Piep. Eine unscheinbare Bürotür am Ende eines langen, dunklen Ganges. Ein kurzes Vorhalten der Keycard, schon sind wir drin. Klack. Die Tür fällt hinter uns ins Schloss. Plötzlich stehen wir mitten auf der vollgepackten Tribüne im Foro Sol. Dem Stadionkomplex des Autódromo Hermanos Rodríguez in Mexiko-Stadt.

Nein, wir haben kein Stargate durchschritten und sind versehentlich auf Mexiko-Planet gelandet. Statt dem Heulen von Formel-1-Motoren im winkligen Infield des früheren Baseball-Stadions vernehmen wir nur das leise Brummen von Computern. Zu unserer Linken eine Handvoll Monitore, hinter uns eine Reihe weißer Schreibtische. Das Foro Sol füllt die Wand vor uns aus, vom Boden bis zur Decke.

Es ist nur ein riesiges Foto. Keine Wrestling- oder Totenkopf-Masken, kein Benzingeruch, kein ohrenbetäubender Lärm der mexikanischen Fans. Hier warten wir vergeblich auf lautstarke Gesänge à la: "Checo, Checo, Checo!" Genauso wie in der realen Formel 1 des Jahres 2025. Dafür finden wir etwas viel Besseres vor. Zumindest für alle Motorsport-Technikfreunde. Zwischen den Monitoren und dem Wandbild öffnet sich eine verglaste Flügeltür. Dahinter erblicken wir das Herzstück des Rennsimulator-Raums von AVL RACETECH in Graz. Ein wahres Schlaraffenland für technikverliebte Racer-Herzen.

Erklärt: Wie funktioniert ein Formel 1 Simulator? (21:00 Min.)

"Ohne Simulator geht heute gar nichts mehr", sagt Ellen Lohr. Die einzige Rennsiegerin in der Geschichte der DTM ist seit Januar 2021 Director Motorsport bei AVL RACETECH. "Wer als Fahrer unvorbereitet zu einer Testfahrt geht, hat schon verloren. Er kann dann sein natürliches Talent gar nicht zeigen, weil du lernst so viel im Simulator." Einem Simulator, wie ihn die Formel-1-Teams in ihren Fabriken stehen haben. Oder wie er gerade vor uns steht. Kostenpunkt: Knapp eine Million Euro. Kleinere Modelle sind ab 50.000 Euro zu haben, größere können in den zweistelligen Millionenbereich gehen.

Der Rennsimulator von AVL RACETECH ist ein Hexapod, besitzt also sechs sogenannte Stempel. Für Laien: Dies sind die sechs Spinnen- oder besser Insektenbeine, auf denen ein Rahmen samt Plattform und Cockpit Platz findet. Voll ausgefahren und in Bewegung sieht es ein bisschen aus wie ein sechsbeiniges 'Kaiju' aus einem Godzilla-Film, das eine Art Tanz vor einer an die Wand projizierten Rennstrecke aufführt, die droht gleich plattgetrampelt zu werden. Das Konzept stammt ursprünglich aus der Welt der Flugsimulatoren. Die Stempel bewegen sich, um die Bewegungen des simulierten Rennautos für den Fahrer im Cockpit spürbar zu machen.

"Ganz wichtig beim Rahmen ist, dass er entsprechend steif ist, damit wir die schnellen und direkten Bewegungen, die Rennfahrzeuge in der Lage sind auszuführen, auch an das Cockpit übertragen können", erklärt Michael Peinsitt, seines Zeichens Abteilungsleiter für Race Engineering bei AVL RACETECH. Der Rahmen ist so konstruiert, dass der Fahrer ein bisschen tiefer sitzt. Das hilft bei der Direktheit der Reaktionen. "Das ist ähnlich wie in einem echten Fahrzeug, wo ein hoher Schwerpunkt eher Nachteile bietet im Vergleich zu einem tieferen Schwerpunkt." Auf dem Rahmen und der Plattform wird ein echtes Renncockpit verschraubt. In unserem Fall ist dies ein Formel-Renault-Monocoque, das eine Vergangenheit auf der Rennstrecke besitzt und für den Fahrsimulator adaptiert wurde. Es ist aber bei weitem kein Einzelstück.

"Wir haben hier verschiedene Cockpits, die wir verwenden, um dem Fahrer auch das Gefühl zu geben, in der richtigen Umgebung zu sein", verrät Peinsitt. "Es würde zum Beispiel nicht passen, in einem Formelfahrzeug einen Traktor zu simulieren." Richtig gehört, Traktor! Die Simulationssoftware kann alles von einem F1-Boliden über Rallye-, IndyCar- und sogar NASCAR-Autos bis hin zu Serienfahrzeugen, Bussen, Lastwagen und eben auch Traktoren simulieren. "Deswegen haben wir hier verschiedene Cockpits zur Verfügung, die wir je nach Anwendungsfall austauschen." Der Umbau von einem Formel- auf ein Straßenfahrzeug dauert zirka 25 bis 30 Minuten.

Das Ziel des Simulators ist es, dem Fahrer ein realistisches Fahrerlebnis zu bieten. Dazu gehören auch die Kräfte, die er am Lenkrad spürt. Auf einer echten Rennstrecke zeichnen dafür die Reifen und das Fahrwerk verantwortlich. Im Fahrsimulator kommt stattdessen ein Elektromotor zum Einsatz, der das Lenkmoment aufbringt, und von der Simulation angesteuert wird. "Die Fahrdynamik-Simulation gibt einen Sollwert für das Moment vor, das der Elektromotor aufbringen soll", erklärt Peinsitt. Der Elektromotor überträgt das an das Lenkrad, so dass der Fahrer das richtige Gefühl am Lenkrad erhält. Schließlich sollen die Piloten ihre virtuellen Rennfahrzeuge genauso am Limit bewegen können wie in der Realität.

