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Formel 1

Formel-1-Streckenposten: Die Schutzengel der Rennstrecke

Welche Aufgaben erfüllen die Streckenposten bei einem Formel-1-Rennen? Und: Wie wird für ihre eigene Sicherheit gesorgt?
von Martin Jacobs

Motorsport-Magazin.com - Ohne Streckenposten (bzw. "Marshalls") könnte in der Formel 1 kein Rennen gestartet werden. Die zumeist ehrenamtlichen Helfer üben zahlreiche Funktionen aus und sorgen an einem Rennwochenende für die Sicherheit von Zuschauern und Fahrern.

Aus gutem Grund steht auf den Tickets für Formel-1-Rennen "Motor Racing is Dangerous". Trotz all der sportlichen Höhepunkte gab es in den letzten Jahrzehnten in der Königsklasse des Motorsports auch immer wieder Tragödien, bei denen Menschen an der Rennstrecke zu Schaden gekommen oder schlimmstenfalls getötet worden sind. Für die sichere Durchführung einer Rennveranstaltung übernehmen Streckenposten eine Schlüsselfunktion.

Funktionen der Marshalls

Streckenposten arbeiten direkt an der Rennstrecke und stehen in stetigem Kontakt mit der Rennleitung. Die Aufgabenbereiche der Streckenposten sind vielfältig. Sie beobachten die Strecke und sind erste Zeugen von Unfällen oder auftretendem Regen/Ölspuren. Nachfolgende Fahrzeuge werden in solchen Fällen von den Streckenposten durch entsprechende Flaggensignale gewarnt.

Nach der Sicherung einer Gefahrenstelle durch Flaggensignale wird der Vorfall von den Streckenposten an die Rennleitung gemeldet. Für die Kommunikation mit der Rennleitung gibt es mitunter eigene Streckenposten, die in stetigem Kontakt mit der Rennleitung stehen und einen ständigen Austausch über das aktuelle Renngeschehen ermöglichen.

Erst wenn eine Unfallstelle durch Flaggensignale gesichert und der Vorfall an die Rennleitung gemeldet wurde, darf mit der Bergung des Fahrzeugs begonnen werden. Die Streckenposten sind hierbei in erster Linie für Lösch- und Aufräumarbeiten zuständig. Verlässt ein Fahrer nach einem Unfall sein Auto nicht aus eigener Kraft, so dürfen die Streckenposten dem Fahrer zwar beistehen, die Bergung des Fahrers wird in solchen Fällen jedoch vom medizinischen Personal beziehungsweise den "Extrication Teams" verantwortet. Die "Extrication Teams" setzen sich aus medizinischem Personal zusammen, das auf die rasche und schonende Bergung verunfallter Rennfahrer spezialisiert ist.

Eine gefährliche Aufgabe

Bedauerlicherweise ist es trotz aller Sicherheitsbemühungen in der Vergangenheit immer wieder zu Vorfällen gekommen, bei denen Streckenposten gefährdet, verletzt oder gar getötet wurden. Beim Italien GP 2000 und beim Australien GP 2001 wurden Streckenposten nach Unfällen von herumfliegenden Reifen erschlagen.

Um derartige Vorkommnisse zu verhindern, wurden die Schutzzäune, die die Streckenposten gegen die Gefahren der Rennstrecke abschirmen, im Laufe der Zeit ausgebaut und verstärkt. Außerdem werden die Radaufhängungen der Formel 1 Boliden heutzutage von Zylon-Seilen gesichert, sodass die Reifen im Falle eines Unfalls seltener abreißen und zu gefährlichen Geschossen werden können.

Für Aufräumarbeiten müssen die Streckenposten nach wie vor ihren Schutzbereich hinter den Leitplanken verlassen und auf die Rennstrecke gehen. Leider kommt es in solchen Situationen immer wieder zu Gefährdungen des Streckenpersonals. So durften sich beim San Marino GP 2020 kurz vor dem Ende einer Safety-Car-Phase mehrere Fahrer zurückrunden und auf das Hauptfeld aufschließen. Die Erlaubnis zur Zurückrundung wurde hierbei vor dem Abschluss der Aufräumarbeiten auf der Strecke gegeben. Dies führte dazu, dass Lance Stroll mit hoher Geschwindigkeit die Acque minerale hinunterfuhr und den (dort noch arbeitenden) Streckenposten gefährlich nahe kam.

Selbstredend kann die Sicherheit des Streckenpersonals in solchen Situationen nicht durch Schutzausrüstung oder Fangzäune verbessert werden. Vielmehr müssen bei solchen Vorkommnissen die Abläufe an der Rennstrecke hinterfragt werden. Im konkret geschilderten Fall musste geprüft werden, warum die Erlaubnis zum Zurückrunden gegeben wurde, bevor die Aufräumarbeiten an der Strecke beendet waren.

Außerdem sieht das Reglement für das Zurückrunden zwar vor, dass mit erhöhter Geschwindigkeit auf das Feld aufgeschlossen werden darf. Jedoch weist das Reglement ausdrücklich darauf hin, dass die Geschwindigkeit in solchen Situationen der Gesamtlage auf der Rennstrecke angepasst sein muss. Diesen Grundsatz hatte Stroll, als er fast mit Renngeschwindigkeit an den Streckenposten vorbeifuhr, eindeutig missachtet. Auch die gelben Flaggen, die vor den Streckenposten doppelt geschwenkt wurden, hat Stroll ganz offensichtlich übersehen.

Im oben geschilderten Beispiel ist glücklicherweise niemand zu Schaden gekommen. Der Vorfall wurde von der FIA geprüft und auch im Fahrerbriefing mit Rennleiter Michael Masi besprochen.


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