WilliamsF1. Auch wenn der letzte Titelgewinn der Truppe rund um Sir Frank Williams und Patrick Head fast zehn Jahre zurückliegt, steht dieser Name in der F1-Welt noch immer für ein Top-Team. Die Meriten als erfolgreichster Rennstall der 90er Jahre überdauern eben auch eine solche Schwächephase, wie sie die Briten in den vergangenen Saisons durchmachen mussten.

Für das Jahr 2006 ist die Ausgangslage jedoch völlig verändert: Zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 geht man nicht mehr mit der Werksunterstützung von BMW in eine neue Saison. Stattdessen muss man als frisch gebackenes Privatteam für die Cosworth-Aggregate bezahlen. In den Reihen der stolzen Briten führte dies zu einer "back to the roots"-Stimmung.

Williams Cosworth: Geheimfavorit oder Hinterherfahrer?, Foto: Sutton
Williams Cosworth: Geheimfavorit oder Hinterherfahrer?, Foto: Sutton

Bei den Beobachtern sorgte es hingegen für eine Spaltung: Die einen sehen Williams Cosworth in diesem Jahr mit einem abermals unausgereiften Auto, einem unterlegenen Bridgestone-Reifen und einem unterfinanzierten Cosworth-Motorenpartner sang- und klanglos untergehen.

Die anderen schätzen Williams Cosworth jedoch als Geheimfavoriten und Überraschungsteam des Jahres ein. Gerade die vielen Fragezeichen und neuen Komponenten wie die japanischen Pneus oder der V8-Motor sollen Garanten für den Erfolg sein. Doch wer hat nun Recht?

Das Team Blicken wir zunächst auf das Team: Die Personaldecke ist nach der Trennung von BMW nicht wie erwartet geschrumpft, sondern sogar um einige Mitarbeiter angestiegen. Dazu zählt auch der neue Chefdesigner Jörg Zander, der von British American Racing nach Grove wechselte. Bei Williams bekleidet er zum ersten Mal die Rolle des Hauptverantwortlichen für das Fahrzeugdesign. Auf den FW28 hatte er aufgrund seiner späten Ankunft kaum Einfluss. Ansonsten bauen die Briten wie erwähnt auf das "Zurück zu den Wurzeln"-Gefühl. Was als Privatteam vor drei Jahrzehnten seinen Lauf nahm, soll nun wieder mit frischem Wind an die Spitze zurückkehren.

Williams beruft sich auf die alten Zeiten., Foto: Sutton
Williams beruft sich auf die alten Zeiten., Foto: Sutton

Die Tests Aus den Testergebnissen der Mitternachtsblauen lässt sich, wie bei so vielen Teams, nicht viel herauslesen. Da waren zum einen immense technische Probleme, die sowohl den Cosworth-Motor als auch - und hauptsächlich - das neue Getriebe betrafen. Davon abgesehen konnten Mark Webber, Alex Wurz und Nico Rosberg aber hin und wieder mit starken Rundenzeiten und sogar Tagesbestwerten glänzen. Die Hauptkonzentration lag dennoch auf drei Faktoren: Der Anpassung an die neuen Reifen, dem Testen des neuen Motors und der Erprobung des neuen Getriebes.

Das Auto Dieses Getriebe soll den FW28 um eine halbe Sekunde schneller machen. Allerdings ließ es die Piloten während der Wintertests allzu oft streikender Weise im Stich. Die Performance des im traditionellen Retro-Look gehaltenen Boliden erwies sich derweil als ebenso wechselhaft. Beim Saisonstart soll zwar angeblich das neue Getriebe eingesetzt werden, aber als Backup-Lösung existiert auch eine konventionelle Variante.

