"Wir möchten schon beim ersten Rennen in Melbourne siegfähig sein", kündigte Jenson Button vor dem Saisonstart 2005 an. Doch auch nach über 100 Grand Prix wartet der Brite noch immer auf seinen ersten GP-Triumph. Und auch sein British American Racing Team blieb als Vizeweltmeister des Vorjahres anno 2005 ohne Erfolg. Man konnte nach einer verkorksten ersten Saisonhälfte mit Tankaffären, Sperren und technischen Defekten en Masse sogar erst im zehnten Saisonlauf in Magny Cours zum ersten Mal punkten.

Die Mannen rund um Jenson Button, seinen Teamboss Nick Fry, Technikchef Geoff Willis und Honda-Boss Yasuhiro Wada hielt dieses abschreckende Beispiel aus der Vorsaison jedoch nicht davon ab, auch vor der anstehenden Saison vom ersten Sieg zu träumen. Diesmal geht es aber nicht mehr um den ersten Triumph von British American Racing, sondern um jenen des neuen Honda-Werksteams. Und bei einem Sieg soll es sowieos nicht bleiben: Fry peilt "Siege - das ist Plural" an.

Im Parallelflug startete Honda seine RA106., Foto: BAT
Im Parallelflug startete Honda seine RA106., Foto: BAT

Wenn es nach den Vorhersagen der Experten und Konkurrenten geht, dann könnten diese alljährlichen Honda-Ankündigungen in diesem Jahr tatsächlich Realität werden. Neben Renault wurden die Japaner am häufigsten als Favorit für einen Auftaktsieg in der Wüste von Bahrain genannt.

Das Team Für den Erfolg arbeiten die Honda-Männer gleich an drei Orten: Im fernen Land der aufgehenden Sonne, in der britischen Racing-Niederlassung sowie im Teamhauptsitz in Brackley. Die gleichzeitige Unterstützung des Super Aguri Teams soll keinerlei Auswirkungen auf das Werksteam und dessen Zielsetzung endlich zu siegen haben. Im Gegenteil: Honda verspricht sich in seinem neuen Kundenteam eine Art Ausbildungsstätte für junge Mechaniker, Ingenieure und Fahrer. Ganz besonders Fahrer. Schließlich wurde das Team bösen Zungen zu Folge nur ins Leben gerufen, um Takuma Sato einen Verbleib in der F1 zu ermöglichen und somit nicht das Gesicht vor den heimischen Fans zu verlieren.

Die Tests "Renault und Honda", lautete die Standardantwort eines beliebigen Fahrers, Teamverantwortlichen oder Experten, wenn es darum ging die schnellsten Teams der Wintertests zu nennen. Vorwürfe man habe nicht alles gegeben, müssen sich die Testweltmeister jedenfalls keine gefallen lassen: Mit über 25.000 Testkilometern ist Honda der Klassenprimus der Monate November, Dezember, Januar und Februar. Wurde zunächst noch mit dem Vorjahresauto und dem gewohnten Concept Car getestet, gesellten sich Anfang Januar gleich beim Roll-Out zwei neue RA106 hinzu. Diese erwiesen sich von Anfang an als standfest und schnell.

Mit dem RA106 soll endlich der erste Sieg eingefahren werden., Foto: Honda
Mit dem RA106 soll endlich der erste Sieg eingefahren werden., Foto: Honda

Das Auto Mit dem RA106 möchte Honda nicht nur endlich auf dem obersten Podestplatz stehen und möglicherweise den WM-Titel in Angriff nehmen. Man kehrt mit dem neuen Auto auch zur traditionellen Benennung des Boliden sowie zum Honda Racing White zurück, welches ulkiger Weise eher ein Beige ist. Ansonsten glänzt der Bolide aus der Feder von Geoffrey Willis durch eine abermals mit etlichen Winglets, Flügelchen und Bargeboards ausgeklügelte Aerodynamik. Das muss er auch: Denn genau diese Aerodynamik war einer der Schwachpunkte seines Vorgängers vom Typ 007.

