Formel 1 / Hintergrund

Die letzte ihrer Art - Autodromo Nazionale di Monza

Pedal bis zum Anschlag. Entgegen landläufiger Meinungen ist das nicht die Allheilmedizin im Rennsport - außer in Monza.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Monza ist einzigartig. Das sagen nicht wir, obwohl wir damit genauso recht hätten. Das sagt Fernando Alonso. Der ist bekanntlich zweifacher F1-Weltmeister und sollte es von daher wissen; auch wenn er noch nie ein F1-Rennen in Monza gewonnen hat. Aber was macht dieses Monza so einzigartig? Klar, die Lage im naturgeschützten königlichen Park, die euphorische Stimmung der Tifosi. Aber da ist noch etwas Anderes - etwas Schnelles; etwas verdammt Schnelles.

Mit dem Umstieg auf V8-Motoren ist der Volllastanteil pro Runde von 67 auf 76 Prozent gestiegen.
Mario Theissen

Monza ist ein Dinosaurier unter den Rennstrecken, gut, Dinosaurier gelten allgemein nicht unbedingt als die schnellsten Wesen, die man sich vorstellen kann, aber sie passen gut zur Formel 1 - sie waren groß und in der Formel 1 muss auch alles groß sein; sehr groß sogar. Was aber wirklich gemeint ist, ist, dass Monza die letzte verbliebene High-Speed-Strecke des Rennkalenders darstellt. Zwar wurde sie im Laufe der Jahre immer wieder verändert, mit Schikanen versehen und sicherer sowie langsamer gemacht, doch in Monza werden noch immer die höchsten Geschwindigkeiten und größten Durchschnittswerte erzielt. Alle anderen Hochgeschwindigkeitsstrecken, wie der alte Hockenheimring, sind ausgestorben - so wie die 'schrecklichen Echsen'.

"An vier Stellen erreichen die Piloten deutlich über 300 km/h", verdeutlicht Willy Rampf den besonderen High-Speed-Charakter des Kurses. "Das ist deutlich mehr als auf jeder anderen Formel-1-Strecke." Von den Teams verlangt das eine spezielle Vorbereitung. Jedes Team bringt ein eigens entwickeltes Aerodynamikpaket mit - Low-Downforce ist gefragt. Also genau das Gegenteil zu Strecken wie Monaco und dem Hungaroring. "In Monaco erreichen die Autos nur an einer einzigen Stelle 290 km/h", vergleicht Rampf. "In Monza fahren sie dagegen vier Mal deutlich schneller."

Mit High-Speed durch den Wald. - Foto: Sutton

Deshalb ist es das erklärte Ziel aller F1-Aerodynamiker, den Luftwiderstand zu minimieren. "Dafür geben wir rund ein Drittel Abtrieb her", verrät Rampf. Mit dem Monaco-Aerodynamikpaket, also allen Flügeln und Abtrieb, den man auf ein F1-Auto draufpacken kann, würde das Auto schon vor der magischen 300 km/h Marke stecken bleiben. "Weil die Motorleistung dann nicht mehr ausreicht, um den sehr stark ansteigenden Luftwiderstand zu überwinden", begründet Rampf. "Allerdings darf man den Abtrieb nicht vernachlässigen, schließlich wollen die Piloten ja dennoch spät bremsen und schnell durch die Kurven fahren."

Das bestätigt Markus Winkelhock stellvertretend für die fahrende Zunft. "Durch die langen Geraden darfst Du nicht mit viel Abtrieb fahren, trotzdem gibt es einige mittelschnelle Kurven, in denen man etwas Downforce gut gebrauchen könnte", weiß Markus. "Da dieser aber nicht vorhanden ist, muss man auf den mechanischen Grip bauen. Es ist also nicht so einfach, in Monza einen guten Mittelweg bei der Aerodynamik zu finden."

