"Bring back the fucking V12s!" forderte Sebastian Vettel schon 2019. Mit einem gefeierten Demorun kam Jean Alesi dem Wunsch des viermaligen Weltmeisters am Sonntag vor dem Formel-1-Rennen in Monza endlich nach. Im legendären Ferrari 412T2 von 1995 ließ die Ferrari-Ikone in Italien die Herzen der Tifosi höherschlagen. Die Ausfahrt fand zum 30-jährigen Jubiläum des letzten Sieges eines V12-Motors in der Formel 1 statt.

Für Ferrari markierte 1995 das Ende einer Ära. Die kreischenden Zwölfzylinder aus Maranello waren seit der 1966 eingeführten 3-Liter-Formel ein Markenzeichen der Formel-1-Boliden mit dem Cavallino Rampante. Lediglich in der Turbo-Ära zwischen 1981 und 1988 wich der Zwölfzylinder-Saugmotor einem aufgeladenen V6-Aggregat. In der letzten V12-Ära zwischen 1989 und 1995 wurde Jean Alesi zu einem der prägenden Fahrer der Scuderia. Zweimal verpasste er den Sieg in Monza, als er in Führung liegend mit einem technischen Problem ausfiel. 1994 stoppte ihn ein Getriebeschaden, 1995 ein defektes Radlager. Nur einmal standen die Sterne für ihn richtig, und zwar in Montreal.

Formel 1 Kanada 1995: Jean Alesi auf dem Höhepunkt

Der 11. Juni 1995 war mit dem ersten und einzigen Sieg für Geburtstagskind Jean Alesi ohnehin schon ein geschichtsträchtiger Tag für die Formel 1 - schließlich trägt sich nicht jeden Sonntag ein neuer Name in die Siegerlisten ein. Dass es sich dabei um den Publikumsliebling der Tifosi handelte, der wie einst ihr geliebter Gilles Villeneuve die Angewohnheit besaß, den Ferrari mit der Startnummer 27 in wilden Drifts am Rande des Abgrunds zu bewegen, verlieh diesem Erfolg zusätzlichen Charme.

Das ewige Talent Jean Alesi musste 91 Grands Prix auf diesen Tag warten. Der Heißsporn hatte bei seinem spontanen Debüt für Tyrrell im Frankreich GP 1989 mit einem vierten Platz sofort auf sich aufmerksam gemacht. In seiner ersten vollen Saison für die Briten muckte er 1990 mehrfach bei Ayrton Senna und Co. auf. Mit zwei Podestplätzen in Phoenix und Monaco, brachte er sich bei den Top-Teams ins Spiel.

Zunächst bahnte sich ein Wechsel zu Williams Renault an - dem Team, das 1992 und 1993 mit Nigel Mansell und Alain Prost Weltmeister werden und den Sport bis auf Michael Schumachers kurze Benetton-Ära auf Jahre hinweg dominieren sollte. Für 1991 war schon ein Vertrag mit Williams unterschrieben, der zunächst allerdings nur eine Option auf Alesi umfasste. Ferrari kam Frank Williams zuvor und sicherte sich den Shooting Star.

In den folgenden fünf Saisons fuhr der Franzose mit sizilianischen Wurzeln und dem Geburtsnamen Giovanni Alesi für den legendären Rennstall aus Maranello. In einer für Ferrari schwierigen Zeit, erreichte er immer wieder Achtungserfolge, welche ihn gepaart mit seinem spektakulären Fahrstil und seinem unbändigen Kampfgeist zu einer wahren Ikone der Tifosi machten.

Jean Alesi 1995 im Ferrari
Jean Alesi gewann 1995 in Montreal vor Rubens Barrichello und Eddie Irvine, Foto: IMAGO / Andreas Beil

Michael Schumacher spielt Taxi für Ferrari-Sieger Jean Alesi

An seinem 31. Geburtstag ging der Knoten endlich auf. Von Startplatz fünf aus triumphierte Alesi im Ferrari 412T2. Oft genug war er am Sieg in Rot vorbeigeschrammt. So störte sich niemand daran, dass er in der 57. von 70 Runden von einem Getriebeproblem am Benetton Renault von Michael Schumacher profitierte. Unmittelbar nachdem Alesi vor dem Jordan-Duo Rubens Barrichello und Eddie Irvine die Ziellinie überquert hatte, stürmten die ekstatischen Fans den Circuit Gilles Villeneuve.

Alesi hatte dieses Rennen nicht nur für sich und Ferrari gewonnen, sondern auch für die kanadischen Fans, die ihn wie einst Nationalheld Gilles Villeneuve bei dessen Sieg mit der Scuderia 1978 in Montreal feierten. Auf seiner Ehrenrunde ging Alesi das Benzin aus, woraufhin er sich unter dem Jubel der Fans von Schumacher auf der Airbox in die Box chauffieren ließ. Auf der Start- und Zielgeraden feierte er den Sieg, indem er seinen Helm in die Zuschauer feuerte.

Ferrari 412T2: Der letzte Zwölfzylinder der Formel 1 (05:10 Min.)

Mit der Saison 1996 wechselte Ferrari auf ein V10-Aggregat. Im Reglement waren die V12-Motoren allerdings noch bis einschließlich 2000 vorgesehen. Toyota hatte für sein ursprünglich für die Saison 2001 geplantes F1-Debüt bereits die Entwicklung eines V12 begonnen, doch im Januar 2000 änderte der FIA World Motor Sport Council das technische Reglement. Ab 2001 waren für die Formel 1 einzig V10-Motoren festgeschrieben. Damit war der letzte V12 der Formel-1-Historie schon Geschichte, bevor er das Licht der Welt erblickte.

Alesi und Ferrari sind nicht die einzigen, die an diesem Wochenende die V12-Geschichte ehren. Honda schenkte am Montag nach Monza einen restaurierten V12 aus der McLaren-Ära an seinen damaligen Piloten Gerhard Berger. Mehr dazu hier: