Jorge Lorenzo überfährt mit einem sicheren Polster auf den Zweitplatzierten als Sieger die Ziellinie eines MotoGP-Rennes. Das kennen wir bereits zur Genüge. Allein im Vorjahr gelang ihm das sechs Mal. Nun war es im Saisonauftakt 2016, dem Grand Prix von Katar, erneut so weit. Komfortable 2,019 Sekunden lagen am Ende zwischen Lorenzo und seinem ersten Verfolger Andrea Dovizioso. Dennoch war dieses Mal etwas anders. Lorenzo war nicht wie so oft in der Vergangenheit dem Feld bereits nach dem Start enteilt und hatte das Rennen dann mit sicherem Abstand kontrolliert. Nein, er musste sich erst die Führung erkämpfen und auch dann saß ihm die Konkurrenz bis zur Schlussphase im Nacken. Erst da gelang Lorenzo die Flucht. In der Rennanalyse arbeiten wir das taktische Meisterstück des Weltmeisters noch einmal auf:

Lorenzo gelingt keine frühe Flucht

Lorenzo war von der Pole Position in den Katar-GP gegangen und verteidigte diese zunächst auch. Am Ende der ersten Runde bog er in Führung liegend auf die Start-Ziel-Gerade, dort schossen aber die beiden Werks-Ducatis mit Andrea Iannone und Andrea Dovizioso ohne Probleme links und rechts an ihm vorbei. Lorenzo versuchte in Kurve eins zu kontern, musste sich aber hinter den beiden Italienern einordnen. Iannone verabschiedete sich schon in Runde sechs selbst per Sturz, an Dovizioso kam Lorenzo erst drei Umläufe später vorbei.

Die beiden Ducati-Piloten gaben in den ersten Runden den Ton an -, Foto: Ducati
Die beiden Ducati-Piloten gaben in den ersten Runden den Ton an -, Foto: Ducati

Wer jetzt einen der üblichen Fluchtversuche Lorenzos, die mit sehr hoher Regelmäßigkeit gelingen, erwartete, war auf dem Holzweg. Geduldig wie die von ihm so gerne imitierte Schlange wartete er an der Spitze liegend auf seine Chance, acht Runden lang. Lorenzo hörte im ersten Rennen auf den neuen Michelin-Reifen genau in die Pneus hinein. "Ich konnte mich in dieser Phase nicht absetzen, aber mir war klar, dass ich noch zulegen würde können", erzählte Lorenzo nach dem Rennen.

Lorenzo packt Gelegenheit beim Schopf

In Runde 18 sah der amtierende Weltmeister dann seine Chance genau, die Schlange schnappte zu. Lorenzo startete einen Endspurt von vier Runden, in denen er jeweils die mit Abstand schnellste Zeit der ersten Vier fuhr. Niemand konnte in dieser Phase mehr seine Pace gehen. In diesen vier Runden schraubte Lorenzo seinen Vorsprung auf die Verfolger von knapp vier Zehntelsekunden auf fast 2,3 Sekunden. "Meine Pace in den letzten Runden war wirklich beeindruckend", stellte Lorenzo zufrieden fest. Der Sieg war ihm so nicht mehr zu nehmen.

Wie gut Lorenzo sich sein Rennen eingeteilt hatte, zeigt auch ein Blick auf die Entwicklung der Schnellsten Rennrunde. Bis zur Halbzeit des Grand Prix, genauer gesagt bis zur elften von 22 Runden, erzielte Lorenzo nicht einmal den schnellsten Umlauf im Rennen. Auch dann überließ er noch einmal Dovizioso und Rossi die schnellste Pace, erst in seinem Schlussspurt zog Lorenzo das Tempo so richtig an. Seine 1:54.927 aus dem 20. Umlauf war dann aber für das gesamte Feld außer Reichweite und blieb die Schnellste Rennrunde.

Schlussspurt einzige Wahl für 'langsamen' Lorenzo

Lorenzos Entscheidung, sich in den finalen Runden abzusetzen und es nicht auf den letzten Umlauf ankommen zu lassen, war die einzig richtige. Gegen Yamaha-Teamkollege Valentino Rossi und auch Marc Marquez auf der Repsol Honda hätte er zwar wohl auch da gute Chancen gehabt, die Gefahr, von Ducatisto Dovizioso auf der Start-Ziel-Geraden noch abgefangen zu werden, wäre aber viel zu groß gewesen. Zu überlegen war die Desmosedici GP16 der M1 Lorenzos im Topspeed. Die Geschwindigkeitsmessung der letzten Runde sagt alles. 337,9 km/h wurden bei Lorenzo gemessen, Dovizioso war ohne Windschatten um exakt zehn Stundenkilometer schneller. Das hätte bei einem geringen Abstand als schlussendlich vorhandenen zwei Sekunden für Lorenzo ins Auge gehen können.