Liebe motorsport-magazin.com-Leser!
Ein Idol meiner Jugendtage, der leider viel zu früh von uns gegangene Jo Gartner - 1984 Pilot bei Osella und 5. in Monza - hatte ein Prinzip, das ich mir immer zu Herzen genommen habe: "Wenn Dir jemand liniertes Papier reicht, dann drehe es um und schreibe quer über die Linien!". In diesem Sinne möchte ich abseits aller Lobhudeleien für Alonso, Renault oder Räikkönen noch einmal ein paar Glanzlichter dieser langen Saison Revue passieren lassen.
Die Überraschung des Jahres
Die größte Überraschung des Jahres fand bereits im Februar statt. Patrick Friesacher hatte nicht einmal das Budget für das dritte Auto bei Minardi und wurde plötzlich als Stammpilot bekannt gegeben. Nicht einmal seine Eltern wussten davon. Der Junge war schon so weit unten! Schade nur, dass das Märchen nicht zu Ende erzählt werden durfte. Als Österreicher finde ich es doppelt schade, dass Christian Klien in Imola zusehen musste, sonst hätten wir mit Wurz-Friesacher-Klien sogar 3 Fahrer im Rennen gehabt.
Die Sprüche des Jahres
"Das Problem mit diesem Gentlemen´s Agreement ist: Wir reden hier von Formel 1-Teamchefs, und nicht von Gentlemen!" (Max Mosley zur freiwilligen Testbeschränkung)
"There is something wrong with the car, I don´t know what it is." (Fernando Alonsos scheinheiliger Funkspruch, nachdem er sich in Kanada die Aufhängung an der Mauer abgefahren hat)
"Sehen Sie sich doch mal um im Fahrerlager, hier sind ein Dutzend Leute in leitenden Positionen, die schon mal im Gefängnis waren... und ein weiteres Dutzend sollte eigentlich auch dorthin." (eine anonyme bekannte Person in der Formel 1)
"Danke, daran hatte ich gar nicht gedacht!" (David Coulthards Antwort auf den Boxenfunk, der ihm empfohlen hatte: "Try to pull away from Ralf!")
Das Team des Jahres
Für mich eindeutig Michelin. Wie man nach dem Indy-Desaster den Kopf hoch gehalten hat - Respekt! Keine falschen Schuldzuweisungen. Selten hat jemand in der Formel 1 so aufrecht eingestanden: Ja, wir haben Mist gebaut, und jetzt beseitigen wir ihn wieder. Sogar die Fans bekamen ein mehr als faires Angebot, obwohl dies das Jahresbudget der Franzosen aus allen Angeln gehoben hat.
Der Fahrer des Jahres
Man mag mir jetzt zu viel Lokalpatriotismus vorwerfen, aber der Fahrer des Jahres ist für mich Alexander Wurz: 4 ½ Jahre Pause und dann fährt der, als wäre er nie weg gewesen. Ewig schade, dass er den 3. Platz in Imola erst nachträglich bekommen hat. Ich hätte ihn so gerne auf dem Podium strahlen gesehen. Auch im direkten Duell mit de la Rosa sah er für mich etwas besser aus. Der Spanier hatte wesentlich mehr Kilometer mit dem neuen MP4-20 und ist in Bahrain im Wesentlichen durch ein paar Harakiri-Manöver beim Überholen aufgefallen.
Die Enttäuschungen des Jahres
Ganz klar Mercedes: Schön, dass es gelungen ist, den stärksten Motor zu bauen (913 PS laut Berechnungen von Motorenpapst Enrico Benzing). Dass ein paar PS weniger (z.B. 899 bei Renault) auch reichen, um Weltmeister zu werden, ist jetzt wohl allen klar, solange das Ding nicht pausenlos in die Luft fliegt.
Auf der Liste der Enttäuschungen auch weit vorne: B•A•R, zum einen wegen des schweren gewerbsmäßigen Betrugs von Imola. In der Hochblüte der Formel 1, als man ausreichend Autos hatte, wäre man wohl in hohem Bogen für ein ganzes Jahr rausgeflogen. Da fügt sich die inferiore Standfestigkeit der Honda-Motoren zu Jahresbeginn nahtlos ein. Ebenso die fahrerischen Glanzpunkte von Takuma Sato, der einen einzigen WM-Punkt erreicht hat, also genau so viel wie Zsolt Baumgartner im Vorjahr.
Antonio Pizzonia ist von Mark Webber in den letzten Rennen richtiggehend vernichtet worden. Nick Heidfeld war im Nachhinein wohl die deutlich bessere Wahl, Sir Frank! Fragt sich nur, warum man als Top-Team einen Testfahrer beschäftigt, der monatelang (!) nicht im Auto sitzt und dann körperlich unvorbereitet ins kalte Wasser muss.
