Dass Assen ein besonderes Wochenende werden würde, war mir schon auf der Anreise klar. Erstens weil selbige schön kurz (1:45 Stunde von Bremen) ist und zweitens, weil Assen sowieso immer etwas Besonderes ist. Und drittens gab es ja auch noch die Situation in der WM. Ein Pünktchen lag nur zwischen Rossi und Lorenzo, Marquez war in der Krise. Schlicht eine perfekte Rezeptur für denkwürdigen Rennsport. Dazu ein ganz angenehmer Wetterbericht und eine zu erwartende Rekordkulisse für die 4,5 Kilometer lange Streckenvariante in der Kathedrale der Moto GP.

Ozan Kutays lackierter Fingernagel -
Ozan Kutays lackierter Fingernagel -Foto: Edgar Mielke

Schon in den Trainings ganz großer Sport: Valentino Rossi reloaded - schon wieder. Seine große Schwäche, das Qualifying, zu einer neuen Stärke gemacht. Mit einer neuen Rekordrunde. Sagenhaft. Der Typ ist mit seinen 36 Jahren, seiner Lebensfreude und seinem unbändigen Siegeswillen spätestens seit Assen 2015 eine echte Inspiration. Mit dieser Ansicht bin ich nicht alleine. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Fotograf Ozan Kutay, dessen Bilder auch Motorsport-Magazin.com immer wieder nutzt. Seines Zeichens erfolgreicher Geschäftsmann in der Verpackungsindustrie, aber Fotograf aus Leidenschaft und Rossi-Fan. Vor Aufregung kann Ozan vor dem Rennen nicht schlafen, lackiert sich mal kurz eine 46 auf seinen kleinen Finger. Respekt. Was ist das für ein Sportler, der gestandene Männer zu kleinen Kindern werden lässt?

Oder Familie König aus Hannover: Bei denen ist sogar die Garagenauffahrt und der Gartenzaun mit der Starnummer des Helden aus Tavullia verziert. Von Tattoos und einer kompletten Kleiderkollektion ganz zu schweigen. Vater und Sohn König leiden unter Gelbfieber. Und zwar jenem Gelbfieber aus Italien namens Valentino. Eine Seuche, die die gesamte Motorsportwelt in nie da gewesener Form erobert hat. Oder Nils K., ein hochrangiger Manager eines großen deutschen Automobilkonzerns. Für Valentino in Assen wird auch die komplizierteste An-und Abreiselogistik in Kauf genommen.

Und dazu 97.125 Fans nur am Rennsamstag an der Strecke! Assen kochte. Zu Recht. Schon um 13.50 Uhr bei Betreten der Serviceroad: Gänsehautfeeling und eine Vorahnung, das ein denkwürdiges Rennen folgen sollte. Vorahnungen stimmen ja nicht immer, im Falle Assen wurden diese aber sogar noch übertroffen. Schon beim Start keimen Erinnerungen auf: An das Kanaldeckel-Duell in Laguna Seca zwischen Stoner und Rossi. Oder an das 45-Minuten-Gefecht 2009 auf dem Circuit de Catalunya zwischen Lorenzo und Rossi. Jetzt, 2015 ist Valentino Rossi in der Form seines Lebens. Seine Gegner aber auch und genau das macht das Ganze so spektakulär.

VR46-Gartenzäune in Hannover -
VR46-Gartenzäune in Hannover -Foto: Edgar Mielke

Auch weil die Fans weltweit dieses Szenario lieben. Egal ob auf T-Shirts, Gartenzäunen, Fingernägeln oder anderen Körperteilen: Die 46 wird zu einem Statement. Dabei war er schon abgeschrieben. Selbst Experten hätten nach den beiden Ducati-Katastrophen-Spielzeiten solch ein Comeback nicht mehr für möglich gehalten. Nur die Yamaha-Bosse hatten anscheinend den richtigen Riecher. Und so erleben wir Fans zur Saisonhalbzeit 2015 einen Knüller nach dem anderen. Denn Assen 2015 war ein Knüller!

