Formel E

Formel-E-Autos: Wie schnell sind sie im Motorsport-Vergleich?

Wie schnell ist die Formel E eigentlich im Vergleich zu anderen Rennserien? Das kommende Rennen in Marrakesch liefert zahlreiche Hinweise.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Wie schnell oder wie langsam ist die Formel E wirklich? Oft wird die junge Serie für ihren vermeintlich fehlenden Speed kritisiert, die Autos seien keine Herausforderung. Bedingt ist die Skepsis nicht nur wegen des rein-elektrischen Konzepts, das lange nicht so greifbar ist wie ein herkömmlicher Verbrennungsmotor, sondern auch wegen mangelnder Vergleichsmöglichkeiten.

Das Konzept der Formel E sieht vor, statt auf permanenten Rundkursen ausschließlich auf temporären Strecken inmitten von Großstädten zu fahren. Das macht einen direkten Vergleich mit anderen Formel-, Sportwagen- oder Tourenwagenserien quasi unmöglich. Und doch gibt es genau eine Möglichkeit, die Formel E zumindest ansatzweise in einen direkten Vergleich mit einer anderen Rennserie zu stellen: das Rennen in Marrakesch.

Am kommenden Wochenende gastiert die Elektro-Serie zum zweiten Rennwochenende der Saison auf dem Circuit International Automobile Moulay El Hassan. Sie ist neben Mexiko die einzige permanente Rennstrecke, auf der die Formel E ein Rennen austrägt. Während sie in Mexiko-City aber nur einen Teil der Strecke befährt, auf der unter anderem auch die Formel 1 ihre Runden dreht, kommt in Marrakesch der komplette Kurs sowohl bei Formel E als auch bei der WTCC zum Einsatz.

Die Tourenwagen-Weltmeisterschaft gastierte seit 2009 in Marrakesch und ab 2016 auch auf dem komplett umgebauten Kurs. Die Formel E ihrerseits fuhr 2016 erstmals in Marrakesch und hatte vergleichbare Bedingungen wie die WTCC. Motorsport-Magazin.com hat die jeweiligen Rundenzeiten beider Serien einmal genau unter die Lupe genommen.

Bestzeiten: Formel E schneller als WTCC

Die reinen Zahlen zeigen: Die Formel E ist in Marrakesch schneller als die WTCC-Tourenwagen, die 380 bis 400 PS stark sind. Formel-E-Fahrer Sebastien Buemi erzielte 2016 im 2. Training die absolute Bestzeit in 1:20.599 Sekunden. Dabei setzte der Renault-Pilot die maximale Leistung von 200 kW (272 PS) ein.

Zum Vergleich: Den Marrakesch-Rekord in der WTCC hält Jose-Maria Lopez mit einer 1:21.457. Diese Zeit fuhr der Argentinier 2016 im 2. Qualifying. Mit Blick auf den reinen Speed war die Formel E also potenziell 0,858 Sekunden schneller als die WTCC. Beide Zeiten wurden unter vergleichbaren Bedingungen erzielt und lagen ziemlich nah am möglichen Rundenzeiten-Optimum.

Unterschiede bei den Fahrzeugkonzepten

Ein Formel-E-Auto wiegt mindestens 880 Kilo und ist damit relativ schwer für einen Formelwagen. Allein die Batterie schlägt mit 200 Kilo zu Buche. Ein WTCC-Rennwagen verfügt über ein Mindestgewicht von 1.100 Kilo. Lopez war in Marrakesch mit einem Zusatzgewicht von 80 Kilogramm unterwegs, sein Citroen brachte also 1.180 Kilogramm auf die Waage.

Der Circuit International Automobile Moulay El Hassan ist mit 2,971 Kilometern und 12 Kurven übrigens der längste Kurs im Rennkalender der Formel E. Die Strecke wird gegen den Uhrzeigersinn befahren und bietet einen Mix aus schnellen Kurven und auch drei längeren Geraden.

