Die Formel 1 spricht Deutsch: Dieser Satz ist ebenso platt wie zutreffend. Mit vier Stammpiloten und zwei Testfahrern aus deutschen Landen sowie zwei Schweizer Testern und einem österreichischen Einsatzfahrer sind allein im Fahrerfeld neun deutschsprachige Piloten aktiv. Hinzukommen die Premiumhersteller BMW und Mercedes, das in Köln-Marsdorf stationierte Toyota Team sowie jede Menge Partner, Sponsoren und Pressevertreter.

Doch wie stehen die Chancen der vielen deutschen Teilnehmer? Wenige Tage vor dem Beginn der 57. Formel 1 Saison nehmen wir das schwarz-rot-goldene Fahrer-Sextett genau unter die Lupe.

Der Titelanwärter

Schumacher blickt der Saison zuversichtlich entgegen., Foto: Sutton
Schumacher blickt der Saison zuversichtlich entgegen., Foto: Sutton

Realistisch betrachtet besitzt nur einer der vier deutschen Stammfahrer die Chance das Jahr 2006 mit einem WM-Pokal abzuschließen. Für Michael Schumacher wäre es der achte. Und genau das ist auch das erklärte Ziel des Mehrfachchampions: Das Ex- vor dem Weltmeister soll verschwinden und die Statistiken weiter in Schwindelerregende Höhen geschraubt werden.

Aber wie stehen die Chancen für den achten Titeltriumph? Vor dem Saisonstart ist man dazu geneigt zu sagen: Nicht wirklich berauschend. An Michael Schumacher liegt das aber nicht. Der Kerpener ist im wahrsten Sinne des Wortes "motivierter denn je". Wenn er also sagt, dass er "selten so heiß" auf eine neue Saison gewesen sei, wie in diesem Jahr, dann sind dies keine leeren Worthülsen. Es ist die Wahrheit.

Schon im Dezember stieg der Wahl-Schweizer wieder in sein Auto, um wichtige Testarbeiten zu verrichten. Seitdem spulte er unermüdlich Testkilometer für Testkilometer ab. Ferrari-Tester Marc Gené staunte darüber nicht schlecht: "Bei jedem anderen Team wird der Testfahrer gerufen, um für die Stammfahrer einzuspringen. Bei uns wurde ich angerufen und mir gesagt, dass ich zuhause bleiben könne, weil Michael testen möchte."

Aber warum stehen dann die Chancen, trotz des immensen Testaufwands, nicht so gut wie vor zwei, drei Jahren, als die Scuderia reihenweise GP-Siege und WM-Titel abräumte? Zum einen liegt das abermals an den Reifen. Trotz der Rückkehr der Reifenwechsel scheint Michelin auch in diesem Jahr Bridgestone überlegen zu sein. Und auch der neue 248 F1 konnte bislang noch keine Bäume ausreißen. Besonders die Zuverlässigkeit ließ zuletzt zu wünschen übrig.

Den Superoptimisten Michael Schumacher hält dies jedoch nicht davon ab weiterhin an den Titelgewinn zu glauben. "Ich bin davon überzeugt, dass unser 248 F1 das Potenzial dazu hat, in den WM-Kampf einzugreifen. Selbst wenn wir also in den ersten Rennen eventuell nicht gleich gewinnen könnten, haben wir aufgrund unserer Arbeit doch sehr konkrete Vorstellungen darüber, wie sich das Auto über das Jahr hinweg verbessern wird. Ideal wäre es daher also, zumindest Punkte aus dem Saisonauftakt mitzunehmen."

Der Sieganwärter

Vor der Saison 2006 glaubt Ralf Schumacher an zwei Dinge: Erstens daran, dass sein Bruder im Titelkampf keine Chance gegen Renault, Honda & Co haben wird. Und zweitens, dass sein Toyota in diesem Jahr den ersten Sieg einfahren wird - um nicht zu sagen muss.