Selbst Jorge Lorenzo, der die letzten vier Rennen in Folge gewonnen hatte, konnte nur staunend zuschauen. Und sicherte sich lieber 16 sichere Zähler für Platz drei. Die großen Drei der MotoGP haben allesamt nur ein Ziel: Den Titel. Schön für uns Fans. Marquez muss gnadenlos attackieren. Noch gnadenloser als ohnehin schon, denn er hat nach Assen 74 Punkte Rückstand auf den WM-Führenden mit der 46 und liegt selbst hinter dem überraschenden WM-Dritten Andrea Ianone zurück. Und das ist für die Fans die Garantie, dass es noch mehr solch epische Duelle wie am letzten Samstag geben wird. In dieser Saison werden noch denkwürdige Rennen geliefert werden - da bin ich mir sicher. Und das Beste: Alles auf einem unglaublichen Niveau. Es war allererste Sahne wie sich Rossi und Lorenzo 45 Minuten belauert und bekämpft haben. Eine Motorsport-Demonstration. Eine Offenbarung. Spannender als ein Krimi von Sebastian Fitzek.

Und das muss man auf MotoGP-Bikes erstmal schaffen. Die oben beschriebenen Fan-Verrücktheiten, gelbe Fahnenmeere an den Rennstrecken, überall Rekordbesucherzahlen. Es scheint, als ob die MotoGP-Szene sich nichts sehnlicher wünscht, als Titel Nummer 10 für Il Dottore. Aber bitte mit so spannenden und unfassbaren Rennen wie in Assen. Die Zeichen dafür stehen sehr gut. Es herrscht das höchste Level an Ausgeglichenheit, das die MotoGP in ihrer Geschichte je produziert hat.

Was für eine Abgezocktheit von Rossi, den jungen Rivalen aus Spanien vorbei zu lassen, zu studieren. Und dann drei Runden vor Schluss an seiner Lieblingsstelle in Kurve 10 wieder an Marc Marquez vorbei zu gehen. Vier Runden lang hat der älteste MotoGP-Fahrer dort genau gesehen, dass er eine engere, bessere Linie fahren kann. Ein grandioses Manöver. Millimeterarbeit. Perfektion auf zwei Rädern.

Ein unfassbares Duell -
Ein unfassbares Duell -Foto: Repsol Honda

Und sofort die zu dem Zeitpunkt schnellste Rennrunde um den lästigen Rivalen auf der Honda mit der 93 abzuschütteln. Aber der kontert. Schnellste Rennrunde Marquez. Das gibt es doch gar nicht. Doch! Denn bei den großen Drei ist alles möglich, auch wenn Lorenzo diesmal nur Zuschauer war. Die 46, die 93 und die 99 schieben das Leistungsniveau der MotoGP in völlig neue Bereiche. Rossis Data-Ingenieur Mateo hatte es schon am Freitag gewusst. Trotz der Pole seines Freundes Valentino. "Marc wird da sein", so seine Warnung. Und er hatte Recht. Ein Traumfinale: Letzte Kurve, die berühmte Timmer Bocht. Zwei Künstler bei der Arbeit. Ihrer Arbeit. Sowas wie Mozart oder Einstein. Oder von mir aus sowas wie Rammstein und AC/DC. Auf jeden Fall etwas für die Ewigkeit. So spät bremsen wie nie. Beide Nebeneinander. Berührung. Motocross-Einlage mit Wheelie, um sich nicht einzugraben. Dann ein Blick, Marquez geschlagen und sofort ansetzen zum Jubel-Wheelie.

Wahnsinn!!! Valentino ist Valentino. Weil er den Fans gibt, nach was sie sich sehnen. Eine gute, ja eine perfekte Motorsportshow. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen. Der oben angesprochenen Manager aus der Automobilbranche redet vom, neben der Geburt seiner Tochter, schönsten Tag seines Lebens. Solche Emotionen setzen nur Superstars frei.

Und Valentino Rossi ist einer. Einer auf zwei Rädern, aber trotzdem ein Weltstar. Nur leider in Deutschland nicht. Pure Ernüchterung beim Autor dieser Zeilen nach dem Studium der Tageszeitungen. So gut wie nix in den deutschen Medien. Stattdessen drei wackelige Handyfotos von Timo Glocks davon fliegender Haube beim Langweiler DTM. Ein Witz.

Zum Glück sind die Medien in anderen Ländern aufmerksamer. Und zum Glück gibt es in Deutschland die Region rund um den Sachsenring. Da steht die nächste Mega-Show der MotoGP-Superstars an. Und auch da wird bei der größten deutschen Sportveranstaltung wieder einiges geboten. Ich freue mich jetzt schon drauf. Auf einen der schönsten Tage in einem (Fan-)Leben. Egal ob die deutschen Mainstream-Medien es verschlafen oder nicht.