MotoGP / Interview

Interview mit Anthony West: Motorrad-Vagabund sucht Arbeit

Anthony West ist der Lebenskünstler unter den GP-Piloten. Ohne zu Hause tingelt er um die Welt auf der Suche nach einem Motorrad. Interview mit einem Vagabund.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Er hat kein Zuhause, ist chronisch pleite und trägt nur zwei Koffer und einen Rucksack bei sich. Nein, er ist kein Landstreicher, sondern der zweifache GP-Sieger Anthony West. Seit dem Moto2-Aus 2014 tourt er verzweifelt rund um den Planeten quer durch sämtliche Motorrad-Rennserien. Ein Gespräch mit einem Lebenskünstler.

Anthony, vor gut einem Jahr wurdest du von deinem Moto2-Team QMMF Racing gefeuert, mit einer Wildcard für den tschechischen Broz-Rennstall hast du es in Brünn zurück geschafft. Dazwischen liegt eine verrückte Zeit für dich. Was hat sich in der Zwischenzeit getan?
Anthony West: Hier nicht viel. Es geht nach wie vor nur um Geld und nicht um deine Leistung als Fahrer. Natürlich ist die Moto2 eine geile Show und es ist super, hier zu fahren, aber dahinter steckt viel zu viel Politik. Das ist einfach nur frustrierend.

Also wird es kein dauerhaftes Comeback von dir hier geben?
Anthony West: Das würde ich so nicht sagen. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an. Mein Traum wäre, mit einem eigenen Team zurückzukommen, in dem ich das Sagen habe. Ich will bestimmen können, welches Material verwendet wird und mit wem ich arbeite. Ich bin 18 Jahre in diesem Paddock gewesen, weiß also, was es für ein gutes Team und ein gutes Motorrad braucht. In dieser Position hätte ich auch bessere Kontrolle darüber, wo mein Geld hinfließt. Wird es in die Hospitality gesteckt, damit sie hübsch aussieht, oder geht es darum, das Bike schneller zu machen?

Wenn jemand anruft und mir sagt, dass sie mir eine Menge Kohle zahlen, damit ich für sie fahre, wäre das natürlich das Beste.
Anthony West

Machst du dir keine Hoffnung mehr, dass dich ein Team verpflichten will?
Anthony West: Wenn jemand anruft und mir sagt, dass sie mir eine Menge Kohle zahlen, damit ich für sie fahre, wäre das natürlich das Beste. Im Moment ist es aber eher so, dass du für einen Platz Geld mitbringen musst. Das beginnt so bei 300.000 Euro pro Saison, nach oben gibt es kaum Grenzen. Solche Summen kann ich nicht auftreiben.

Wie schaffen das andere Fahrer dann?
Anthony West: Als Australier hast du es generell schwer. Wir haben in unserem Land extrem viele talentierte Motorradfahrer, aber wenn du Geld für eine Motorradkarriere auftreiben möchtest, will dich trotzdem niemand unterstützen. Du musst das also selbst auf die Reihe kriegen, ganz ohne reiche Eltern oder Sponsoren. Das ist zwar der härteste Weg, den es gibt, aber irgendwie muss es klappen.

Wie läuft das für dich gerade?
Anthony West: Nun ja, ich schlage mich durch, auch wenn ich aktuell kein Zuhause habe. Entweder bin ich an einer Strecke oder in einem Hotel. Zu Weinachten war ich das letzte Mal daheim, da habe ich auf einer Matratze im Büro meines Vaters geschlafen. Ansonsten bin ich mit zwei Koffern - einer für Kleidung und einer für meine Rennausrüstung - sowie einem Rucksack rund um die Welt unterwegs. Das ist neben einem Van und drei Supermoto-Bikes, die sich irgendwie angesammelt haben, alles was ich noch besitze. Das Zeug werde ich aber wohl auch noch verkaufen müssen. Es ist komplett verrückt und eigentlich das reinste Vagabundenleben. Es macht mir aber immer noch mehr Spaß als letztes Jahr mit QMMF, wo ich wusste, dass ich Rennen gewinnen konnte, das Team aber einfach nicht den richtigen Einsatz gezeigt hat.

Nun ja, ich schlage mich durch, auch wenn ich aktuell kein Zuhause habe.
Anthony West

Fehlenden Einsatz kann man dir ja sicherlich nicht vorwerfen. Du hast, wie du bereits gesagt hast, so ziemlich alles was du besessen hast, verkauft, nur um weiterhin Rennen zu fahren. Fragst du dich nicht manchmal: 'Was zur Hölle tue ich hier eigentlich?'
Anthony West: Ja, wenn ich zu lange keine Rennen fahre, kommen mir solche Gedanken. [lacht] So lange ich aber auf einem Motorrad sitze, ist alles okay. Es ist natürlich hart, ständig am finanziellen Minimum zu leben. Wenn man darüber zu viel nachdenkt, stresst dich das völlig. Ich habe ja auch mit dem Gedanken gespielt, den Rennsport völlig sein zu lassen. Aber dann bin ich ein paar Wochen zuhause gesessen und habe schon gemerkt, wie ich langsam aber sicher durchdrehe. Mir war klar, dass ich irgendeinen Blödsinn machen werde, wenn ich nicht wieder Rennen fahre. Für viele Leute ist es verrückt, dass ich ständig Motorrad fahre, aber für mich ist es verrückt, nicht zu fahren. Das hält mich geistig gesund.

