Die viel zitierte "breite Spitze". Die Sportmedienphilosophie besagt: Es tut einem Sport recht gut, wenn die Spitze nicht so spitz ist, dass beispielsweise immer nur ein und derselbe Mann seine Podestjubelsprünge vollführt, so wie die Formel 1-Welt das vor noch nicht allzu langer Zeit erlebt hat. In Bahrain lernten wir: Die gegenwärtige F1-Spitze ist derart unspitz, also breit, dass es eigentlich gar keine Spitze mehr ist, sondern vielmehr ein Plateau. Ein Spitzenplateau sozusagen. Schenkt man den betroffenen Protagonisten Glauben, so waren es in Bahrain gleich vier absolut siegfähige Teams: Eines hat tatsächlich, die anderen drei hätten unter gewissen Umständen mehr oder weniger sicher gewonnen. Vier Siegerteams! Etwas besseres konnte der Formel 1 gar nicht passieren.
Das erste beinahe siegreiche Team ist jenes von Honda. Was war der Grund, warum wir am Ende gar keinen Jenson Button am Siegerpodest sahen? Es war die Kupplung, die den längst fälligen Debütsieg des Briten verhinderte. "Ich ließ die Kupplung los und nichts passierte", berichtete Button von seinem unliebsamen Start-Erlebnis, nachdem er immerhin Platz 4 an Land holen konnte. Sein Teamchef Nick Fry glaubt fest daran, dass Button ohne das Kupplungsproblem und ohne den Verkehr, in den Button aufgrund seines schlechten Starts geriet, das Rennen unter Umständen hätte gewinnen können. Allerdings errechnet Fry nur 17 Sekunden, die Button verloren habe - die jedoch hätten nur für den dritten Platz gereicht.

Bei Kimi Räikkönen waren es, wie bei Button, 19 Sekunden, die am Ende auf den Sieg gefehlt haben. Und so ist es durchaus glaubhaft, dass der Finne ganz oben auf dem Siegerpodest hätte landen können, hätte er nicht wegen des Aufhängungsbruchs im Qualifying vom 22. und letzten Startplatz aus ins Rennen gehen müssen. McLaren-CEO Martin Whitmarsh erklärte gegenüber Autosport: "Wenn Kimi von der Pole-Position aus gestartet wäre, dann hätte er realistischerweise das Rennen gewonnen. Das denkt auch Kimi." Whitmarsh ergänzte: "Noch in der Nacht auf Sonntag sagte Kimi, dass er ohne den Aufhängungsschaden die Pole hätte erobern können. Die meisten Rennfahrer denken, wenn sie auf der Pole-Position stehen, dass sie dann auch das Rennen gewinnen können - und wenn sie das nicht denken würden, dann wäre das ein bisschen besorgniserregend."
Auf der Pole-Position stand jedoch nicht Kimi Räikkönen, sondern Michael Schumacher. Und wie alle Rennfahrer dachte auch er, dass er das Rennen gewinnen kann. Doch bei ihm waren es exakt 2,75 Liter F1-Sprit, der dem Ex-Weltmeister im ersten Stint fehlte - diese Menge wurde ihm von der FIA nicht in den Tank gefüllt, weil er im dritten Quali-Heat eine Runde um mehr als 110 Prozent langsamer als in seiner Pole-Runde war. Hätte er vor seinem ersten Boxenstopp noch eine Runde länger draußen bleiben können, hätte er das Rennen gewinnen können, ist Schumacher überzeugt. Der Hintergrund: Mit dem leichten Ferrari hätte er, so vermutet Jean Todt, mindestens drei Zehntelsekunden auf Alonso gutmachen können. Diese wiederum hätten gereicht, sodass sich der Weltmeister nach seinem zweiten Stopp nicht neben oder vor, sondern hinter Schumacher hätte einreihen müssen.
Wie dem auch sei - eines ist sicher: Die Formel 1 lieferte bei ihrem Saisonauftakt einen packenden Rennkrimi, bei dem am Ende naturgemäß nur einer ganz oben auf dem Podium stand. Diesmal war es Fernando Alonso im Renault. Doch schon beim nächsten Mal, in Malaysia, könnte es ganz anders aussehen. Und das tut dem Sport wirklich gut.

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