Es ist wichtig, schnell aus diesen Kurven herauszukommen, dafür muss die Traktion stimmen.
Willy Rampf

Neben der Höchstgeschwindigkeit ist entscheidend, dass die Piloten aggressiv über die Randsteine fahren können; nur so können sie eine gute Rundenzeit erzielen. "Es gibt drei Schikanen mit anschließendem Vollgasstück", betont Rampf. "Es ist wichtig, schnell aus diesen Kurven herauszukommen, dafür muss die Traktion stimmen." Die mechanische Abstimmung ist deshalb ein schwieriger Kompromiss: "Für bestimmte Fahrsituationen wie das Überfahren der Randsteine und für gute Traktion muss man weich genug abstimmen, darf aber nicht zu weich werden, sonst fehlt in den schnellen Kurvenpassagen die Stabilität." Fernando Alonso verlangt zudem nach Stabilität beim Abbremsen vor den Schikanen.

Überholmanöver - schwierig, sehr schwierig, aber nicht unmöglich. - Foto: Sutton

Auf die Bremsen kommt in Monza sowieso viel Arbeit zu. "Für die Bremsen ist Monza eine Art Wechselbad", sagt Rampf. "Einerseits lassen ihnen die langen Geraden viel Zeit zur Erholung, andererseits bedeutet das Anbremsen aus sehr hoher Geschwindigkeit jedes Mal eine extreme Belastung." Am Ende der Start-Ziel-Geraden gibt es den härtesten Bremsvorgang der Saison. Innerhalb von drei Sekunden bremsen die Piloten von 350 km/h auf 70 km/h herunter, die maximale Verzögerung beträgt 5 g. "Dabei erreichen die Bremsscheiben kurzzeitig Temperaturen von deutlich über 1.000 Grad", sagt Rampf. Besonders heikel ist der Bremsvorgang auch deshalb, weil die Karbonscheiben auf den langen Geraden mehr abkühlen, als es den Fahrern lieb ist - auf weniger als 400 Grad. "Wenn die Piloten dann mit rund 100 Kilogramm aufs Pedal drücken, beißen die Bremsen während ein paar Sekundenbruchteilen nicht optimal."

Flache Flügel, wenig Luftwiderstand, gute Stabilität, gute Bremsen, viel mechanischer Grip - wer all das hat, ist für Monza gut gerüstet. Ein wichtiger Faktor fehlt aber noch: "Monza ist die klassische Hochgeschwindigkeitsstrecke", erinnert Mario Theissen. "Mit dem Umstieg auf V8-Motoren ist der Volllastanteil pro Runde von 67 auf 76 Prozent gestiegen." Auf die Motoren kommt also mindestens genauso viel Arbeit zu wie auf die Bremsen. Es gibt aber nicht nur lange Power-Geraden und bremsenmordende Schikanen. Eine der Schlüsselstellen ist die berüchtigte Parabolica. "Sie geht voll, du fährst die ganze Zeit am Limit", verrät Winkelhock. "Das ist nicht einfach, weil sich das Auto so leicht anfühlt. Aber nur, wenn man hier richtig schnell ist, kommt man auch auf der sich anschließenden Start-Zielgeraden auf optimalen Top Speed und eine gute Rundenzeit."

Auf den langen Geraden fliegt man mit wenig Flügel und über 300 km/h auf Schikanen zu, die man im ersten Gang fährt.
Markus Winkelhock

Überholmanöver sind trotz der langen Geraden nicht einfach. "Es einige Chancen, sich an den Vordermann anzusaugen", gesteht Winkelhock. Einfach ist das für die Fahrer aber nicht. Die berüchtigte Dirty Air, die Luftverwirbelungen hinter einem anderen Auto vermiesen den Überholspaß. "Auf den langen Geraden fliegt man mit wenig Flügel und über 300 km/h auf Schikanen zu, die man im ersten Gang fährt", nennt Winkelhock ein weiteres Problem. Hier kommt wieder die Bremsstabilität ins Spiel. Durch den geringen Abtrieb ist das Auto beim Anbremsen sehr instabil. Das erschwert nicht nur die Zeitenjagd, sondern auch Überholmanöver. Aber es hat ja niemand gesagt, dass Monza einfach ist. Monza ist einzigartig.


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