Wenn die Lichter in der Formel 1 ausgehen, hat die Winterpause ein Ende gefunden. Die Zeit des ewigen Testens und der nichts aussagenden Testergebnisse ist vorbei. Es wird endlich wieder gemeinsam auf der gleichen Strecke, unter den selben Voraussetzungen und mit dem gleichen Ziel Gas gegeben: Am Ende kann es nur einen Sieger geben.

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren steigt das Saisonauftaktrennen in der 57. Formel 1 Saison nicht im australischen Albert Park zu Melbourne. Stattdessen verschlägt es den F1-Tross in die Wüste von Bahrain. Auf die Fahrer und Teams kommt beim ersten Saisonlauf also eine ganz besondere Herausforderung zu: Ein Bremsen mordender Kurs, mit viel hartnäckigem Sand und hohen Temperaturen. Genau der richtige Zuverlässigkeitstests für die neuen Autos und Motoren.

Renault: Vom Jäger zum Gejagten

Renault geht als klarer Favorit in die Saison., Foto: Sutton
Renault geht als klarer Favorit in die Saison., Foto: Sutton

Wer als Doppelweltmeister in die neue Saison geht und zuvor beinahe alle Tests nach Belieben dominiert hat, darf sich nicht wundern, wenn die Zeiten des Understatements vorüber sind. Renault geht als klarer Favorit in das erste Saisonrennen. Mit Fernando Alonso und Giancarlo Fisichella besitzt das Team zwei erfahrene Piloten, die beide dazu in der Lage sind das Rennen zu gewinnen. Ihr Arbeitsgerät hat bei den Wintertests jedenfalls sowohl die dafür nötige Zuverlässigkeit als auch den notwendigen Speed an den Tag gelegt. Wer oder was soll die Gelb-Blauen also aufhalten?

McLaren: Vom Silber- zum Chrompfeil

Ron Dennis dürfte bei dieser Frage sicherlich blitzschnell die Hand heben. Der Vizeweltmeister des Vorjahres geht jedoch abermals mit einem Zuverlässigkeits-Handicap in die neue Saison. Nach einem Fehlstart in das Jahr 2006, konnten die Silbernen beinahe zeitgleich zur Einführung der neuen Chromlackierung die Pace ihres MP4-21 erhöhen. Dadurch landete Kimi Räikkönen mehrfach in den oberen Regionen der Zeitenlisten. Die Probleme mit der Standfestigkeit hielten sich aber auch nach diesem Update. Für McLaren könnte die Saison 2006 also genauso weitergehen, wie Großteile des Vorjahres verlaufen sind: Sie sind schnell, aber unzuverlässig. Das wahre Kräfteverhältnis wird sich allerdings erst in Bahrain zeigen. Schließlich könnte auch McLaren Mercedes sich bei den letzten Tests noch ein bisschen zurückgehalten haben.

Ferrari: Vom Dritten zum Ersten?

Ferrari stellt noch eine Unbekannte dar., Foto: Sutton
Ferrari stellt noch eine Unbekannte dar., Foto: Sutton

Was für McLaren gilt, gilt insbesondere für die Scuderia Ferrari: Noch weiß niemand wie zuverlässig und vor allem wie schnell der 248 F1 wirklich ist. Bislang konnte der neue Ferrari in Sachen Speed noch nicht überzeugen. Und auch die Standfestigkeit ließ bei den Testfahrten immer wieder zu wünschen übrig. Bei den letzten Tests abseits der Konkurrenz gab es für Michael Schumacher & Co also viel zu tun. Sollte das neue Aerodynamikpaket den Wagen schneller und die Ingenieure ihn zuverlässiger gemacht haben, könnten die Italiener in Bahrain zu den Spitzenteams aufschließen. Schumachers Wunsch so viele Punkte wie möglich mitzunehmen, klingt allerdings sehr nach Schadensbegrenzung.

Toyota: Vom Außenseiter zum Sieger?

Es ist immer das gleiche Spiel: Vor Saisonbeginn lässt sich das Kräfteverhältnis kaum einschätzen. Insbesondere wenn es so eng zugeht, wie in diesem Jahr. Wie fast alle Teams setzt auch Toyota auf ein neues Aerodynamikpaket, welches kurz vor dem Saisonbeginn eingeführt wurde. Bei den ersten gemeinsamen Tests mit der Konkurrenz, konnte der generalüberholte TF106 allerdings noch keine Glanzleistungen vollbringen. Demnach könnte den Weiß-Roten abermals ein schwieriger Saisonstart ins Haus stehen. Das Ziel vom ersten GP-Sieg scheint unter diesen Voraussetzungen beim Auftaktrennen in Bahrain kaum in die Tat umzusetzen zu sein.

Williams: Vom Privatteam zum Geheimfavoriten?

Williams schwankt zwischen Enttäuschung und Überraschung., Foto: Sutton
Williams schwankt zwischen Enttäuschung und Überraschung., Foto: Sutton

Sind die Bridgestone-Reifen, der Cosworth-Motor und der neue FW28 nun ein Fluch oder ein Segen? Für beide Möglichkeiten gibt es durchschlagende Argumente. Während die positiven sich vor allem auf den angeblich stärksten Motor des Feldes berufen, sind die negativen mannigfaltig. So sollen die Bridgestone-Reifen wieder nicht mit ihren französischen Pendants mithalten können. Und auch die Standfestigkeit des neuen Williams-Boliden, vor allem dessen neuen Getriebes, ließ bei den Tests arg zu wünschen übrig. Sporadisch konnten Mark Webber und Nico Rosberg aber Lebenszeichen setzen. Ob dies auch in Bahrain gelingt, wird von der Zuverlässigkeit abhängen. Ihrer eigenen sowie jener der Rivalen.

