Mitte der Sechzigerjahre beehrte die Formel 1 erstmals Kanada - zunächst wurde aufgrund der Rivalität zwischen den Franko-Kanadiern und den englischsprachigen Zeitgenossen alternierend in Mosport und Mont-Tremblant gefahren. Letzterer Kurs erwies sich jedoch als zu gefährlich, weshalb ab 1971 nur noch in Mosport gefahren wurde.

Mit dem Aufstieg des Franko-Kanadiers Gilles Villeneuve, der für 1978 einen Ferrari-Vertrag in seiner Tasche hatte, wuchs die Idee, in Quebec eine neue Rennstrecke aus dem Boden zu stampfen. Doch das wäre zu teuer gewesen - weshalb man beschloss, auf der 1967 errichteten Insel Notre Dame - die im St. Lorenz-Strom in Montreal liegt und auf welcher 1967 die Expo und 1976 die Olympischen Spiele beheimatet waren - die dort vorhandenen Straßen in eine Rennstrecke zu verwandeln. 1978 wurde dort der erste Grand Prix von Kanada abgehalten.

1978: Wie im Märchen

1978 fand der Kanada-GP noch am Saisonende statt - es war eine von Lotus und deren Ground Effect-Boliden dominierte Saison, Mario Andretti stand als Weltmeister fest. Gilles Villeneuve konnte in seinem Ferrari bis dahin noch keinen Sieg einfahren. Das Rennen dominierte Jean-Pierre Jarier, der bei Lotus den in Monza tödlich verunglückten Ronnie Peterson ersetzte - doch in Runde 49 musste der Franzose aufgeben. Und so konnte Gilles Villeneuve einen wild gefeierten Triumph einfahren - sein erster Sieg, beim Heim-GP - wie im Märchen.

Gilles Villeneuve gewann 1978 seinen Heim-GP in Montreal., Foto: Sutton
Gilles Villeneuve gewann 1978 seinen Heim-GP in Montreal., Foto: Sutton

1979 war jenes Jahr, in dem Niki Lauda in Montreal die Lust verließ - er wolle nicht mehr "im Kreis fahren", sagte er damals. Und wurde von Ricardo Zunino ersetzt - Lauda fuhr in dem gesamten Jahr mit einem Brabham-Alfa BT48 dem Feld hinterher, in Montreal wurde erstmals der Nachfolger BT49 eingesetzt, mit dem es in Folge aufwärts ging. Gilles Villeneuve musste sich in diesem Jahr mit Rang 2 hinter Alan Jones begnügen, der Australier gewann auch im Jahr darauf.

1982: Trauer und Tragödie

1982 war wohl einer der traurigsten Kanada-GP in der Geschichte. Nationalheld Gilles Villeneuve verstarb rund einen Monat vor dem nunmehr im Juni abgehaltenen Rennen - Ferrari ersetzte Villeneuve nicht, lediglich Stallkollege Didier Pironi trat an. Der Franzose eroberte die Pole-Position - doch am Start würgte er den Motor ab, der Italiener Ricardo Paletti krachte mit seinem Osella in den Ferrari, das Paletti-Auto brannte lichterloh, der Fahrer schaffte es nicht, auszusteigen, später erlag er im Spital seinen schweren Verletzungen. Nelson Piquet holte den ersten Sieg mit dem BMW-Turbo - doch die Freude war stark getrübt. Die Rennstrecke wurde im selben Jahr auf "Circuit Gilles Villeneuve" umgetauft.

Jacques Villeneuve wurde 1996 hinter Damon Hill Zweiter., Foto: Sutton
Jacques Villeneuve wurde 1996 hinter Damon Hill Zweiter., Foto: Sutton

1987 musste das Rennen nach einem Disput zwischen den Veranstaltern und den Formel 1-Autoritäten abgesagt werden - 1988 kehrte die Formel 1 zurück, der Kurs wurde in der Zwischenzeit stark modifiziert.

Sternstunden

Eine Sternstunde gab es auf der Insel Notre Dame für Thierry Boutsen, der 1989 im Regen seinen Williams-Renault als Erster über die Ziellinie brachte. 1991 konnte der alternde Nelson Piquet mit dem Benetton den letzten seiner 23 Siege erobern. 1995 feierte Jean Alesi im Ferrari seinen ersten und einzigen GP-Sieg.

Die meisten Siege eroberte Michael Schumacher auf der künstlichen Flussinsel - 1994 feierte er mit Benetton, 1997, 1998, 2000, 2002, 2003 und 2004 mit der Scuderia Ferrari. Im Jahr 2000 sorgte Schumacher für den knappsten Zieleinlauf auf kanadischem Boden, als er nur 0,174 Sekunden vor seinem Stallkollegen Rubens Barrichello über die Ziellinie raste. Auch im Jahr 2003 war der Deutsche an einem Rekordergebnis beteiligt - die ersten Vier lagen innerhalb von 4,4 Sekunden, wobei Schumacher 0,784 Sekunden vor seinem Bruder Ralf sowie 1,3 Sekunden vor Juan Pablo Montoya und 4,4 Sekunden vor Fernando Alonso ins Ziel kam.

1996: Jacques wird Zweiter

1996 bejubelten die Kanadier den Ersteinsatz von Jacques Villeneuve - und beinahe hätte der Sohn es seinem Vater gleichgemacht und gleich das erste Rennen auf heimischem Boden gewonnen. Am Ende belegte JV nur rund vier Sekunden hinter seinem Williams-Stallkollegen Damon Hill den zweiten Platz. Elfmal stand Villeneuve in der Folge ganz oben auf dem Siegerpodest, seinen Heim-GP konnte er jedoch nie gewinnen.

Alex Wurz bei seinem Überschlag im Jahr 1998., Foto: Sutton
Alex Wurz bei seinem Überschlag im Jahr 1998., Foto: Sutton

Fast schon unheimlich wurde den Fans Alex Wurz im Jahr 1998 - nach einer Startkarambolage lag der Benetton des Niederösterreichers kopfüber im Kiesbett - was ihn nicht daran hinderte, sich in dieser misslichen Lage über Boxenfunk nach dem Ersatzauto zu erkundigen. Weniger glimpflich kam Olivier Panis davon, der sich in Montreal 1997 beide Beine brach.

Nicht unerwähnt darf die berühmte "Wall of Champions" bleiben. So nennen die Kanadier jene Wand nach der Schikane vor Start/Ziel, welche bereits einigen Größen des Sports zum Verhängnis wurde. Entstanden ist dieser Begriff im Jahr 1999, als dort die Weltmeister Damon Hill, Jacques Villeneuve und Michael Schumacher einschlugen - und weil Ricardo Zonta damals Sportwagen-Champion war, durfte man ihn auch dazuzählen. Genau an jener Stelle, an der auch die Ausnahmekönner schon einmal die Mauer geküsst haben, hängt ein Willkommensschild: "Welcome to Quebec".