"Wenn es zum Beispiel darum geht, Untersteuern zu erkennen, muss der Fahrer merken, dass sich das Lenkmoment in diesem Grenzbereich ändert, wenn man kurz davor ist, mit der Vorderachse wegzurutschen." Dieses Gefühl aus dem realen Auto muss der Fahrer im Simulator wiedererkennen. Dabei gilt allerdings Vorsicht: "Wenn man in eine Mauer fährt, gibt es einen richtigen Schlag am Lenkrad, der schon zu speziellen Daumenverletzungen führen kann", warnt Peinsitt. Auch im Simulator gilt also bei einem Unfall: Hände weg vom Lenkrad!

Der AVL RACETECH Driver-in-Loop-Simulator aus der Cockpit-Perspektive
So sieht das Cockpit des Simulators aus, Foto: AVL RACETECH/Motorsport-Magazin.com

"Rennfahrer sind beim Gefühl auf der Bremse sehr sensibel", fügt Peinsitt an. Deswegen kommt auch ein Bremssystem zur Verwendung, das dem echten sehr nahe nachgebildet wurde. "Und es gibt natürlich entsprechend unterschiedliche Systeme in den verschiedenen Rennfahrzeugen." Das heißt, die Steifigkeit des Bremspedals, wie viel Kraft der Fahrer einsetzen muss, um eine bestimmte Verzögerung zu erzielen, ist in verschiedenen Fahrzeugen unterschiedlich. "Deshalb haben wir diese Vielseitigkeit eingebaut, dass wir die verschiedensten Rennfahrzeuge nachbilden können, so dass der Fahrer auch das entsprechend richtige Gefühl auf der Bremse kriegt."

Auf ein Gefühl hingegen würde jeder Simulatorfahrer gerne verzichten: Motion Sickness. Bei AVL RACETECH kommen drei High-Performance-Projektoren zum Einsatz, die eine Leinwand mit einem Durchmesser von ungefähr 5,5 Metern ausleuchten. Die Bildwiederholrate liegt bei 120 Hertz, für die Zukunft ist ein Update auf 240 Hertz angedacht. Was das mit Motion Sickness zu tun hat?

In diesem Fall ist das Monocoque nicht wie bei anderen Simulatoren mechanisch mit der Leinwand verbunden. "Das bedeutet, wenn sich das Monocoque bewegt, dann muss auch das Bild auf der Leinwand nachgeführt werden und das möglichst verzögerungsfrei", erklärt Peinsitt. "Wenn es da Verzögerungen gibt, führt das zu Motion Sickness und das mögen die Fahrer gar nicht." Die Lösung: Im Hintergrund sorgen spezielle Softwarelösungen dafür, dass das Bild realistisch erscheint und die Überlappungen von den drei Projektoren für den Fahrer nicht sichtbar sind.

Und das funktioniert so gut, dass mit dem Simulator ein echtes Rennauto auf einer Rennstrecke ferngesteuert werden kann. So geschehen bei einem Remote Driving Experiment im Jahr 2021, bei dem der Prototyp des DTM Electric Rennautos auf dem Red Bull Ring aus dem Simulator bei AVL RACETECH ferngesteuert wurde. "Das heißt, der Fahrer hat hier in Graz im Simulator gesessen und das Fahrzeug über eine recht schnelle Runde am Red Bull Ring gesteuert", erinnert sich Peinsitt.

Dafür wurden die Lenk-, Gas- und Bremssignale aus dem Simulator an das gut 70 km entfernte Fahrzeug übertragen und von dort wurde das Feedback von der Strecke an den Simulator zurückgemeldet, so dass der Fahrer darauf reagieren konnte. So weite Wege sind aber nicht immer nötig, um ein echtes Fahrzeug vom Simulator aus zu steuern. Dafür müssen wir nur eine Etage tiefer gehen. Durch ein riesiges Hallentor. In einen Topsecret-Bereich. "Wir haben unter uns einen Prüfstand, auf dem wir das gesamte Fahrzeug aufspannen können", verrät Peinsitt. Dafür werden die Räder entfernt, vier Elektromaschinen angeschlossen und eine Verbindung zum Simulator hergestellt. Der Fahrer im Simulator fährt dann das Fahrzeug auf dem Prüfstand. "

Wenn er hier aufs Gas steigt, dann wird das Fahrzeug unten schneller", so Peinsitt. "Und wenn er hier auf die Bremse steigt, dann gibt es eine hydraulische Bremsleitung, die runtergeht zum Fahrzeug und es auf dem Prüfstand verzögert." Eine Spezialität von AVL RACETECH. Ein kleines Wunder der modernen Renntechnik. Da möchte man fast glauben, dass hinter der nächsten unscheinbaren Tür in diesem Schlaraffenland der Technik tatsächlich ein Sternentor ins Autódromo Hermanos Rodríguez führt.

Dieser Artikel stammt aus der 102. Printausgabe des Motorsport-Magazins. Wer mehr exklusive Interviews und Hintergrundgeschichten wie diese lesen möchte, der kann sich hier ein Abo holen.