Der Motor Wie alle Motorenhersteller ist auch Honda mit den neuen V8-Motoren nicht glücklich. Allerdings hängt dies nicht nur mit dem Technologie-Streben der Japaner zusammen, sondern auch mit ihrer PS-Jagd: Aufgrund der Umstellung auf V8-Triebwerke müssen sie ihr Ziel 1.000 PS zu erreichen erstmal ad acta leben. Mit dem Vorjahres-Motor soll man nah an der Schallmauer von 1.000 PS dran gewesen sein. Über den V8 gibt es unterdessen unterschiedliche Aussagen: Während die einen Honda und Renault die stärksten Triebwerke zuschreiben, sehen die Japaner selbst Cosworth an der Spitze der PS-Tabelle stehen. Eine Finte? Die Wahrheit liegt auf der Rennstrecke und wird in Bahrain enthüllt.

Die Fahrer B&B - Mit Jenson Button und Rubens Barrichello schickt Honda zwei Starpiloten in die Schlacht. Beide haben nur ein Ziel: Rennen zu gewinnen. Doch obwohl Nick Fry seine Fahrerpaarung als "die beste" des gesamten Starterfeldes bezeichnet, müssen sich seine beiden B's in diesem Jahr erst noch beweisen.

Button & Barrichello haben etwas zu beweisen. Davidson darf es nicht., Foto: BAT
Button & Barrichello haben etwas zu beweisen. Davidson darf es nicht., Foto: BAT

JB muss nach so vielen sieglosen Rennen endlich den Sprung auf das oberste Podest schaffen. Der Brite muss jenen Vorschusslorbeeren, die ihm bereits seit seinem F1-Einstieg bei Williams im Jahr 2000 vorauseilen, endlich gerecht werden.

Rubinho muss hingegen beweisen, dass er tatsächlich besser ist, als er in all seinen Ferrari-Jahren neben oder besser gesagt hinter Michael Schumacher aussah. Für den Brasilianer gilt es in diesem Jahr seinen Ansprüchen gerecht zu werden, Rennen zu gewinnen und vielleicht um den Titel zu fighten.

Die große Frage ist dabei: Kann Barrichello das wirklich schaffen? Bei den Testfahrten sah die einstige Ferrari-1B kaum Land gegen Jenson Button. Dieser ist zudem im Team zuhause, kennt alle Mechaniker und Ingenieure und ist der Mann, um den Honda sein Werksteam aufbaut. Sonst würden die Japaner ihm nicht so viel Geld hinterherwerfen. Sonst hätten sie niemals das leidliche Buttongate-Dilemma auf sich genommen. Barrichello könnte also schlimmstenfalls vom deutsch-italienischen Regen in die britisch-japanische Traufe geraten sein.

Honda steht vor der Frage: Sekt oder Selters?, Foto: Sutton
Honda steht vor der Frage: Sekt oder Selters?, Foto: Sutton

Die Prognose Für Honda ist die Saison 2006 ein Schicksalsjahr: Schaffen sie ihren ersten Sieg und können sie regelmäßig vorne dabei sein, werden sie spätestens 2007 zu den Topfavoriten auf den Titelgewinn zählen. Sollten sie aber auch in diesem Jahr aus diversen Gründen nicht ihre hohen Erwartungen und Ansprüche erfüllen können, droht das Projekt bereits im ersten Jahr des Werksteams auseinander zu brechen. Schlimmstenfalls könnte dies das Ende für das Team in Brackley bedeuten. Denn angeblich ist man bei Honda durchaus erfreut, dass man mit dem japanischen Nationalteam von Aguri Suzuki die Chassisbau-Fähigkeiten der eigenen Ingenieure verbessern kann. Danach stünde einem in Japan gebauten Honda F1-Boliden nichts mehr im Wege. Aber zurück zur kurzfristigen Zukunft: Wenn die Testleistungen der Weißen ein Gradmesser für ihre Zuverlässigkeit und Performance sind, dann müssen sie neben Renault als Topfavoriten angesehen werden. Aber angesichts der Erfahrungen aus der Vergangenheit müssen die Testergebnisse der Weißen mit einer gewissen Vorsicht genossen werden. B•A•R glänzte in den vergangenen Jahren gerne einmal mit Tagesbestzeiten und Rundenrekorden. Selbst vor dem katastrophalen Jahr 2005 war dies so. Die große Frage lautet also: Ist es unter dem neuen Namen immer noch der Fall?

Die Team-Analysen im Überblick