Pünktlich Anfang November rieselte der erste Schnee des Jahres auf uns hernieder. Motorsportlegende und motorsport-magazin.com-Experte Klaus Ludwig konnte das gar nicht fassen: "Was bei Euch schneit es? Das gibt's doch gar nicht." Während der erste Schnee in unseren Breiten überraschend kam, stellten die ersten Bewegungen auf dem Transfermarkt keine Überraschung dar.

Mit dem Beginn der Winterpause enden die ersten Verträge. Somit wurden am 1. November einige Techniker und Ingenieure erstmals nach ihrem Gardening Leave wegen des bevorstehenden Wechsels bei ihren neuen Arbeitgebern aktiv. So nahm Peter Prodromou seine Arbeit bei Red Bull auf und übernahm Mike Gascoyne seine Aufgaben bei Spyker.

Es ist Winterzeit in der Formel 1-Welt., Foto: Sutton
Es ist Winterzeit in der Formel 1-Welt., Foto: Sutton

Für den Ex-Renault und Toyota-Technikchef war dies quasi eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte in Silverstone. Dort feierte er mit Jordan große Erfolge. Nun folgt er, ebenso wie Adrian Newey ein Jahr vor ihm, dem Ruf zurück zu den Wurzeln. Beide wollen mit kleineren, unabhängigen Teams eine neue Herausforderung angehen. Nur bei den Fahrern ist der Trend zu kleineren Teams nicht aktuell. Kimi Räikkönen und Fernando Alonso suchen ihre neuen Herausforderungen lieber bei den Top-Teams. Allerdings müssen beide noch auf der Ersatzbank schmoren; ihre Verträge laufen erst am Jahresende aus.

Einer der seine Pause nach dem Abgang bei Mercedes-Benz High Performance Engines, seiner ehemaligen F1-Motorenschmiede, hinter sich hat, ist der Schweizer Mario Illien. Auch er folgte dem Trend zurück zu den Wurzeln und stellte zusammen mit Eskil Suter ein MotoGP-Projekt auf die Beine, das bei den letzten beiden Saisonrennen dieses Jahres debütierte. Vor seinen Weltmeister-F1-Motoren Ende der 90er Jahre baute Illien schon in den 70ern einen Motorradmotor, "aber der ist nie gelaufen", blickte er mit uns lachend zurück. Der MotoGP-Einstieg von Ilmor hat auch eine klare Grundlage: Die Regeländerungen, die 2008 einen Neuanfang mit komplett neuen Triebwerken verlangen und damit alle Hersteller auf eine Stufe stellen.

Eine mögliche F1-Rückkehr von Illien könnte aus dem gleichen Grund scheitern: nämlich wegen der Regeländerungen von Max Mosley. "Die Frage ist offen für mich", sagte Illien. "Zurzeit, mit der Einfrierung des Reglements in der Formel 1 ist es sicher schwierig, da irgendwie einzusteigen und etwas zu machen. In nächster Zukunft sehe ich da keine Möglichkeit, aber ich kann nicht voraussehen, was in ein paar Jahren passieren kann." Das kann bei Max' Regeländerungen wohl niemand; noch nicht einmal er selbst...

Mosleys Plan war es die Kosten zu senken, um den unabhängigen Teams und Motorenherstellern das Leben zu erleichtern. Zugleich sollten neue Hersteller durch die niedrigeren Kosten angelockt werden. Funktioniert hat dieser Masterplan aber nicht. Die Kosten sind durch die ständigen Regeländerungen eher gestiegen denn gefallen und mit Cosworth verlor die Formel 1 Ende 2006 den letzten verbliebenen unabhängigen Motorenhersteller - also genau den Hersteller, den man beschützen und dem man helfen wollte. Der Todesstoß für Cosworth war übrigens die Erlaubnis des FIA-Weltrats, dass Ferrari nicht wie im Reglement vorgesehen nur ein, sondern zwei Kundenteams beliefern darf. Damit verlor Cosworth mit Spyker seinen letzten möglichen Kunden.

Der letzte unabhängige Hersteller ist gegangen., Foto: Sutton
Der letzte unabhängige Hersteller ist gegangen., Foto: Sutton

Was hat die Motoreneinfrierung also gebracht? Die Kosten sind bis dato gestiegen, der letzte unabhängige Motorenlieferant ist von der Bildfläche verschwunden und eine neue Einstiegsschranke wurde etabliert. Denn derzeit ist nicht geregelt, wie ein interessierter Hersteller in die eingefrorene F1 einsteigen könnte. Dabei könnte genau das irgendwann bitter nötig werden. Denn Max betont nicht umsonst seit Jahren: "Hersteller kommen und gehen, wenn sie keinen Sinn mehr in der F1 sehen, steigen sie eiskalt aus."

Mario Illien wüsste jedoch nicht, wie ein unproblematischer Einstieg vonstatten gehen sollte. Eine Variante wäre es den bereits homologierten Cosworth-Motor zu erwerben, aber das wäre mehr eine lustige Umetikettierung als ein echter F1-Einstieg eines Automobilherstellers. Die letzte Hoffnung bleibt also der Anhang 4 der 2007 Sporting Regulations der FIA. Dort steht im ersten Absatz unter Satz (iii) geschrieben: "Ein Motor, der nach dem 1. März 2007 an die FIA übergeben oder verändert und erneut übergeben wird, darf zusammen mit den anderen homologierten Motoren eingesetzt werden, wenn die FIA nach Rücksprache mit allen anderen Motorenherstellern damit einverstanden ist." Aber wann sind sich die FIA und die Hersteller schon einmal einig? Meistens sind sich ja die Hersteller untereinander schon nicht einig...

Der legendäre Enzo Ferrari wäre angesichts dieser Regeländerungen wohl noch spektakulärer explodiert, als der Ferrari-Motor von Michael Schumacher in Suzuka. Denn für den Commendatore waren die Motoren der wichtigste Bestandteil eines Rennwagens - alles andere war nur unwichtiges, wenn auch notwendiges Beiwerk. Diese Ansicht ist mittlerweile überholt, die Weiterentwicklung hat sie überflüssig gemacht. Bei den Motoren wird es eine solche Weiterentwicklung in nächster Zeit nicht mehr geben. Denn es wird kalt in der Formel 1, und zwar nicht nur, weil es November ist und der erste Schnee herunterflöckelt...