Nach einem Jahr der Enthaltsamkeit in der Formel 1, als ein Satz Reifen für Qualifying und Rennen reichen musste und ein Wechsel nur im Notfall erlaubt war, können die Fahrer jetzt wieder aus dem Vollen schöpfen. Die Reifen entscheiden nach wie vor über Sieg oder Niederlage, daran hat sich so wenig geändert wie an den extremen Belastungen, denen die Reifen in der Formel 1 ausgesetzt sind.

Durch die Rückkehr zur alten Reifenregel und die damit verbundenen häufigeren Boxenstopps ist die Formel 1 nicht nur interessanter, sondern auch noch sicherer geworden. Die Piloten kommen erst gar nicht in Versuchung, mit einem abgenutzten oder angeschlagenen Reifen weiter zu fahren und im schlimmsten Fall einen Unfall zu riskieren, nur um nicht durch einen außerplanmäßigen Wechsel Zeit zu verlieren. Doch die neue Regel ist kein Freibrief für die Fahrer. "Wir können jetzt zwar wieder etwas aggressiver fahren", sagt Williams-Pilot Mark Webber "trotzdem müssen wir natürlich aufpassen, dass wir mit den Reifen über die Runden kommen."

2005 lagen dunkle Wolken über Michelin., Foto: Sutton
2005 lagen dunkle Wolken über Michelin., Foto: Sutton

Bevor an der Boxenmauer die Stunde der Strategen schlägt, muss erst einmal die Reifenfrage geklärt werden. Bei dem Angebot, das die Gummi-Paragraphen im Reglement der Formel 1 zulassen, wird die Wahl schnell zur Qual. Den Fahrern stehen für ein Grand-Prix-Wochenende nicht weniger als sieben Sätze Trockenreifen zur Verfügung, dazu kommen vier Sätze Regenreifen sowie drei Sätze so genannter Monsunreifen, die auch für den Fall, dass ein Wolkenbruch die Strecke unter Wasser setzt, die nötige Sicherheit garantieren. WilliamsF1-Reifenpartner Bridgestone produziert in diesem Jahr etwa 60.000 Reifen für seine Teams, bringt zu jedem Grand Prix 1.200 Reifen an die Strecke.

Die Auswahl der richtigen Reifen ist eine Wissenschaft für sich. Ein Griff zu den falschen Gummis kann einen Fahrer um alle Chancen bringen. Im Freien Training am Freitag müssen sie herausfinden, mit welcher Reifenmischung sie auf der jeweiligen Strecke am besten zurechtkommen, welche am besten zum Auto und der geplanten Strategie passen. Vor dem Qualifying müssen sie dann entscheiden, auf welche Mischung sie für den Rest des Grand-Prix-Wochenendes setzen.

Auch als normaler Autofahrer verliert man beim Reifenkauf leicht den Überblick. "Auf jeden Fall sollte man einen Fachhändler aufsuchen und einige Grundregeln beachten", empfiehlt Dr. Christoph Lauterwasser vom Allianz Zentrum für Technik. Zunächst sollte man die Vorgaben bezüglich Geschwindigkeitskategorie, Größe und Tragfähigkeitskennzahl berücksichtigen. Auch die DOT-Kennzeichnung, die das Herstellungsdatum des Reifens verrät, sollte beachtet werden. Der AZT-Experte: "Wer versucht, am Reifen zu sparen, spart am falschen Fleck. Deshalb ist auch generell von einer Kombination von Sommer- und Winterreifen dringend abzuraten. Eine solche Mischbereifung kann zu einem unkontrollierbaren Fahrverhalten führen."

Der Auslöser des Schlamassels: Ralfs Unfall., Foto: Sutton
Der Auslöser des Schlamassels: Ralfs Unfall., Foto: Sutton

Im Gegensatz zum Alltagsverkehr sind die Reifen in der Formel 1 extremen Belastungen ausgesetzt. Die Boliden beschleunigen aus dem Stand in 2,6 Sekunden von 0 auf 100. Dabei müssen die Hinterreifen dem 700 PS starken Auto so viel Halt auf dem Asphalt bieten, dass die Räder beim Beschleunigen nicht durchdrehen. Die Vorderreifen müssen beim Abbremsen Schwerstarbeit verrichten. In Zahlen: Bei einer Volbremsung aus 200 km/h steht ein Formel-1-Auto innerhalb von 55 Metern, durch die dabei entstehenden Verzögerungskräfte wirken auf die Reifen in Längsrichtung unvorstellbare 2,5 Tonnen. Noch höher ist die Belastung in den Kurven, wo die Reifen bei Fliehkräften von bis zu 3,2 g Seitenführungskräfte von rund 2,2 Tonnen aushalten müssen.

Selbst beim Geradeausfahren wirken auf die Reifen durch den von den Flügeln erzeugten Anpressdruck unglaubliche Kräfte. Wenn die Piloten mit Tempo 320 unterwegs sind, drücken die Flügel das Auto hinten mit einer Kraft von 1,6 Tonnen und vorne mit 1,1 Tonnen nach unten. Der Anpressdruck der Flügel ist so hoch, dass ein Formel-1-Auto mit mittlerer Flügeleinstellung rein theoretisch schon ab 150 km/h kopfüber an der Decke fahren könnte.

Die Gummimischung eines Formel-1-Reifens arbeitet optimal in einem Bereich von 70 bis 95 Grad Celsius. Sind die Reifen kälter, können sie nicht genügend Haftung aufbauen, werden sie heißer, bauen sie zu schnell ab. Im schlimmsten Fall bilden sich Blasen, die sie irgendwann zum Platzen bringen. Um das zu verhindern, werden die Reifen, die aus rund 80 Kautschuksorten und 250 weiteren Zutaten wie Ölen, Stahl, Schwefel, Zink, Polyester, Harz und Kieselsäure bestehen, noch im Werk einer strenge Qualitätskontrolle unterzogen. Es war denn auch ein Novum in der Geschichte der Formel 1, als ein Reifenhersteller seinen Teams beim Grand Prix der USA 2005 aus Sicherheitsgründen einen Startverzicht nahe legte. Das Rennen mit nur sechs Autos war sportlich eine Farce, aber auch ein Beleg dafür, dass der Leitsatz "Safety first" in der Formel 1 über allen anderen Interessen steht.