Der Pechvogel des Jahres
Die Liste der Kandidaten ist lang: Giancarlo Fisichella etwa, der alles Pech bei Renault anzuziehen schien. Oder Anthony Davidson, der endlich mal seine Chance bekommt, weil Sato außer Gefecht ist, und dann geht nach 2 Runden der Motor ein. Der Pechvogel des Jahres ist aber wohl Ricardo Zonta: Er durfte sich nach Ralf Schumachers Indy-Crash genau einen Samstag lang wieder als Grand Prix-Fahrer fühlen.
Die Rätsel des Jahres
Zum einen verstehe ich nicht, wie Bridgestone innerhalb eines Jahres es verlernt haben kann, Reifen zu bauen. Da steckt irgendwas dahinter, das wir so bald nicht erfahren werden. Ebenso mysteriös war für mich der Abflug von Giancarlo Fisichella beim Imola-Grand Prix in der Tamburello. Bis heute hat das Team nicht bekannt gegeben, warum er so heftig abgeflogen ist. Üblicherweise ist Renault da eher offen und gesteht Fehler durchaus ein. Also vermute ich, dass da jemand einen unglaublichen Bock geschossen hat. Wir werden es wohl nie erfahren.
Der Rookie des Jahres
Sechs neue Fahrer haben wir heuer gesehen: Albers, Friesacher, Karthikeyan, Monteiro, Liuzzi und - Robert Dornboos. Ich muss neidlos anerkennen: Der Niederländer hat mich am meisten überrascht. Ich hätte ihn eher als Kanonenfutter für Albers eingestuft. Das hat er wohl deutlich widerlegen können. Schade, dass für Leute seines Kalibers die Luft in Zukunft noch dünner wird, jetzt wo bei Minardi nur noch Jung-Bullen aufgenommen werden.
Der Fehler des Jahres
Irgendwann im Frühjahr hat Mike Gascoyne von Toyota mal ziemlich die Klappe aufgerissen: "Wenn McLaren heuer noch ein Rennen gewinnt, dann gewinnen wir zwei oder drei!" Tja, zum Glück ist das Gedächtnis der Formel 1-Schreiberlinge zumeist sehr kurz. Für mich hat diese Fehleinschätzung, die durchaus ernst gemeint war, einen Ehrenpreis verdient.
Der Song des Jahres
"We are the champions" gesungen von Fernando Alonso am Boxenfunk nach dem Sieg in China. Ich warte schon auf den Remix in den spanischen Popcharts von MC Bernie E. Und der Kerl hat sogar richtig gesungen! Großartig! Da wächst ein neues Talent heran, das weit über die Grenzen der Karaoke-Hütten von Suzuka hinaus bekannt werden sollte.
Der Wahnsinn des Jahres
Der Marketing-Aufwand von Red Bull. Kaufen das halbe Hafenbecken von Monte Carlo auf, um ihre Energy Station schwimmend aufbauen zu können. Darth Vader in der Box mit dem Lollipop! Schade, dass es ausgerechnet in Monaco nur einen Boxenstopp gab, und den hat das Fernsehen fast verschlafen. Von der Party mit PINK in Melbourne reden heute noch alle. Mit dem Aufwand, der hinter dem 'Red Bulletin', der täglichen 24-Seiten-Fahrerlagerzeitung steckt, könnten andere schon ganz nette Autos bauen. Hut ab! Vor allem deswegen, weil die sportlichen Leistungen dagegen nie abgefallen sind.
Die Affäre des Jahres
Da war diese äußerst attraktive neue Reporterin aus einem der neuen Formel 1-Länder. Sie ließ den Testosteron-Pegel der meisten jungen Kollegen in astronomische Höhen steigen. Doch ausgerechnet ein in Ehren ergrauter Gentleman alten Stils bekam den Zuschlag (hört man...)
Die Nervensägen des Jahres
Nichts ist für uns lästiger, als die viele heiße Luft, die die Presseabteilungen der Teams verteilen. Gelbe Karte für McLaren! Wenn man sich die PR-Aussagen der eigenen Fahrer am Schreibtisch ausdenkt, ohne je mit ihnen gesprochen zu haben, läuft was schief. Immer auch gerne gelesen: Die Null-Aussagen von Honda-Chef Shuhei Nakamoto, die dankenswerterweise wenigstens nie länger als zwei Zeilen waren.
Der Deal des Jahres
Red Bull holt sich Ferrari-Motoren. Klingt immer noch ziemlich komisch. Aber da sitzen ein paar Leute in Fuschl am See, denen das Beste wohl gerade gut genug ist.
Die Frau des Jahres
Ist nie auch nur einen Meter Formel 1 gefahren, aber im Juni hatte ich das Gefühl, die gesamte Formel 1 drehe sich nur um Danica Patrick. Bin schon gespannt, ob es im Winter einen echten Formel 1-Test geben wird. In der IRL schimpfen die Fahrer ja schon wie die Rohrspatzen, wenn das "princess mobile" (Prinzessinenauto) wieder mal von der Rennleitung vermeintlich bevorzugt wird.
Mein Gott, würde das in der Formel 1 gut tun...

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