Das Brainstorming für den Kanada GP fällt nicht gerade schwer: Bremsen, Bremsen und natürlich Bremsen! Mehr fällt dem Gehirnstürmer in den ersten Sekunden nicht ein. Danach kommen ihm aber durchaus noch andere Begriffe in den von Bremsstaub vernebelten Sinn: Die Insel ist einer davon, die Murmeltiere ein anderer.
Die Verbindung wird schnell deutlich: In Montreal ist die Formel 1 nach Silverstone zum zweiten Mal hintereinander reif für die Insel - diesmal allerdings nicht die sprichwörtlich grüne Insel, sondern jene der Murmeltiere! Diese possierlichen Bewohner haben sich nämlich auf der Ile de Notre Dame inmitten des Sankt Lorenz Stroms eingenistet - trotz des alljährlichen Motorenlärms auf dem Straßenkurs. Daran sollten sich manche Anwohner von Monza ein Beispiel nehmen; denn von den Murmeltieren gab es bislang noch keine juristischen Anstrengungen ein Lärmschutzgesetz durchzusetzen...

Die Strecke an sich hat einen Bushaltestellen-Charakter: Stop-and-Go lautet das Motto der 4,361 Kilometer langen Strecke. Lange Vollgaspassagen, brutale Verzögerung und hartes Beschleunigen aus langsamen Kurven heraus summieren sich zu einer extremen Prüfung für Antriebsstrang und Bremssysteme. Der Circuit Gilles Villeneuve gilt als wahrer Materialmörder; zusammen mit Imola und Bahrain führt er die Most-Wanted-Liste der größten Bremsenkiller an.
Obwohl vom Charakter her eine reinrassige Rennstrecke, weist der Kurs doch das typische Merkmal eines Straßenkurses auf: Die Strecke ist besonders zu Beginn des Wochenendes stark verschmutzt und ändert ihr Gesicht mit jeder Session. Dies erschwert die mechanische Abstimmung der Boliden und vor allem die Kalibrierung der Traktionskontrolle, die auf ein bestimmtes Grip-Niveau eingestellt werden muss.
In anderer Hinsicht ist der Circuit dagegen Rennstrecke pur: Auf der langen Geraden vor Start und Ziel sowie im hinteren Streckenteil erzielen die Formel 1-Renner viermal Geschwindigkeiten über 300 km/h. In Kombination mit den relativ langsamen Kurven und Spitzkehren ergibt sich ein ähnlicher Charakter wie in Imola - wenn auch auf einem höheren Speed-Niveau. Zur Freude der Zuschauer begünstigt ein solches Layout Überholmanöver und verhindert in der Regel ein Auseinanderfallen des Feldes.

Bei der Abstimmung der Boliden müssen Fahrer und Ingenieure eine Vielzahl von Besonderheiten berücksichtigen: Die Strecke stellt sehr hohe Anforderungen an das Bremsverhalten, die Traktion, die Aerodynamik und die Motorleistung. Die unterschiedlichen Voraussetzungen für die langen Geraden und die engen Haarnadelkurven erfordern von den Teams starke aerodynamische Kompromisse, um in beiden Streckenteilen konkurrenzfähig zu sein.
Eine der Schlüsselstellen ist die Schikane kurz vor Start und Ziel. Dort müssen die Boliden innerhalb von nur knapp zwei Sekunden von weit über 300 km/h auf 100 km/h herunter gebremst werden. Danach geht es schon wieder mit Vollgas auf der der Start-/Zielgeraden entlang. Wer hier einen Fehler macht, landet schneller in der legendären Wall of Champions, als er "Achtung, Murmeltier!" rufen kann.
Was also bleibt als Schlüsselfaktor übrig? Natürlich die Bremsen! Es sind aber nicht nur die vielen Schikanen und harten Bremsmanöver, die die Piloten zum intensiven Einsatz des Bremspedals zwingen. Ein weiterer Grund sind die tapferen, aber keineswegs rasanten Murmeltiere, die gerne einmal die Strecke kreuzen.Sie sind eben wirklich mittendrin - und hoffentlich auch danach noch dabei...



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