Die Formel 1 erlebt am Sonntagabend lange nach dem Ende des Rennens in Silverstone eine ganz seltene Strafe. Williams-Pilot Carlos Sainz wird eine komplette Runde abgezogen, was ihn nachträglich von Platz 12 auf Platz 17 zurückwirft. Oberflächlich ist der Grund ein inakzeptabler: Er hat illegal das Safety Car überholt. Aber wenn es in die Details geht, legt das ein schier absurdes Szenario offen, für das Sainz wenig bis gar nichts kann.

Die ganze Geschichte wird etwas kompliziert. Zuerst zu den Grundlagen. In Safety-Car-Phasen dürfen alle Überrundeten an einem Punkt auf Anweisung der Rennleitung sich zurückrunden. Damit soll vor allem sichergestellt werden, dass bei einem Restart keine Überrundeten zwischen den Führenden im Weg stehen.

Dieser Prozess war Teil der berühmten WM-Kontroverse 2021 in Abu Dhabi und wurde aus diesem Grund im Reglement mittlerweile so klar wie möglich ausgearbeitet, um eine Wiederholung zu verhindern und den Ermessensspielraum zu entfernen, der davor hineininterpretiert werden konnte. Alle Autos, die sich zurückrunden dürfen, werden seit 2022 automatisch von der F1-Timing-Software ausgespielt.

Carlos Sainz ist in Silverstone überrundet - darf aber nicht zurückrunden

Hier beginnt das Problem in Silverstone. Carlos Sainz wurde schon in Runde 36 vom letztendlichen Rennsieger Charles Leclerc überrundet. Als in Runde 48 das Safety Car ausgerufen wurde, hatte sich daran nichts geändert. Sainz war, zusammen mit Oscar Piastri, beiden Haas, beiden Cadillacs und beiden Aston Martins mindestens eine Runde hinten. Die genaue Reihenfolge sah wie folgt aus:

Runde 47
LEC
GAS (+ 1 Runde)
HAM
PIA (+ 1 Runde)
SAI (+ 1 Runde)
ALO (+ 2 Runden)
RUS
STR (+ 2 Runden)
BEA (+ 1 Runde)
OCO (+ 1 Runde)
NOR
HAD
PER (+ 1 Runde)
LAW
LIN
BOR
BOT (+ 1 Runde)
ANT
COL

Aber als in Runde 51 die Liste der Zurückrundungen auf dem Zeitnahme-Monitor auftauchte, fehlte Sainz in dieser. Ein Umstand, den Williams übersah. Warum ist offensichtlich. Sie waren seit 15 Runden überrundet, wie Piastri vor ihnen und den ganzen Autos hinter ihnen.

ZeitNachrichtRunde
16:18 UhrSAFETY CAR DEPLOYED48
16:25 UhrLAPPED CARS MAY NOW OVERTAKE THE SAFETY CAR: 81, 14, 87, 31, 18, 11, 7751

Sainz konnte das ohne Team-Warnung nicht wissen und scherte mit allen anderen also aus, um sich zurückzurunden. Was er dabei tat, war aber nichts anderes als das Safety Car zu überholen, was streng verboten ist. Und er verschaffte sich illegal eine Runde, die ihm nicht zustand. Die Stewards sehen das nachträgliche Addieren dieser Runde als logische Strafe.

Wieso durfte sich Carlos Sainz in Silverstone nicht zurückrunden?

Das führt zwangsweise aber nun zur nächsten Frage: Warum um alles in der Welt durfte sich Sainz nicht zurückrunden? Auf den ersten Blick erscheint das so unfair, dass es ein Fehler der Rennleitung sein muss. Piastri fuhr wenige Meter vor ihm, Oliver Bearman wenige Meter hinter ihm. Indem nur Sainz zurückgehalten wurde, bekamen beide Haas und beide Cadillac je einen Platz geschenkt.

Aber noch einmal - ob einem das Zurückrunden zusteht oder nicht entscheidet ein automatisches System. Dieses machte Sainz zum Opfer eines sehr speziellen Features von Silverstone. Die Boxeneinfahrt hier kürzt nämlich die letzte Schikane ab, womit man auf dem Weg an die Box Zeit gewinnt.

Carlos Sainz am Sonntag bei der Formel 1 in Großbritannien
Sainz biegt ein in die verhängnisvolle Boxeneinfahrt, Foto: IMAGO / PsnewZ

Sainz wurde ein richtig kurioses Opfer dieser Einfahrt. Er war während des Safety Cars nur wenige Meter hinter dem Führenden Charles Leclerc unterwegs. Leclerc blieb auf der Strecke, Sainz aber bog zum Boxenstopp ab. Wegen der abkürzenden Boxeneinfahrt erreichte er so ungewollt knapp vor Leclerc die Ziellinie. Das Zeitnahme-System zeichnete ihn damit als "zurückgerundet" auf.

Natürlich kam Sainz nach seinem Boxenstopp erneut hinter Leclerc überrundet auf die Strecke und war realistisch gesehen immer überrundet. Aber das spielt keine Rolle mehr. Für die Zeitnahme ist maßgeblich, dass Sainz vor Leclerc seine 47. Runde beendete und damit in Runde 48 offiziell wieder in der gleichen Runde wie Leclerc gewertet worden war.

Per Reglement ist das maßgeblich für den Stichpunkt beim Zurückrunden, und Zeitnahme-Operationen im Motorsport sind grundsätzlich immer stark abhängig von dem, was an der Ziellinie festgestellt wird. Sektoren sind für offizielle Prozesse fast nie relevant. Dass Sainz eine Runde später an der Ziellinie wieder korrekt als überrundet gewertet wurde, half ihm nichts mehr, der Rückrunde-Zug war abgefahren. Spielraum für diesen Sonderfall gibt es im Reglement keinen.

Für Sainz ist es natürlich praktisch irrelevant, er war nicht in den Punkten, und das Rennen wurde nicht neu gestartet. Dass dieser Ablauf der Ereignisse nicht ganz im Sinne des Erfinders sein kann, liegt aber auf der Hand. Tatsächlich hatte es 2022 in Brasilien einen ähnlichen Fall gegeben, bei denen die Racing Bulls korrekt gehandelt und sich nicht zurückgerundet hatten.

Damals hatte man nachträglich angekündigt, das Thema bei einem Regelmeeting zumindest einmal anzuschneiden. Wie Silverstone zeigt, hat sich aber nichts geändert, es kann immer noch passieren. Aber es bleibt unwahrscheinlich. Die Silverstone-Boxengasse spielte eine wesentliche Rolle. Wenn dem Team diese bewusst ist, kann man den Fahrer auch entsprechend anweisen, langsamer an die Box zu fahren, um genau dieses Szenario zu vermeiden.