Mal ganz ehrlich: Es ist doch jedes Jahr dasselbe: Da warten Dutzende wunderschöne Rennstrecken rund um die Welt sehnsüchtig darauf, ein Formel 1-Rennen austragen zu dürfen und wir sehen eine fast zweistündige Prozession zwischen irgendwelchen Häuserschluchten neureicher Emporkömmlinge. Was ist das schon gegen den mondänen Charme von Magny Cours, die blitzsaubere Sterilität von Shanghai oder das unaufregende Streckenlayout von Barcelona? OK, war nicht ganz ernst gemeint...

Trotzdem: Es kann wohl kein Zufall sein, dass in den letzten Jahren immer mehr Fahrer dem Fürstentum den Rücken gekehrt haben. Kein Wunder, denn egal, wie viel Kohle du in der Formel 1 gemacht hast, es gibt garantiert einen in deinem Wohnhaus, der noch viel mehr auf dem Konto hat, eine noch größere Yacht, eine noch jüngere Freundin besitzt.

Aber es gibt noch genügend andere Gründe, die gegen Monaco sprechen: Die Ausrede "Er war auf der Geraden viel schneller als ich" zieht hier nicht. Außerdem wäre jedes Gokart schneller in dieser Loews-Haarnadel und in welcher Richtung dich dieser verdammte Tunnel wieder ausspuckt, ist jedes Mal wieder ziemlich ungewiss.

Außerdem sind die heißesten französischen Filmschauspielerinnen mittlerweile jenseits der 50. Und es macht relativ wenig Sinn, Tür an Tür mit jemandem zu wohnen, der einen vergangenen Sonntag noch bei 300 von der Strecke boxen wollte. Monaco ist out - glaubt mir!

OK, wenn man die ganze Weltmeisterschaft auf ein einziges Rennen reduzieren würde, würde dies wohl oder übel in Monaco stattfinden müssen.

OK, wenn es einen Preis für die besten Streckenposten der Welt geben würde, er wäre den Marshals im Fürstentum sicher. Das wurde mir zuletzt schmerzlich bewusst, als ich auf einer exotischen Rennstrecke - ich vermeide bewusst den Hinweis, welche es war - zusehen musste, wie ein tolles Rennen kaputt gemacht wurde, weil die völlig überforderten Streckenposten eine Viertelstunde brauchten, um ein Auto ein paar Meter aus dem Gefahrenbereich zu befördern.

Monaco multipliziert alle Gefühle. Wer sich sonst gerne aus dem Weg geht, der muss sich hier ziemlich öffentlich anschnauzen. Wer schwache Nerven hat, der kriegt hier Nervenflattern. Die Guten werden hier zu Übernatürlichen.

Und wer glaubt, dass Motorsport anderswo laut ist, wünscht sich ein ganz normales Formel 1-Rennen ohne Häuserschluchten, die den Schall gnadenlos tausendfach zurückwerfen.

Als Chronist sei angemerkt: Bei aller Langeweile im Rennverlauf verdanken wir Monaco große Momente und herrliche Geschichten des Sports: einen britischen Geheimagenten, der unter falschem Namen das allererste Rennen gewann, einen Oldtimer - den ERA, Baujahr 1935 - der im Jahr 1950 tatsächlich an einem Formel 1-Lauf teilnahm. Dazu zwei Abflüge von Piloten ins Mittelmeer, ein Rennen 1982, bei dem sich schon 4 Fahrer als Sieger fühlen durften, 3 davon aber noch in der Schlussrunde ausfielen, und einen Stefan Bellof, der im Regen von Startplatz 20 auf Rang 3 vorfuhr - eine Runde länger und er hätte gewonnen!

Grace Kelly, die von Niki Lauda einen galanten Handkuss erhält, ein Rennen 1996, bei dem nur 3 Autos die Ziellinie überqueren und ein ehemaliger Sieger, der im Herbst seiner Karriere in einem Superman-Kostüm die Fürstenloge betritt. Die schönsten Geschichten passieren in Monaco immer am Rande.

Meine prägendste Erinnerung ist jener Moment im Jahr 2000, als Mika Häkkinen sich entschied, zurückzutreten. Der amtierende Weltmeister war ausgeschieden und über die einzige Verbindungsbrücke auf dem Weg ins Fahrerlager, wo etwa 30 Journalisten auf 3 Quadratmeter auf ihn warteten. Zehn Meter neben uns brüllten die Konkurrenten durch die Rascasse.

Mika blieb stehen und beantwortete meine erste Frage, als von hinten die übliche Drängelei der so genannten Kollegen begann. In diesem Moment war Häkkinen gefangen wie ein verwundetes Tier in einem Käfig. Er brach sofort ab und zwängte sich mit aufgerissenen Augen am Zaun vorbei und verschwand. Er gab an dem Tag kein Interview mehr. Wenige Tage später erklärte Mika Häkkinen seinen Rücktritt. Ich behaupte: der Monaco-Faktor hat ihn übermannt und er hat in jenem Augenblick erkannt, in welchem Wahnsinn er da drin steckt.

Tatsache ist: Monaco ist keinem egal. Es ist immer 100 oder Null. Liebe oder Hass. Ratet mal, auf welcher Seite ich stehe...