Die Sommerpause ist vorbei, das Schlussdrittel der Formel 1-Weltmeisterschaft kann beginnen. Dabei gilt es in der Türkei einige Fragen zu klären, die sich in den vergangenen Tagen des Sommerurlaubs angestaut haben. So zum Beispiel jene nach dem wahren Kräfteverhältnis.
In Frankreich waren Ferrari und Renault relativ gleichauf, in Hockenheim dominierte Rot, in Ungarn verwässerte das Wetter einen fairen Vergleich der Titelanwärter. In Istanbul wird sich nun herausstellen, wer das beste Auto, den besten Reifen und die beste Ausgangslage für den WM-Endspurt besitzt. Fragezeichen gibt es dennoch genug: Etwa das Verbot der Masse-Dämpfer, welches am Dienstag in Paris verhandelt wird. Aber auch das Wetter könnte in der Türkei wieder eine Rolle spielen. Schließlich erinnern wir uns nur zu gut daran, dass es auch bei der Türkei-Premiere im Vorjahr am Sonntagmorgen einmal regnete - allerdings war davon nur die GP2 betroffen.
Renault: Zuversicht im Dämpferstreit

Am Dienstag vertritt Renault sich selbst vor dem FIA Berufungsgericht in der Dämpferfrage. Am Mittwoch wird der International Court of Appeal das Urteil bekannt geben. Die Franzosen sind zuversichtlich, dass sie die legendären Schwingungsdämpfer wieder ins Auto einbauen dürfen und schließen sogar weitere Schritte nicht ein, etwa weil sie in den letzten beiden Rennen darauf verzichten mussten oder wenn sie tatsächlich verlieren sollten. Sportlich haben sie Dämpfer hin, Schwingung her einiges zu beweisen: In Ungarn waren sie zwar das überlegene Team, doch lag dies vor allem an den unerwartet kühlen Temperaturen und dem Regenchaos am Renntag. In der Türkei heißt es jetzt zu beweisen, dass sie im Titelkampf noch immer ein ernstzunehmender Gegner sind, oder besser gesagt: Das Team, das es für Ferrari zu schlagen gilt.
Ferrari: Jetzt erst Recht
Nach dem Ausfall von Budapest mussten Ferrari und Michael Schumacher etliche Prügel einstecken, die Disqualifikation von Robert Kubica brachte ihnen dennoch einen WM-Punkt; einen Punkt, der noch sehr wichtig werden könnte. Denn nur dank dieses Punktes kann Michael Schumacher mit fünf Siegen aus den letzten fünf Rennen aus eigener Kraft Weltmeister werden. Besonders wichtig wird im Titelduell wieder einmal das schwarze Gold: Wie schnell sich das Glück wenden kann, zeigten die niedrigen Temperaturen in Ungarn, die Bridgestone im Vergleich zu Michelin ins Hintertreffen geraten ließen; ganz zu schweigen von den Schwächen der Bridgestones unter nassen Bedingungen. Nichtsdestotrotz ist Ferrari nach 13 Saisonrennen in beiden WM-Wertungen so nah an Renault dran wie zuletzt in Bahrain. Jetzt sollen beide Titel nach Maranello geholt werden. Eine Frage wird dabei auch in Istanbul über dem roten Motorhome schweben: Wie wird sich Michael Schumacher zwei Wochen später in Monza entscheiden? Macht er weiter oder hört er auf?
McLaren: Der erste Sieg?

In Ungarn hätte es klappen können. Aber noch ist McLaren Mercedes in dieser Saison ohne Sieg. Für die erfolgsverwöhnte Truppe wäre es eine Katastrophe das Jahr ohne einen Triumph beenden zu müssen. Also werden Kimi Räikkönen und Pedro de la Rosa in Istanbul einen weiteren Anlauf nehmen, ihre Formkurve zeigte zuletzt eindeutig nach oben. Dass der Spanier durchaus eine Siegchance besitzt, bewies er mit seiner bravourösen Fahrt durch den Regen von Budapest. Aber auch bei den Silbernen brodelt die Gerüchteküche: Angeblich soll Mercedes wieder einmal vor der Übernahme des Teams stehen, zugleich soll damit Kimi Räikkönen zu einem weiteren Verbleib bewogen werden. Warten wir es ab...
Honda: Eintagssieg oder Durchbruch?
Zum ersten Mal in der Teamgeschichte reist Honda als GP-Sieger zu einem Rennen. Das gleiche gilt für Jenson Button, der in Ungarn endlich den Fluch von 113 sieglosen Rennen durchbrach. Aber war dies auch der große und längst überfällige Durchbruch für Jenson und sein Honda-Werksteam? Den Beweis müssen sie nun in der Türkei antreten, mit einer Wiederholung des Erfolges sollte unter normalen Bedingungen aber nicht gerechnet werden; schließlich hätte Button bei einem normalen Rennverlauf auch in Ungarn nicht gewinnen können. Ein Aufwärtstrend und Kampf um Punkte oder Podestplätze sollte jedoch machbar sein.
Toyota: Sayonara Platz 4

