MotoGP

MotoGP Analyse Assen: Spielte Marc Marquez mit seinen Gegnern?

Marc Marquez setzte sich erst im Finale des MotoGP-Rennens von Assen durch. Nicht nur Valentino Rossi fand das eigenartig. Wir überprüfen den Verdacht.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Das sonntägliche MotoGP-Rennen von Assen erinnerte stark an das von Phillip Island 2015. Eine große Gruppe, die um den Sieg kämpft - in Australien waren es damals vier Fahrer, in den Niederlanden sogar sechs. Unzählige Überholmanöver im gesamten Rennen. Und am Ende holte Marc Marquez mit einem spektakulären Zielsprint den Sieg.

MotoGP Assen 2018: Das Wahnsinnsrennen in der Analyse: (23:38 Min.)

Und wie damals auf Phillip Island gibt es von Seiten Marquez' Konkurrenten Vermutungen, der Repsol-Honda-Pilot hätte sich bereits früher vom Rest des Feldes absetzen können und bewusst die Konfrontation mit seinen Gegnern gesucht. 2015 war es nach dem Australien-Grand-Prix Valentino Rossi, der der Meinung war, Marquez hätte das gemacht, um ihm im Titelkampf gegen Jorge Lorenzo zu schaden.

2018 ist Marquez selbst direkt im Fight um die WM-Krone, führt die Gesamtwertung sogar an. Für ihn würde es also nur Sinn machen, seine ersten Verfolger Rossi und Vinales in einem Rennen wie Assen möglichst weit an das Ende einer Kampfgruppe zu drängen, um so möglichst viele Punkte gegenüber ihnen zu gewinnen. Mit Rang drei für Vinales und Platz fünf für Rossi ging das auch einigermaßen gut auf, sofern Marquez überhaupt diesen Plan hatte. "Ich habe schon nach den Trainings gesagt, dass Marc mit Abstand am schnellsten ist. Heute hat er mit uns gekämpft, aber er hatte den Speed, um sich abzusetzen. Als er sich am Ende dazu entschlossen hat, ist er auch sofort davongefahren", so Rossi. Zustimmung erhält er von Andrea Dovizioso: "Marc hat gewartet und gespielt, erst dann ist er davongezogen."

Ob das tatsächlich der Fall war, versuchen wir in unserer Analyse zu erörtern.

Marquez zeigt in Assen-Trainings überragende Pace

Dass Marc Marquez an diesem MotoGP-Wochenende in Assen klar der schnellste Mann auf der Strecke war, steht außer Frage. Er führte nicht nur drei von vier Trainings sowie das Warm Up an und holte die Pole Position, sondern zeigte in den Trainings-Sitzungen auch die mit Abstand beste Pace im Longrun. In FP4, wo sich die Fahrer auf das Rennen einschießen, fuhr Marquez sechs Runden unter der Marke von 1:34.2 Sekunden. Von den sechs Piloten, die mit ihm im Rennen um den Sieg kämpften - Alex Rins, Maverick Vinales, Valentino Rossi, Andrea Dovizioso, Jorge Lorenzo und Cal Crutchlow - gelang das keinem auch nur ein einziges Mal. Lediglich Andrea Iannone, im Grand Prix nur Elfter, kam in einem Umlauf in die Nähe von Marquez, war sonst aber auch weit von dessen Speed entfernt.

Bei freier Bahn in den Trainings war Marquez überlegen - Foto: Repsol

Der Verdacht, Marquez hätte sich im Rennen problemlos von seinen Verfolgern absetzen können, scheint somit also nicht unbegründet. Ein Rennen ist aber freilich etwas anderes als ein Training, in dem man ohne Zweikämpfe Runde um Runde für sich abspulen kann. Marquez führte nur acht der 26 Rennrunden an, hatte also nur in acht Umläufen freie Fahrt. Als er in Runde 3 erstmals nicht gestört wurde, fuhr er seine zweitschnellste Runde. Sein schnellster, fünft- und sechstschnellster Umlauf kamen von Lap 23 bis 25, als er ebenfalls wieder die Führung übernommen hatte.

Speed reicht nicht für Marquez-Solofahrt

Marquez gab also etwa schon in Runde drei mächtig Gas, lag an der Spitze und konnte sich dennoch nicht absetzen. Das deutet doch massiv daraufhin, dass Marquez kein Interesse daran hatte, mit der wilden Gruppe um ihn herum Katz und Maus zu spielen. Viel eher machte es ihm wohl die Charakteristik der Strecke in Assen, ähnlich wie auf Phillip Island oder in Mugello, durch ihr flüssiges Layout und den dadurch sehr hilfreichen Windschatten extrem schwierig, sich von den Verfolgern abzusetzen. Starker Gegenwind in den schnellsten Passagen der Strecke verstärkte diesen Faktor am Sonntag in Assen noch einmal deutlich. "Ganz vorne zu fahren war viel schwieriger. Als ich die Führung übernommen habe, sind mir einige Fehler unterlaufen", gestand etwa Vinales.

Vinales fuhr die schnellste Rennrunde - mit einem Windschatten von sechs Fahrern vor ihm - Foto: Yamaha

Marquez beschrieb auch, dass seine Linienwahl an diesem Wochenende in Assen zwar besonders schnell, aber nicht gut geeignet für das Fahren in einer großen Kampfgruppe war. Er wählte sehr weite, runde Linien um auf dem flüssigen TT Circuit maximales Tempo mitzunehmen. "Wäre ich so ständig im Rennen gefahren, hätten mich alle Fahrer überholt", ist Marquez überzeugt. "Erst als ich am Ende eine kleine Lücke hatte, konnte ich meine Linie fahren und war dann auch wieder so schnell wie in den Trainings." Tatsächlich war Marquez' schnellste Rennrunde nur circa drei Zehntelsekunden langsamer als seine Bestzeit in FP4. Dort war es aber die sechste Runde für den Reifensatz an der Repsol Honda, im Rennen die bereits 24.

Fazit:

Die Annahme von Dovizioso und Rossi, Marquez habe die Pace gehabt um alleine zu fahren und sich bewusst für Spielchen mit seinen Gegner entschieden, dürfte teilweise richtig sein - größtenteils aber wohl falsch. Marquez hätte in der Tat die Pace gehabt um davonzuziehen, allerdings nur, wenn er in den ersten Runden nicht sofort in Kämpfte verwickelt worden wäre. Durch den starken Wind war es dann so gut wie unmöglich, sich abzusetzen. Das gelang Marquez erst in Runde 23 und auch da dauerte es über eine Runde von Marquez Führungsübernahme bis zum Entstehen einer relevanten Lücke.


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