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Formel E - Energie-Chaos in Valencia: Das sah dumm aus

Wie kam es zum Energie-Chaos in der letzten Runde des Formel-E-Rennens in Valencia? Schadet das dem Ansehen der Rennserie? Fahrer debattieren.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Es war das wohl verrückteste Rennen in der siebenjährigen Geschichte der Formel E: Beim chaotischen Samstagslauf in Valencia ging reihenweise Autos die Energie in den letzten Sekunden aus. Beim Sieg von Mercedes-Pilot Nyck de Vries wurden nur 9 der 24 Autos im Feld gewertet. 15 Fahrer wurden nicht klassifiziert, weil sie wegen verbrauchter Energie die Ziellinie nicht sahen, vorzeitig ausgefallen waren oder wegen zu viel genutzter Leistung disqualifiziert wurden.

Offenbar hatten einige Teams in der kuriosen Schlussphase nach der letzten von insgesamt fünf Safety-Car-Phasen ihre verbleibende Energie falsch kalkuliert und eine weitere Runde nicht eingerechnet. Zuschauer vor den TV-Bildschirmen dürften dem Geschehen kaum gefolgt sein können, das Internet schwappte förmlich über mit Häme für die Elektro-Rennserie.

Nicht zuletzt, wel die Formel E an diesem Wochenende zum ersten Mal auf einer rein permanenten Rennstrecke fährt und schon im Vorfeld klar war, dass das Energie-Management eine große Rolle spielen würde.

Mitverantwortlich war die automatische Reduzierung der Leistung während den zahlreichen Safety-Car-Phasen. Zusammen wurden 19 kWh pro Auto gestrichen. Diese Regel wurde bereits vor zwei Jahren eingeführt, um Vollgasfahrten nach einer Neutralisationsphase zu verhindern. In der Vergangenheit kam es immer wieder vor, dass Autos wegen eines zu hohen Energieverbrauchs die Ziellinie nicht sahen - so arg wie in Valencia war es allerdings nie zuvor.

Formel-E-Chaos: Das sah dumm aus

"Um ehrlich zu sein, das sah schon ein bisschen dumm aus", sagte Stoffel Vandoorne, der das Rennen nach einer Strafe vom letzten Platz aufgenommen und die Ziellinie als Dritter überquert hatte. "So sollte ein Rennen nicht enden. Du willst eigentlich gutes Racing und Autos, die dicht beisammen liegen."

Gleichzeitig verwies Vandoorne darauf, dass Mercedes diese Möglichkeit im Vorfeld einkalkuliert hatte. Es war nicht das erste Mal, dass es Verwirrungen über die tatsächliche Anzahl der Runden in den Rennen mit einer Dauer von 45 Minuten plus einer Runde gab. In Valencia vermuteten einige Fahrer, dass der lange Zeit Führende Antonio Felix da Costa am Rennende nicht langsam genug fuhr, um eine weitere Runde zu vermeiden. Der Techeetah-Fahrer dürfte mit Blick auf die verbleibende Energie eigentlich kein Interesse daran gehabt haben, eine weitere Runde dranzuhängen.

Vandoorne weiter: "So etwas ist zum ersten Mal in der Formel E passiert. Ich wäre nicht überrascht, wenn Dinge deshalb in Zukunft geändert werden. Gleichzeitig weiß jeder, dass sowas passieren kann. Wir haben unsere Hausaufgaben jedenfalls gemacht."

Techeetah versus Rennleitung

In einer am Samstagabend verschickten Pressemitteilung sparte DS Techeetah in Form von DS-Technikdirektor Thomas Chaevaucher nicht mit offenen Worten: "Das Ergebnis spiegelt überhaupt nicht unser Rennen wider, sondern ist die Folge eines Missverständnisses zwischen dem Rennleiter und den Strategen des Teams. Die Rennleitung kann entscheiden, die Energie nach einem Safety-Car zu reduzieren, ist jedoch nicht dazu verpflichtet. Sie erwarteten, dass wir freiwillig "Zeit verlieren" würden, bevor wir die Ziellinie überquerten, während wir keine so ungeeignete Reduzierung erwarteten."

