einigermaßen zu retten?
Ruben Zeltner: In diesem Fall würden wir zwar keine riesigen Gewinne erwirtschaften, aber zumindest mit einem blauen Auge davonkommen. Wenn es noch länger dauert, dann haben wir ein richtiges Problem. Wir hätten ursprünglich zu Ostern mit den ersten Trainings begonnen und waren bis in den Oktober hinein völlig ausgebucht. Jetzt müssen wir natürlich viele Veranstaltungen verschieben oder wie die Sachsenring-Classic komplett absagen. Den Schaden jetzt zu beziffern wäre nicht seriös, aber wenn sich die Situation länger nicht ändert, geht es irgendwann für uns ums Überleben. Wir müssen ja auch die Liquidität erhalten.

Muss man sich also ernsthafte Sorgen um den Sachsenring machen?
Ruben Zeltner: Ich gehe schon davon aus, dass wir uns aus dieser Situation retten werden. Wir werden daran nicht zu Grund gehen. Die letzten Jahre sind für uns finanziell zum Glück wirklich gut gelaufen und wir haben auch tolle Gesellschafter wie den ADAC Sachsen, die hinter uns stehen. So etwas wie jetzt haben wir aber noch nicht erlebt. Es werden andere Zeiten anbrechen.

Zeltner ist selbst begeisterter Motorsportler und fährt in der Deutschen Rallye-Meisterschaft - Foto: Sascha Dörrenbächer

Man muss ja auch davon ausgehen, dass uns nun vielleicht über mehrere Jahre eine Wirtschaftskrise bevorsteht.
Ruben Zeltner: Absolut. Das jetzt ein Abschwung folgt, ist ganz logisch. Wer bucht denn jetzt schon eine Rennstrecke? Die Firmen haben in dieser Situation auch andere Dinge zu tun. Den Fünfjahresplan, den ich 2019 unseren Gesellschaftern vorgeschlagen habe, den kann ich jetzt schon vergessen. Diese Ziele werden wir nun niemals erreichen.

Wie sieht die personelle Situation am Sachsenring aus? Mussten sie Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken oder gar kündigen?
Ruben Zeltner: Kündigungen sind aktuell kein Thema. Wir haben 31 Mitarbeiter am Sachsenring und die werden wir alle brauchen, sobald es wieder losgeht. Die meisten von ihnen sind aktuell aber in Kurzarbeit. Streckenarbeiter kümmern sich noch um Dinge wie Grünpflege, hier im Büro sitze ich aktuell aber ganz alleine. Es ist kein Mensch mehr da. Durch die Möglichkeit der Kurzarbeit kosten uns die Mitarbeiter aktuell zumindest nichts.

Was den Motorsport betrifft, ist das MotoGP-Wochenende natürlich das große Saisonhighlight am Sachsenring. Den geplanten Termin im Juni wird man aller Voraussicht nach nicht wahrnehmen können. Ob es einen neuen Termin gibt, ist fraglich. Wie schlimm wäre eine Absage des Motorrad-Grand-Prix aus wirtschaftlicher Sicht für den Sachsenring?
Ruben Zeltner: Das wäre wirtschaftlich gesehen für uns nicht ganz so schlimm. Mit der MotoGP verdienen wir als Vermieter praktisch kein Geld. Da trifft uns die Absage der Sachsenring-Classic beispielsweise schwerer. Das Problem für uns ist eher, dass wir zur MotoGP die Hoheit über den Sachsenring praktisch an den ADAC als Veranstalter abgeben. Der ADAC übernimmt die Strecke zwei Wochen vor dem Grand Prix und kümmert sich dann um Dinge wie den Tribünenaufbau. Sollte es keinen GP geben, könnten wir diesen Zeitraum mit Track-Days befüllen. Aktuell weiß aber niemand ob oder wann es ein MotoGP-Wochenende in Deutschland gibt und diese Termine dann kurzfristig zu befüllen, wäre schwierig.

Für die gesamte Region um den Sachsenring wäre eine Absage der MotoGP aber sicherlich ein herber Schlag. Immerhin kommen Jahr für Jahr rund 200.000 Fans.
Ruben Zeltner: Ja, das wäre der Worst Case. Nur zur MotoGP sind die Hotels in der Gegend restlos ausgebucht. Wenn das wegfallen würde, wäre das sehr schlimm. Bis 31. August wird es ja sicher keine Großveranstaltungen geben, ich sehe es aber auch danach als sehr schwierig an. Für die Region wäre es also wirklich hart. Hier kämpfen aber alle darum, dass es doch irgendwie geht.


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