Für Toyota war der Ungarn GP 2006 eine bittere Pille, aber nicht nur weil Ralf Schumacher und Jarno Trulli zum wiederholten Male nicht das erwartete Ergebnis einfahren konnten. Am Ende des verregneten Tages musste man dem Erzrivalen Honda zum ersten Sieg gratulieren. Die Weiß-Roten fahren diesem ersten Triumph weiter hinterher - dabei stand er genauso auf der Wunschliste für 2006 wie die Positionierung als bestes Bridgestone-Team. Den Traum vom Sieg haben die Japaner zwar noch nicht aufgegeben, aber dafür müsste es endlich einmal von Freitag bis Sonntag nach Plan laufen, bisher kam Toyota immer etwas Unvorhergesehenes dazwischen. Für den Rest des Jahres heißt es jetzt weiter fleißig Punkte zu sammeln, vielleicht noch ein paar Podestplätze zu erobern und den Kampf um Platz 5 der Konstrukteurswertung gegen BMW Sauber zu gewinnen - Rang 4 ist nach Buttons Sieg außer Reichweite.
BMW Sauber: Ein Pole für Bayern
Ab dem Türkei GP sitzt Robert Kubica nicht mehr nur als Ersatzmann für einen "verletzten" Jacques Villeneuve im zweiten F1.06, stattdessen ist er bis zum Saisonende offizieller zweiter Stammfahrer neben Nick Heidfeld. Was für Villeneuve ein "Fragezeichen" darstellt, war für viele Experten abzusehen: Denn Kubica machte nicht nur als Freitagstester eine gute Figur. Von einigen Fehlern unter schwierigen Wetterverhältnissen abgesehen, fuhr Kubica ein tolles Debütrennen und holte sich gleich zwei Punkte - die Disqualifikation wegen Untergewichts ging klar auf die Kappe des Teams. In der Türkei muss er nun seine Leistung bestätigen. Für BMW Sauber geht es im Kampf um Platz 5 um Punkte, Geld und die Ehre. Der erste Podestplatz durch Nick Heidfeld sollte aber ausnahmsweise einmal Auftrieb gegeben haben, ansonsten geht es in der F1 ja eher um Abtrieb dank flexibler Flügelchen...
Red Bull: Rennen 1 vor Mark Webber

Für Christian Klien beginnt in Istanbul das große Schaufahren: Wenn er noch irgendeinen Teamchef von seinen Fähigkeiten überzeugen und ein F1-Cockpit für 2007 ergattern möchte, muss er in den letzten fünf Rennen alles geben. Aber selbst wenn ihm das gelingen sollte, bleibt die bittere Frage: Wo ist noch ein Platz für ihn frei? David Coulthard kann sich hingegen schon voll auf die neue Saison und seinen neuen Teamkollegen Mark Webber konzentrieren. In den letzten Rennen geht es für Red Bull nur noch darum vielleicht ein paar Punkte abzustauben und möglicherweise schon jetzt das ein oder andere neue Teil für den RB3 auszuprobieren. Die Entwicklung des aktuellen RB2 wurde derweil eingestellt.
Williams: Die neun als Glückszahl?
Seit dem Nürburgring oder besser gesagt seit acht Rennen ist der erfolgreichste Rennstall der 90er Jahre ohne einen einzigen WM-Punkt. Für Racer wie Frank Williams und Patrick Head ist dieser Zustand sicherlich genauso qualvoll wie die bislang sieglose Saison für McLaren-Teamboss Ron Dennis. Da für die letzten Rennen kaum Besserung in Sicht ist und ein paar Pünktchen wohl das Maximum sein werden, was Mark Webber und Nico Rosberg herausholen können, wird man sich in Grove bereits auf 2007 freuen, dann soll mit Toyota-Power im Heck alles besser werden - noch im September soll erstmals ein Interimsauto mit dem neuen japanischen Triebwerk aus der Garage rollen; die Erinnerungen an erfolgreichere Tage mit einem anderen japanischen Motorenpartner dürften bei Williams einige ins Schwärmen bringen...
Toro Rosso: Nummer 9

Während das Schwesterteam Red Bull Racing in dieser Saison hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, wussten die Jungbullen ein ums andere Mal mit ihren begrenzten Mitteln zu überzeugen. Der große Coup dank der V10-Motoren blieb zwar aus, aber zuletzt war man mehrmals nah an den RBR-Fahrern dran, was aber wohl auch an deren Performance-Rückstand lag. Aus eigener Kraft ist es für STR unmöglich einen weiteren WM-Punkt zu jenem einem aus Indianapolis hinzuzufügen. Sollte Midland oder Super Aguri aber kein mittleres Wunder gelingen, ist ihnen aber Rang 9 der Konstrukteurswertung sicher.
Midland: Kampf ums dritte Cockpit
Für MF1 begann die Sommerpause etwas später: Drei Tage nach dem Ungarn GP absolvierte das Team zusammen mit Adrian Sutil einen Straight-Line-Aerodynamiktest. Aber keine Angst: Die Russen blieben unter dem 50 km Shakedown-Limit und verletzten somit nicht das freiwillige Testabkommen der Teams. Einen großen Fortschritt werden Tiago Monteiro und Christijan Albers dadurch ohnehin nicht machen können. Im Kampf um das dritte Cockpit hat zumindest in Istanbul noch einmal der Schweizer Giorgio Mondini das Rennen gemacht, erst bei den drei Überseerennen am Ende der Saison machen sich Markus Winkelhock und Adrian Sutil noch einmal berechtigte Hoffnungen auf eine Cockpitrückkehr als Freitagstester.
Super Aguri: Die neue Aufhängung
In Hockenheim schickte Super Aguri den rundum erneuerten SA06 ins Rennen. Jetzt folgt die nächste Neuerungen: Der SA06 erhält in der Türkei eine neue Aufhängung, die das Gesamtpaket abrunden und weitere Zehntel im Kampf gegen Midland bringen soll. Der erhoffte Gewinn des ersten WM-Zählers scheint aber dennoch in weiter vorne zu sein. Demnach hat sich für die Japaner auch in der dreiwöchigen Sommerpause nichts verändert: Sie haben noch immer keine Chance, wollen diese aber nutzen.



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