Die Saison 2005 verlief für das BMW-Williams Team enttäuschend: Bereits vor Saisonbeginn musste man eingestehen, dass der FW27 kein Geniestreich war. Umso überraschender kamen die anfänglichen Erfolge von Nick Heidfeld, die es dem Neuzugang bis zum Nürburgring sogar ermöglichten mehrere Podestplätze und eine Pole Position einzufahren.
Danach ging es aber steil bergab: Ein neues Aerodynamikpaket versagte total und weder Heidfeld noch sein Teamkollege Mark Webber konnten zur Saisonmitte groß auftrumpfen. Erst gegen Saisonende fing sich der beste Rennstall der 90er Jahre wieder. Zu diesem Zeitpunkt war Quick Nick jedoch außer Gefecht gesetzt: Der Deutsche musste in Folge eines Test- sowie eines Fahrradunfalls die letzten Saisonrennen pausieren.
Das Auto

Mit dem FW28 soll nun alles besser werden. Zwar ist der langjährige Partner BMW nicht mehr mit im Williams-Boot, doch vertrauen Frank Williams und Patrick Head voll auf ihr neues Paket.
Dieses entstand unter der Leitung von Technikchef Sam Michael sowie des neu verpflichteten Chefdesigners Jörg Zander, der aber erst Ende August zum Team hinzugestoßen ist. Sein Vorgänger Gavin Fisher verließ das Team nach den misslungen Autos von 2004 und 2005 nach einem längeren Krankenhausaufenthalt in Folge eines Motorradunfalls.
Was dem neuen FW28 zuzutrauen ist, bleibt derweil abzuwarten. Wer unter so genannten F1-Experten eine Umfrage durchführt, der erhält garantiert zwei Antworten: Die einen sehen Williams in dieser Saison als Geheimtipp, die anderen erwarten ein schwieriges Übergangsjahr.
Zumindest eines darf man der Truppe aus Grove nicht absprechen: Das Team von Sir Frank weiß, wie man erfolgreiche Rennwagen baut. Sollten die Kalibrierungsprobleme des neuen Windkanals behoben worden sein, könnte der FW28 möglicherweise eine Rückkehr zu altem Glanz einläuten. Das traditionelle Retro-Design des Interimsautos war schon einmal ein erster Schritt in diese Richtung.
Der Motor

Ebenfalls eine Reminiszenz an alte Tage ist der neue Motorenpartner: Mit Cosworth sicherte sich Sir Frank den Inbegriff von V8-Motoren als Nachfolger von BMW. Allerdings liegen die Erfahrungen der Cossie-Jungs bereits einige Jährchen zurück.
Nichtsdestotrotz gibt es auch hier Stimmen, die Cosworth einen gewissen Erfahrungsvorsprung mit Achtzylinder-Triebwerken einräumen. Nicht umsonst sprachen die Motorenleute offen über Drehzahlen weit der 20.000 Umdrehungen.
Andererseits mangelt es der Motorenschmiede seit dem Verkauf durch Ford am Kleingeld. Eine Sachlage die auch auf Williams zutrifft. Dies könnte sowohl die Entwicklung des aktuellen Triebwerks als auch die Weiterentwicklung während der Saison beeinträchtigen. Deshalb wird hinter vorgehaltener Hand bereits über einen weiteren Motorenwechsel gemunkelt, der Williams ab 2007 mit Toyota-Kundenaggregaten an den Start gehen sieht.
Die Reifen

Das dritte Fragezeichen im Williams-Bunde sind die Reifen: Mit Bridgestone wechselte Williams vom alles gewinnenden Reifen der Saison 2005 zu den Verlierern des selben Jahres.
Zwei Überlegungen machen den Wechsel dennoch plausibel: Zum einen dürfte Bridgestone mit höchster Wahrscheinlichkeit ab 2007 als Reifenmonopolist in der F1 auftreten. Da können ein paar Monate Entwicklungsvorsprung und Eingewöhnungszeit nicht von Nachteil sein.
Zum anderen stehen Bridgestone mit Ferrari, Williams und Toyota in dieser Saison drei Spitzenteams für die Reifenentwicklung zur Verfügung. Zusammen mit den für sie günstigen Regeländerungen in Richtung Sprint-Reifen könnte Bridgestone somit schnell wieder jene Position einnehmen, die sie anno 2004 inne hatten: Die dominierende Kraft auf dem Reifensektor.
Die Fahrer
Letztlich schweben nicht nur über dem Chassis, dem Motor und den Reifen fette Fragezeichen: Auch die beiden Piloten werfen zumindest ein paar kleinere Fragen auf.

So musste sich Mark Webber zuletzt wenig schmeichelhafte Worte von BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen anhören. Dieser stellte dem Australier für seine Williams-Saison 2005 kein besonders gutes Zeugnis aus. Und tatsächlich: Im Vergleich zum erst kurzfristig verpflichteten Nick Heidfeld schnitt der Aussie schlechter ab.
Zwar konnte er in seiner Paradedisziplin dem Qualifying ein ums andere Mal punkten, doch konnte er diese guten Startpositionen im Rennen nur äußerst selten umsetzen. Im Vergleich mit Heidfeld zog er klar den Kürzeren.
Mit Nico Rosberg bekommt es Mark auch 2006 mit einem schnellen Deutschen zu tun. Allerdings ist der Weltmeistersohn bislang noch kein einziges F1-Rennen gefahren. Angesichts seines kometenhaften Aufstiegs aus der Formel BMW bis in die F1 hat er sein Cockpit natürlich mehr als nur verdient. Aber jetzt muss er das auch auf der Rennstrecke mit Resultaten untermauern.
Sollten Webber und Rosberg ihr Potenzial umsetzen können und die drei technischen Fragezeichen zu Ausrufezeichen mutieren, dann könnte Williams mit dem FW28 heute die Überraschung der kommenden Saison vorstellen. Andernfalls wird es nur ein weiterer FW27 oder FW26 - nur eben ohne Nasenbär-Optik.



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