Ralf muss 2006 Ergebnisse abliefern., Foto: Sutton
Ralf muss 2006 Ergebnisse abliefern., Foto: Sutton

Dafür betreibt sein Team einen immensen Aufwand: Nachdem der TF106 als erstes Auto seiner Generation sein Testdebüt gab, folgte noch vor dem Bahrain GP ein komplett neues Aerodynamikpaket. Aber schon beim Monaco GP hat das Auto ausgedient: Mit dem TF106B scharrt bereits der Nachfolger in den Startlöchern

Ralf muss hingegen beweisen, dass seine Trainings- und Rennniederlagen gegen Jarno Trulli aus dem letzten Jahr der Vergangenheit angehören. Anno 2005 schob Ralf diese Schwäche noch auf das Fahrverhalten des TF105. Und tatsächlich: Mit dem Debüt des TF105B schien sich das Blatt zu wenden; Ralf fuhr plötzlich Jarno davon.

Doch egal welchem der beiden weiß-roten Stammpiloten der neue Wagen am besten liegt, sollte dieser keinen enormen Leistungssprung im Vergleich zu den letzten Testfahrten zeigen können, wird das Ziel vom ersten Toyota-Sieg ohnehin in weite Ferne rücken.

Auf eine Prognose ließ sich Ralf deshalb nicht ein. "Tut mir leid, aber es läuft bis zum ersten Rennen immer auf die übliche Floskel hinaus", entschuldigte er sich. "Wir sind zwar besser als im Vorjahr, wie gut wir aber wirklich sind, wissen wir erst in Bahrain am Samstagnachmittag."

Der Entwicklungshelfer

Quick Nick erwartet noch keine Siege., Foto: adrivo Sportpresse
Quick Nick erwartet noch keine Siege., Foto: adrivo Sportpresse

Vom Talent und Können müsste die Überschrift auch bei Nick Heidfeld "Der Sieganwärter" lauten. Doch der Mönchengladbacher schätzt seine Chancen im ersten Jahr der Ehe BMW und Sauber realistisch ein: Siege oder Podestplätze sind unter normalen Umständen ausgeschlossen.

Was auf GP-Triumphe sicherlich zutreffen mag, könnte bei den Podiumsplatzierungen vielleicht mit ein bisschen Glück möglich sein. Schließlich wusste der neue F1.06 bei den Wintertests mit akzeptablen Zeiten und einer starken Zuverlässigkeit zu überzeugen. Sollten die aerodynamischen Neuerungen, die zuletzt unter Ausschluss der Konkurrenz getestet wurden, gut einschlagen, könnte in den ersten Rennen sogar mehr als nur die erhofften paar Pünktchen drin sein.

Das große Ziel ist für Quick Nick aber der WM-Titelgewinn. Diesen können er und sein Team aber erst in einigen Jahren in Angriff nehmen. Deshalb heißt es in diesem Jahr eine solide Basis für spätere Erfolge zu legen. Hierbei kommt dem Deutschen sein Ruf als technisch versierter Fahrzeugentwickler entgegen. Egal ob bei Sauber, Jordan oder Williams: Überall lobten ihn die Ingenieure für seine genauen Angaben und die gute Entwicklungsarbeit.

Auf dem Weg zu den ersten Siegen und möglicherweise dem Titel im Jahr 2008, reicht Nick in diesem Jahr eine Platzierung unter den Top-6 der Konstrukteurswertung. "Wir kommen mit Sauber bekanntermaßen vom 8. Platz und möchten jetzt einen guten Sprung nach vorne schaffen", lautet seine bescheidene Zielsetzung. "Und das sollte auch möglich sein."

Der Neuling

Nico Rosberg tritt in die väterlichen Fußstapfen., Foto: Sutton
Nico Rosberg tritt in die väterlichen Fußstapfen., Foto: Sutton

Wie der Vater so der Sohn: Nach Keke Rosberg tritt nun sein Sprössling Nico für Frank Williams in der Formel 1 an. Nur eines ist beim Weltmeistersohn anders: Er startet nicht für Finnland, sondern hält als vierter Deutscher die schwarz-rot-goldenen Farben hoch.