Kannst du dann deine finanziellen Probleme komplett ausblenden?
Anthony West: Ich versuche es, weil ich gemerkt habe, dass meine Leistungen darunter leiden, wenn ich mir zu viele Gedanken mache. Ich kann es mir nicht leisten, in eine Depression zu verfallen, nur weil mir letzte Woche Mal wieder die Bank meine Kreditkarte gesperrt hat, weil ich 3.000 Euro im Minus bin. Früher hätte mich das furchtbar aufgeregt. Jetzt versuche ich halt, ein bisschen Bargeld irgendwo herzubekommen. Ich habe über die Jahre gelernt, dass es für jedes Problem auch eine Lösung gibt.

Du bist also chronisch pleite. Wie schaffst du es immer wieder, Geld für dein nächstes Projekt aufzutreiben?
Anthony West: Bei meinen Einsätzen verdiene ich zum Glück immer ein wenig und damit rette ich mich wieder bis zum Rennen durch. Zu lange Pausen zwischen den Rennen sind also nicht gut, weil das Geld dazwischen immer weniger wird. In Hotels zu leben ist ganz schön teuer. Am Saisonende wird es daher ganz schön hart werden, wenn ich keinen dauerhaften Platz für 2017 finde. Dann muss ich wohl wieder auf der Matratze im Büro meines Vaters schlafen.

Am Lausitzring 2016 startete Anthony West für Pedercini Racing - Foto: Kawasaki

Oder dir einen Job außerhalb des Motorradsports suchen.
Anthony West: Ja, Autorennen zu fahren wäre vielleicht etwas für mich. In Australien haben wir mit den V8 Supercars eine Meisterschaft, die wirklich populär ist. Dafür kriegt man im Normalfall auch echt gute Sponsoren.

Hast du nicht auch mal mit dem Gedanken gespielt, Driftrennen zu fahren?
Anthony West: Das war sogar schon ziemlich ernst. Ich habe eigentlich mein ganzes Geld, das ich letztes Jahr verdient habe, in den Aufbau eines Autos für diese Rennen investiert. Zwischen den Rennen habe ich immer selbst daran gearbeitet und einen Überrollkäfig und solche Sachen eingebaut. In Japan konnte ich mit ein paar Topfahrern trainieren und sie haben mir gesagt, dass ich echt gut bin. Also habe ich mich auf die Suche nach Sponsoren gemacht, aber der Sport ist einfach noch zu klein, um damit gutes Geld zu verdienen. Mittlerweile musste ich alle drei Autos, die ich dafür hatte - ein normales Straßenauto, das Rennauto und ein Auto mit Straßenzulassung, das aber schon in Richtung Driften ausgelegt war -, verkaufen, weil ich kein Geld mehr hatte.

Abgesehen von der Drift-Sache bist du in den letzten zwölf Monaten so ziemlich alles gefahren, was es an Motorradrennen gibt. Ist das nicht wahnsinnig schwer, sich immer wieder umzustellen?
Anthony West: Ja, es war je eine 1000er Honda, Kawasaki und Yamaha. Dann vier unterschiedliche Yamaha R6. Zwei Moto2-Bikes. Dann eine MotoGP-Maschine und eine 600er-MV-Agusta in England. Ich bin auch ein bisschen Dirttrack in Las Vegas und Australien gefahren. Also ja, es waren ein paar Rennserien und Motorräder. Das ist natürlich verwirrend. Aber das ist im Moment die Strategie, mit der ich am meisten Geld verdienen kann.

Das klingt alles unfassbar anstrengend und sehr schwierig. Was treibt dich an, noch immer weiter zu machen?
Anthony West: Klar, mein Lebensstil ist mit extrem großen Opfern verbunden. Ich sehe meine Familie und Freunde überhaupt nie und verbringe verdammt viel Zeit alleine. Das kann einem schon ein bisschen zusetzen. Wenn ich Rennen fahre, bin ich aber glücklich. Deshalb will ich das nicht einfach aufgeben. Ich will weiter kämpfen. Irgendwo wird sich schon noch einmal eine Chance bieten.

Ich sehe meine Familie und Freunde überhaupt nie und verbringe verdammt viel Zeit alleine.
Anthony West

Das West-Ranking

In vier Rennserien war Anthony West im vergangenen Jahr regelmäßig unterwegs. Das ist seine persönliche Einschätzung der verschiedenen klassen.

Moto2: "Wenn du hier in keinem absoluten Topteam bist, ist es unmöglich, zu gewinnen. So einfach ist das."

Superbike-WM: "Es ist ähnlich wie in der Moto2, aber ein wenig besser. Die Top-Ten sind als Privatier im Normalfall möglich, an einem guten Wochenende kann man vielleicht sogar siegen."

Supersport-WM: "Das ist für mich wirklich eine gute Klasse. Ich bin dort mit einem neuen Team und Bike aufgetaucht und konnte direkt in meinem ersten Rennen um das Podium kämpfen. Das hat Spaß gemacht."

Asian Road Racing Championship: "Da wird eine Menge betrogen. Es sollte eigentlich eine Superstock-Klasse sein, aber die Motorräder sind dafür eindeutig zu schnell. Ich habe leider noch nicht herausgefunden, wie man dort richtig betrügt. Ansonsten ist es aber eine tolle Meisterschaft mit vielen Fans an der Strecke, guter TV-Coverage und echt professionellen Teams."

Im Regen war Anthony West immer stark - Foto: Sutton

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