Üblicherweise sind Formelautos den Tourenwagen bei Kurvendurchfahrten wegen der Aerodynamik deutlich überlegen. Die Aero in der Formel E hält sich vor allem aus Kostengründen allerdings bewusst in Grenzen. Auf einem Stadtkurs soll sie vergleichbar sein mit der Aerodynamik eines GT3-Autos, das etwa 40 Prozent weniger Abtrieb produziert als ein DTM-Rennwagen. Außerdem fährt die Formel E auf profilierten Allwetter-Reifen, während in der WTCC die im Motorsport üblichen Slicks aufgezogen werden.

Beim Topspeed lassen sich Formel E und WTCC in Marrakesch relativ vergleichen. Die Formelautos erreichten in Marrakesch eine Spitzengeschwindigkeit von knapp 200 km/h, die WTCC-Tourenwagen waren etwa 10 km/h schneller an der schnellsten Stelle der Strecke.

Rundenzeiten im Rennen

Beim Blick auf die Rundenzeiten im Rennen ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei den absoluten Bestzeiten. Formel-E-Pilot Loic Duval erzielte den Rundenrekord mit einer Zeit von 1:22.600 Minuten im 2016er-Rennen. Bei den insgesamt vier Rennen der WTCC auf dem umgebauten Kurs war Hugo Valente der schnellste Fahrer. Der Lada-Pilot brauchte 2016 1:23.087 Minuten für eine Runde und war damit im indirekten Vergleich 0,487 Sekunden langsamer als das Pendant aus der Formel E.

Lässt sich dadurch sagen, dass die Formel-E-Boliden auch im Renntrim schneller sind als die WTCC-Autos? Nicht unbedingt, denn bei Duvals schnellster Runde gab es Besonderheiten. Der Franzose hatte technische Probleme mit seinem zweiten Auto und musste es im zweiten Stint mehrfach resetten. Dadurch war er aussichtslos auf ein gutes Ergebnis.

Stattdessen konnte sich Duval als Letztplatzierter darauf konzentrieren, fernab jeglichen Verkehrs oder Duellen eine schnelle Runde zu fahren. Dafür kassierten die Formel-E-Fahrer in der Vergangenheit immerhin einen Meisterschaftszähler und es war Usus für chancenlose Fahrer, zum Rennende hin nur noch auf die Rundenzeiten zu schauen.

Nicht durch Zufall gingen die Extra-Punkte für die schnellste Rennrunde in der vergangenen Saison ausschließlich an Fahrer außerhalb der Top-10. Um das in Zukunft zu vermeiden, bekommen seit dieser Saison die Piloten nur noch dann den Zähler für die schnellste Rennrunde, wenn sie auch in den Punkterängen landen.

Wie sehr Duval angaste, zeigt ein Blick auf die schnellsten Rennrunden. Er war 0,448 Sekunden schneller als Antonio Felix da Costa, der die zweitschnellste Rundenzeit beim Marrakesch ePrix erzielte. Nicht außer Acht lassen darf man allerdings, dass Duval im Rennen nicht die maximalen 200 kW zur Verfügung hatte. In der Saison 2016/17 leisteten die Autos im Rennmodus 160 kW (rund 230 PS), seit dieser Saison sind es 170 kW.

Fazit: Formel E und WTCC im Vergleich

Sicherlich lassen sich zwei völlig unterschiedliche Fahrzeugkonzepte wie Formel und Tourenwagen nicht vollständig miteinander vergleichen. Zahlreiche Faktoren wie Leistung, Gewicht, Aerodynamik, Reifen und Streckenlayout müssen einbezogen werden, weichen in vielen Punkten aber stark voneinander ab. Runden- und Bestzeiten auf derselben Rennstrecke geben aber zumindest einen Hinweis darauf, wo sich die Formel E in der Motorsport-Hierarchie einordnen lässt.


Weitere Inhalte:
nach 3 von 12 Rennen
Wir suchen Mitarbeiter