Der Motorsport-erfahrene Franzose weiter: "Dieses Missverständnis hat zu einer sehr unglücklichen Situation geführt. Es gab nichts Technisches, es war leider nur eine Regelungsfrage. Diese Situation ist auch eine Folge der Verwendung einer ungewöhnlichen Strecke für FE und bestätigt, dass städtische Strecken Teil der DNA der Formel E sind. Konzentrieren wir uns jetzt auf das Rennen von morgen."

De Vries: Nicht die Schuld der Formel E

In den Schlussminuten hatte sich abgezeichnet, dass Mercedes-Teamkollege de Vries zu seinem zweiten Saisonsieg eilen würde. Der Niederländer hatte beim letzten Re-Start rund drei Prozent mehr Energie als Spitzenreiter Felix da Costa - eine kleine Welt in der Formel E, wo die Autos in der Theorie automatisch stoppen sollten, wenn die Energie ausgegangen ist. Das war in Valencia nicht bei allen Autos der Fall und wird mit Sicherheit durch die FIA überprüft.

De Vries wollte die Schuld unterdessen nicht auf die Abläufe in der Formel E schieben. Immerhin seien die Teams selbst verantwortlich für ihre Strategien auch bei ungewöhnlichen Rennverläufen. "Es war etwas verwirrend", räumte er ein. "Anderseits auch relativ klar. Wenn du über die Ziellinie fährst und es nicht die letzte Runde war, dann sind noch zwei Runden zu fahren. Und wenn du im Auto nur noch Energie für eine Runde übrig hast, bringt es dich natürlich nicht ins Ziel."

Laut de Vries gebe es andere Dinge, die man in Zukunft in der Formel E ändern könne, ohne dabei ins Detail zu gehen. "Das mag heute vielleicht dumm ausgesehen haben", fügte er an. "Aber einige Teams haben es einfach gut hinbekommen. Anderen haben eben Informationen gefehlt. Das ist nicht notwendigerweise ein Fehler der Meisterschaft selbst."

Nico Müller: So etwas habe ich noch nie erlebt

Neben den beiden Mercedes fuhr Nico Müller auf das Podium und erzielte mit P2 seinen ersten Podesterfolg in der Formel E. Damit hätte nicht einmal der zweifache DTM-Vizemeister in Diensten von Dragon/Penske gerechnet. Schließlich kassierte er zum Start des Rennens wegen eines technischen Vergehens eine Durchfahrtstrafe und landete nach Kollisionen mit Rene Rast und Stoffel Vandoorne gleich zweimal im Kiesbett.

Müller: "Das war eine sehr komische letzte Runde, so etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. Aber es war positiv, weil ich da lieber in meinem eigenen Auto saß als in einem von denen, die versucht haben, ins Ziel zu schleichen. Das ist die Unvorhersehbarkeit der Formel E und das macht sie so spannend."

Sein früherer DTM-Rivale und heutiger Audi-Formel-E-Pilot Rast überquerte die Ziellinie als bestplatzierter Deutscher auf dem fünften Platz, obwohl er wenige Minuten zuvor im hinteren Teil des Feldes gefahren war.

Audi-Teamchef Allan McNish: "Die Formel E ist nie langweilig, aber das heutige Rennen geht ganz sicher in die Geschichte ein", sagt Teamchef Allan McNish. "Erstens ist Valencia keine typische Formel-E-Rennstrecke. Zweitens waren die Bedingungen durch den Regen extrem schwierig. Die Folge waren mehrere Safety-Car-Phasen und eine permanente Reduktion der zur Verfügung stehenden Energie durch die Race Control. Wir wussten, dass es eng werden würde, aber nicht so eng."

Finales Rennergebnis Valencia ePrix I 2021

1 de Vries (Mercedes)
2 Müller (Dragon) +13.1
3 Vandoorne (Mercedes) +34.8
4 Cassidy (Virgin) +36.9
5 Rast (Audi) +51.6
6 Frijns (Virgin) +52.9
7 Di Grassi (Audi) +2:41.9
8 Dennis (BMW) +3:07.1
9 Vergne (Techeetah) +4:19.5


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