Für das Aussehen des neuen Gen3-Autos der Formel E hagelte es von Fans und Fahrern schon einiges an Kritik. Nun sprach der Formel-E-Entwicklungsfahrer Benoit Treluyer erstmals über das Fahrverhalten der Gen3. Der zweifache Le-Mans-Sieger war bei der Entwicklung und Abstimmung jeder Generation der Formel E maßgeblich beteiligt und kennt die Unterschiede der verschiedenen Fahrzeuge wie kein Zweiter.

"Gen2 war ein guter Schritt. Das Auto hatte mehr Leistung, kein Vergleich zu Gen1. Die größere Batteriekapazität und die Fahrbarkeit war gut. Es war aber kein großer Schritt in Richtung Fahrverhalten, hauptsächlich ging es um Leistung und Design. Gen3 ist für mich der größere Schritt", sagte der langjährige Audi-Werkspilot Treluyer im Interview auf der Formel-E-Webseite.

Der große Schritt macht sich schon auf dem Papier bemerkbar. Von maximal 250 kW (339 PS) des Gen2-Autos springt die Formel E mit Gen3 auf maximal 350 kW (475 PS). Die volle Leistung wird jedoch nur im Qualifying, während des Attack Mode und beim Fanboost freigegeben. Im regulären Rennbetrieb wird der 780 Kilogramm leichte Bolide - so das einst von der FIA vorgegebene Mindestgewicht - immerhin mit 300 kW (407 PS) unterwegs sein.

Neue Aerodynamik komplex wie nie. -
Neue Aerodynamik komplex wie nie. -Foto: Formel E

Formel E Gen3: Keine Deko - Alles bringt Performance

Die extreme Beschleunigung der Gen3 wird von einer ausgefeilten Aerodynamik abgerundet. In der noch jungen Vergangenheit der Elektro-Rennserie ließ die Aerodynamik größtenteils zu wünschen übrig und lag noch unter dem Niveau eines Formel-3-Boliden. Oft entstand der Eindruck, die Formel E sei vor allem Kontaktsport. Die Anbauteile der Gen1 und Gen2 verteilten sich regelmäßig auf den Stadtkursen dieser Welt. Grund hierfür: Die Performance der Fahrzeuge wurde durch Karbon-Verlust nicht maßgeblich schlechter. Damit soll 2023 Schluss sein.

"Der Abtrieb funktioniert sehr gut. Du konntest richtig spüren, was gefehlt hat, als wir ohne bestimmte Teile getestet haben. Ohne diese Teile wurde die Balance schlechter und wenn man nicht alles am Auto hat, beeinflusst das definitiv die Performance... Bei den Gen2 Autos machte es, was Performance und Balance anging, keinen großen Unterschied ein paar Teile zu verlieren. Jetzt wird es essenziell für die Fahrer sein, ein sauberes Rennen zu fahren", erklärte der Franzose.

Formel E Gen3: So wird sich das Racing verändern

Die 'Autoscooter-Rennen' der Gen2 gehören damit also möglicherweise bald der Vergangenheit an. Auch Schnee von gestern werden die aktuellen Rundenzeiten sein. Um zwei bis fünf Sekunden pro Runde sollen die neuen Autos laut Treluyer schneller werden. Vorausgesetzt, die Teams finden die bestmögliche Abstimmung für deren Fahrer.

Bei Gen3 verzichtet die Formel E obendrein zum ersten Mal auf Hydraulikbremsen auf der Hinterachse. Die Negativ-Beschleunigung übernimmt stattdessen erstmals ein zweiter Elektro-Motor an der Vorderachse. Dieser Einheitsmotor darf allerdings nur zur Rückgewinnung von Energie genutzt werden. Durch die neue Bremstechnologie und dem besseren Schwerpunkt dürfte sich das Fahrgefühl maßgeblich ändern.

Technikrevolution: Keine Hydraulikbremse auf der Hinterachse. -
Technikrevolution: Keine Hydraulikbremse auf der Hinterachse. -Foto: Envision

"Man kann mit der Software spielen, um das Gefühl auf der Bremse zu balancieren. Das gibt dem Fahrer mehr Möglichkeiten und es werden sicherlich einzigartige Dinge mit der Bremse ausprobiert - direkteres Bremsen und mehr Bremsleistung in bestimmten Kurven zum Beispiel", sagte Treluyer.

Außerdem bedeuten schnellere Rundenzeiten natürlich auch höhere Kräfte auf den Fahrer: "Es wird auch physisch anstrengender für die Fahrer, das habe ich während des Fahrens gespürt. Die Lenkung ist schwerer und man fühlt den Grip. Wenn man mehr als 40 Minuten auf einem Straßenkurs fährt, auf denen man sowieso kaum Luft holen kann: Du bremst, lenkst, bremst, lenkst, beschleunigst. Mit diesem Grip des Autos müssen die Fahrer sicher ins Fitnessstudio gehen!"

Treluyers Erfahrungen lassen auf spannendes neues Racing hoffen. Übrigens: Leistungs-Updates sollen künftig direkt über die Software eingespeist werden - wie in so manchem Straßenauto. Bevor die Teams mit den ersten Gen3-Testfahrten loslegen, geht es erst einmal weiter am 14. Mai 2022 mit dem nächsten Rennen der Saison 2022. Auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof werden die Gen2-Boliden in Saisonrennen sechs und sieben starten.