Die Erwartungen sind vor seiner Debütsaison natürlich nicht so hoch wie bei Ralf oder Michael Schumacher, aber auch der junge Rosberg steht von Anfang an unter Druck. Dass er damit umgehen kann, hat er nicht zuletzt im letzten Jahr mit seinem Titelgewinn in der neuen GP2 Serie bewiesen. Nico kann also sehr wohl mit einem Rennwagen umgehen.

Bei seinen Auftritten als BMW Williams Testfahrer zeigte der smarte Rosberg zudem, dass er trotz seiner geringen Erfahrung sehr gutes technisches Feedback geben kann. Eine Eigenschaft die seine Ingenieure sehr zu schätzen wissen.

Ausbremsen könnte ihn sein Arbeitsgerät. Nämlich dann, wenn das Paket bestehend aus Williams FW28, Cosworth V8 und Bridgestone-Reifen nicht mit der Konkurrenz mithalten kann. Nico hat davor aber keine Angst. "Das Auto ist sehr stark. Wir haben bei der Aerodynamik einen guten Schritt gemacht, der Motor ist auch gut." Nur die Reifen seien ein Problem gewesen. Allerdings nicht, weil ihre Performance schwach gewesen wäre, sondern weil man sie an das Auto anpassen musste.

Mit Zielsetzungen hält sich Rosberg trotzdem zurück: "Wenn ich am Ende des Jahres zurückblicken und von einer guten Saison sprechen kann, dann bin ich zufrieden."

Die Hoffnungsträger

Und dann wären da noch Markus Winkelhock und Adrian Sutil. Beide agieren in diesem Jahr als Teil des umfangreichen Midland-Testfahrerkaders. Und genau das, könnte für sie das größte Problem sein.

Zum einen zählt das MF1 Racing Team nicht gerade zu den Vieltestern, was den beiden jungen Deutschen nur wenige Testfahrten abseits der GP-Wochenenden ermöglichen dürfte. Aber auch an den GP-Freitagen werden wir Winkelhock und Sutil nicht allzu oft sehen. Ganze 9 Freitage sind für den Schweizer Giorgio Mondini reserviert. Die restlichen werden offiziell nach den Fahrleistungen und dem Feedback - inoffiziell aber nach der Höhe der Mitgift - verteilt.

Chance oder Geldverschwendung? Sutil und Winkelhock bei MF1., Foto: Sutton
Chance oder Geldverschwendung? Sutil und Winkelhock bei MF1., Foto: Sutton

Als nächstes Problem drängt sich die Frage auf, ob der Weg als Testfahrer tatsächlich der Beste ist? Schließlich sind schon viele junge Talente nach einigen Testauftritten wieder in der Versenkung verschwunden. Selbst ein gestandener GP-Pilot wie Alexander Wurz entwickelte sich in seiner Zeit bei McLaren zum Edeltester, der noch immer versucht vom Test-Abstellgleis herunterzugelangen.

Zu guter oder schlechter Letzt gibt es noch die Frage nach dem Team selbst. MF1 Racing genießt momentan den schlechtesten Ruf des gesamten F1-Paddock. Es gibt kaum jemanden, der sich nicht fragt, was Alex Shnaider, Colin Kolles und den Rest der dubiosen Truppe antreibt. Pat Symonds bezweifelte zuletzt die Leidenschaft der Russen. Für Hans-Joachim Stuck ist das gesamte Engagement "undurchsichtig" und Marc Surer ist die Philosophie des Rennstalls völlig "schleierhaft". Es gibt also bessere Orte, um eine F1-Karriere zu beginnen. Nichtsdestotrotz haben Winkelhock und Sutil zumindest schon einmal das erreicht, was vielen anderen verwährt bleibt: Den Sprung in die Königsklasse des Motorsports.

Das Zeug zum F1-Piloten haben sie allemal. Dies bewiesen sowohl Markus Winkelhock als auch Adrian Sutil mit ihren guten Leistungen bei den zurückliegenden Wintertests. Mit Rundenzeiten in der Nähe oder sogar unter jenen der Stammpiloten im neuen Auto wussten sie sowohl die Beobachter als auch die Ingenieure zu überzeugen. Angesichts solcher Nachwuchstalente, muss einem um die Zukunft der Formel Germany keinesfalls bange sein.