"Wir werden in Monaco stark zurückschlagen", warnte Scott Speed nach dem Spanien-Grand Prix. Für die direkten Gegner der Scuderia Toro Rosso sind solche Sätze Wasser auf den Mühlen - denn Midland und Co befürchten, dass die Jungbullen im Fürstentum in den Genuss aller Vorteile des gedrosselten Zehnzylindermotors kommen werden. Und einer der größten Vorteile des V10 ist sein höheres Drehmoment - man kann durchaus behaupten, dass es keine andere Strecke als Monaco gibt, in der das Drehmoment wichtiger sein könnte.

Das Drehmoment definiert das Ansprechverhalten eines Motors und damit die Beschleunigung. Dass also die V10-Motoren mit ihrem höheren Drehmoment rein technisch betrachtet in punkto Beschleunigung einen Vorteil haben, ist unbestritten. Weil das Drehmoment nicht proportional zu den Umdrehungen steigt, betrifft die Drosselung des V10 nur dessen Drehzahl und Leistung. Das optimale Drehmoment erzeugt der V10-Motor bei einer Drehzahl zwischen 15.000 und 16.000 U/min. Allerdings hat auch die FIA nie bestritten, dass der gedrosselte V10-Motor ein höheres Drehmoment aufweist - die Restriktionsformel soll genau dafür den nötigen Ausgleich besorgen, soll den Motor in seiner Leistung einschränken.

Umstrittene Restriktionsformel

Doch diese Restriktionsformel war seit ihrer Einführung umstritten. Denn nicht nur direkte Gegner der Scuderia behaupteten in den letzten Wochen und Monaten immer wieder, dass die gedrosselten Cosworth-Motoren nicht nur über ein größeres Drehmoment, sondern auch über eine höhere Leistung verfügen - trotz Restriktionsformel. Mercedes-Rennleiter Norbert Haug erklärte bereits im April: "Toro Rosso hat mehr PS - das ist kein Geheimnis. Es könnten um bis zu zehn Prozent mehr sein."

Theissen und Haug sind sich einig - der V10 hat mehr PS., Foto: Sutton
Theissen und Haug sind sich einig - der V10 hat mehr PS., Foto: Sutton

BMW-Motorsportdirektor Dr. Mario Theissen bestätigte: "Der V10 ist sehr viel stärker als ein V8. Diese Schlussfolgerung haben alle Motorenhersteller getroffen." Der PS-Vorteil würde zwischen 50 und 100 PS betragen, schätzte Theissen, der schon vor Wochen erklärt hat, es wäre keine schlechte Idee, die Restriktionsformel noch einmal zu überdenken.

Direkt betroffen fühlt sich Midland-Teamchef Colin Kolles - in Barcelona beschwerte sich Kolles bitter über die Topspeedwerte von Toro Rosso: "Wir verloren im ersten Sektor viel Zeit auf sie, da ihre Geschwindigkeit auf der Geraden so gut war. Damit ist doch klar, dass die Äquivalenz-Formel nicht funktioniert."

Umstrittene Topspeedwerte

In Barcelona beschwerten sich Tonio Liuzzi und Scott Speed darüber, dass sie mit ihren STR-01 auf den Geraden gegenüber der Konkurrenz "verhungern" würden. Allerdings: In der Topspeedliste von Barcelona belegte Scott Speed den zehnten Rang. Da die Höchstgeschwindigkeit jedoch stark von der Flügeleinstellung abhängig ist, können auch diese Werte schwer als Beweismaterial herangezogen werden. Es steht also immer noch Aussage gegen Aussage, quasi.

Colin Kolles hat nach Barcelona erklärt: "Hoffentlich wird dieses Thema bis Monaco geklärt." Dafür hätte sich die Sportbehörde FIA einschalten müssen, was diese jedoch nicht getan hat. Schon im April haben Midland und Super Aguri in einem Brief an die FIA ihren Unmut zum Ausdruck gebracht.

Midland und Super Aguri fühlen sich benachteiligt., Foto: Sutton
Midland und Super Aguri fühlen sich benachteiligt., Foto: Sutton

Die FIA argumentiert damit, dass die Restriktionsformel nicht zum Ziele habe, dass die beiden Toro Rosso bei jedem Rennen in der letzten Startreihe stehen sollen - es soll eine Ausgleichsformel sein, betonte Max Mosley. Die Sportbehörde behielt sich zwar vor, die Formel bei Bedarf zu revidieren, sah sich aber bislang nicht veranlasst, dies zu tun.

Toro Rosso reagiert gelassen

Schon im Frühjahr erklärte Franz Tost, der Teamchef der Scuderia Toro Rosso, sarkastisch zu den Beschwerdeführern: "Die sollten froh sein, dass wir einen V10-Motor haben, denn mit einem V8 wären wir ganz sicher in den Top Ten." 50 Prozent-Eigner Gerhard Berger sagte, als er jüngst auf den angeblichen Vorteil in Monaco angesprochen wurde, nur so viel: "Alles Blödsinn! Wir haben hier auf der Strecke nicht weniger Vor- oder Nachteile als sonst wo."

Vor dem ersten Saisonlauf in Bahrain erklärte Norbert Haug, er würde unter diesen Umständen Toro Rosso einen Podestplatz zutrauen - bekanntlich konnten Liuzzi und Speed bislang keinen einzigen wirklichen WM-Punkt einfahren. McLaren-Boss Ron Dennis hat damals erklärt: "Wenn sie Punkte holen sollten, dann wird es sicher Leute geben, die sich darüber aufregen. Wenn sie uns Punkte wegnehmen, dann werde ich auch dazu gehören." Sollte die Scuderia Toro Rosso am kommenden Wochenende beim GP von Monaco tatsächlich einen oder mehrere WM-Punkte abstauben, dann ist eines garantiert: Die ohnehin niemals wirklich zu Ende gewesene Diskussion um die V10-Motoren wird dann wieder von neuem starten - und zwar auf vollen Touren.