Honda: Vom Rundenrekord zum Auftaktsieg?

Neben Renault werden die Japaner als heißester Sieganwärter gehandelt. Für Honda spricht, dass sie vor einigen Wochen bereits in Bahrain getestet haben und somit wertvolle Informationen sammeln konnten. Hinzukommen die starken Testeindrücke des Teams, das die Wintertests mit mehreren Testbestzeiten und einem Rundenrekord abschloss. Entsprechend ist man auch in den eigenen Reihen davon überzeugt, dass in Bahrain durchaus der erste GP-Sieg im Bereich des Möglichen liegt. Das einzige Fragezeichen thront über der Aussagekraft der schnellen Testzeiten: British American Racing trumpfte in den letzten Jahren mehrmals mit Rundenrekorden auf, konnte diese im Rennen aber nur selten wiederholen. Hat sich das mit der Übernahme durch Honda ins Gegenteil verkehrt?

Red Bull Racing: Vom Onkel zum Guru

Der RB2 gab sich bislang zickig., Foto: Sutton
Der RB2 gab sich bislang zickig., Foto: Sutton

Onkel David war schon da, seit Anfang dieses Jahres arbeitet auch Designguru Adrian Newey für Red Bull Racing. Am neuen RB2 konnte der Stardesigner gleich einmal zeigen, wie gut er ist: Kühlungsprobleme sorgten für eine Überhitzung des Ferrari-Motors. Dies führte wiederum dazu, dass man vor dem Saisonauftaktrennen keine einzige Renndistanz absolvieren konnte. Keine guten Vorzeichen also für David Coulthard und Christian Klien. Angesichts der starken Konkurrenz und der noch nicht durchweg überzeugenden Pace des RB2, erscheint eine Wiederholung des starken Vorjahresergebnisses nicht machbar. Zumindest nicht unter normalen Bedingungen.

BMW Sauber: Von Grove nach Hinwil

Williams ist Geschichte: Für BMW zählt nur noch die Zukunft im eigenen BMW Sauber Team. Für das erste Jahr rechnet man dabei nicht mit mehr als Punkteplatzierungen. Diese könnten aber gerade zu Saisonbeginn übertroffen werden. Denn der neue F1.06 erwies sich von Anfang an als äußerst zuverlässig. Sollte die Konkurrenz in Bahrain also schwächeln, könnten Nick Heidfeld und Jacques Villeneuve dies sofort ausnutzen. Wo BMW Sauber im Vergleich zu den anderen Rennställen steht, lässt sich aufgrund ihres Testalleingangs in den letzten beiden Testwochen nur schwer einschätzen. Ohne Ausfälle bei den Rivalen, sollten die Punkteränge das Maximum darstellen.

MF1 Racing: Von Gelb zu Schwarz

Schnee wird MF1 in Bahrain nicht aufhalten., Foto: MF1 Racing
Schnee wird MF1 in Bahrain nicht aufhalten., Foto: MF1 Racing

Niemand weiß so recht hinter die Kulissen des Ex-Jordan Teams zu blicken. Dafür rechnen fast alle damit, dass das erste russische F1-Team ab Bahrain nur einen Gegner hat: Super Aguri. Die Scuderia Toro Rosso sollte hingegen in der Lage sein die M16-Boliden von Tiago Monteiro und Christijan Albers abzuhängen. Colin Kolles fürchtet dies schon gar lange, weshalb der Midland-Teamboss bereits angekündigt hat, gegen die seiner Meinung nach nicht genügend gedrosselten V10 von STR vorzugehen. Ob dies tatsächlich nötig ist und ob er es auch wirklich machen wird, erfahren wir in wenigen Tagen.

Scuderia Toro Rosso: Von Minardi zu Red Bull

Die Zeiten des chronisch unterfinanzierten Minardi Teams sind vorbei: Bei der Scuderia Toro Rosso werden höhere Ziele als nur das Dabeisein angepeilt. Und gleich zu Saisonbeginn könnte die große Stunde von Tonio Liuzzi und Scott Speed schlagen. Da ihre V10-Motoren von Cosworth aus dem Vorjahr erprobt und standfest sind, könnten sie bei technischen Problemen der Konkurrenz schnell in der Ergebnisliste nach vorne rücken und auf diese Weise den ein oder anderen Punkt erben. Und dann gibt es da ja noch die Gerüchte um einen PS-Vorteil der Cosworth-Aggregate...

Super Aguri: Vom Museum auf die Strecke

Der neue SA05 ist wie ein Rockstar: Vier Jahre lang wartete er auf sein Comeback, in Bahrain ist es nun soweit; der ehemalige Arrows A23 ist zurück! Großartige Chancen auf ein spektakuläres Debüt rechnet sich bei den Japanern niemand aus. Sollten die beiden Autos nach gerade einmal 600 absolvierten Testkilometern das Ziel erreichen, muss das schon als riesiger Erfolg gewertet werden. Wenn dann auch noch die Anzahl der Überrundungen im Rahmen liegt, dürfen Aguri Suzuki & Co auf einen geglückten Einstand anstoßen.