Der Motor Cosworth ist quasi der Inbegriff eines Formel 1 Achtzylindermotors. Da ist es nicht gerade verwunderlich, dass die Optimisten unter den Experten den britischen Motorenbauern einen gewissen Wissensvorsprung und ein überlegenes Know-how zuschreiben. Doch das ist lange her. Nach übereinstimmenden Aussagen der Motorenfachleute haben die heutigen V8 mehr mit ihren V10-Vorgängern gemeinsam, als mit den früheren Achtzylindern. Trotzdem sehen nicht wenige Beobachter den Cosworth-V8 als einen der stärksten, wenn nicht sogar den stärksten Motor an. Unter anderem behaupten dies die Japaner von Honda. Ob sie damit nur den Druck von sich selbst nehmen wollen oder Williams mit dem Cosworth-Aggregat tatsächlich eine Geheimwaffe im Heck hat, wird sich in der Hitze von Bahrain zeigen.

Das Team ist der Star: Williams baut auf einen Mannschaftserfolg., Foto: Sutton
Das Team ist der Star: Williams baut auf einen Mannschaftserfolg., Foto: Sutton

Die Fahrer Selbst jene Pessimisten, die Williams aufgrund des Motors, der Reifen und des Chassis kaum Erfolgschancen einräumen, müssen eingestehen, dass die Briten mit Mark Webber, Nico Rosberg und Alexander Wurz ein starkes Fahrertrio beisammen haben.

Für den Österreicher im Team ist es natürlich enttäuschend, dass er abermals nur die Rolle des dritten Mannes am Freitag innehat, doch besitzt der Paradetester möglicherweise schon heute die Gelegenheit 2007 in ein Stammcockpit zu schlüpfen. Dieses muss dabei aber nicht zwangsläufig aus Grove stammen. Der zweite Testfahrer Narain Karthikeyan ist hingegen ein Zugeständnis an die raue Luft ohne wichtige Geldgeber wie BMW oder HP: Der Inder bringt Sponsorengelder mit an Bord.

Bei den Stammpiloten besitzt Williams ebenfalls ein interessantes Duo: Mark Webber steht nach dem Abgang von Nick Heidfeld für die Konstanz im Team. Allerdings muss der hoch gelobte Australier in diesem Jahr einiges gutmachen. Schließlich sah er im Vorjahr gegen seinen deutschen Teamkollegen viel zu oft blass aus.

Mit Nico Rosberg erhält er erneut einen Teampartner aus deutschen Landen. Der junge Weltmeistersohn hat sich sein Cockpit aber nicht mit seinem Namen oder Sponsorengeldern erkauft. Er hat es sich mit dem Gewinn der GP2-Meisterschaft und guten Testauftritten für BMW Williams verdient. Jetzt heißt es für Nico erste Rennerfahrungen in der Formel 1 zu sammeln und alles in sich aufzusaugen, was seinen Weg kreuzt.

Alex Wurz soll am Freitag wichtige Daten sammeln., Foto: Sutton
Alex Wurz soll am Freitag wichtige Daten sammeln., Foto: Sutton

Wenn es nach den euphorischen Aussagen seiner Techniker geht, dann dürfte das für den smarten Deutschen kein Problem sein. Obwohl der Qualifying-Spezialist Webber eine harte Nuss ist, dürfte Rosberg ihn ein ums andere Mal in Bedrängnis bringen können.

Die Prognose Welcher Seite stimmen wir nun zu? Ist Williams Geheimfavorit oder eine vorprogrammierte Enttäuschung? Die Wahrheit dürfte wohl wie üblich ein Mittelweg sein: Angesichts der starken Wintervorstellungen der Spitzenteams rund um Renault, McLaren oder Honda dürfte Williams kaum zu den Titelanwärtern zählen. Dennoch besitzt man sehr wohl das Potenzial, um im hart umkämpften Mittelfeld regelmäßig Punkte einzufahren und vielleicht hin und wieder auf dem Podium zu stehen. Mit Red Bull Racing, Toyota, BMW Sauber, Honda, Ferrari & Co ist die Konkurrenz aber immens. Während das Team in den ersten Rennen von einem möglichen PS-Vorteil des Cosworth-Aggregats profitieren könnte, könnte dieser Vorteil genauso gut von der eher mäßigen Standfestigkeit nivelliert werden. Bei Williams steht und fällt also alles mit dem Paket: Wenn alle Bestandteile optimal funktionieren, erscheint vieles möglich, wenn nicht, dann könnte es böse enden.

Die Team-Analysen im Überblick