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Formel 1

Formel 1: Die fünf herausragendsten Ersatzfahrer

Heute kommen Ersatzfahrer in der Formel 1 seltener zum Zug als früher. Wir blicken zurück auf herausragende Beispiele, die bei ihren Einsätzen überzeugten.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Nico Hülkenberg gab in Silverstone als Ersatz für den erkrankten Sergio Perez ein überraschendes Comeback. Für 2020 ausgemustert, erwies sich der Emmericher für Racing Point als wahrer Edelreservist. Bei Not am Mann sprangen in der Vergangenheit schon mehrfach Formel-1-Rentner oder unfreiwillige Ruheständler ins kalte Wasser - und lieferten dabei denkwürdige Performances.

Jackie Olivers: 5. Boss-Move

Christian Horner, Toto Wolff, Zak Brown. In der Formel 1 sitzen 2020 einige mehr oder weniger bewanderte Rennfahrer im Team-Management. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen das Kunststück Jackie Olivers nachahmen könnte, ist verschwindend gering. Der Brite stieg 1977 als Teamchef spontan selbst ins Cockpit seines Shadow DN8, weil Stammfahrer Riccardo Patrese aufgrund eines Formel-2-Einsatzes in Mugello verhindert war. Oliver war in der F1 kein Unbekannter. Zwischen 1967 und 1973 war er bei 49 Grands Prix an den Start gegangen. Nach seinem Rücktritt übernahm er ab 1974 die Teamleitung von Shadow, für die er seine letzte Saison als Fahrer bestritten hatte.

Nach einer dreijährigen Pause nahm Shadow-Teamchef Jackie Oliver selbst als Ersatzfahrer im Cockpit Platz - Foto: LAT Images

Dreieinhalb Jahre nach seinem finalen Auftritt stand er für den Grand Prix von Schweden in Anderstorp wieder auf der Starterliste. Der 35-Jährige zog sich bei seinem mutigen Comeback achtbar aus der Affäre. Das Qualifying beendete er auf Position 16 im Feld der 31 gemeldeten Fahrer. Lediglich neun Zehntel fehlten ihm auf den späteren Weltmeister Alan Jones im Schwesterauto. Das Rennen beendete er als Neunter und letzter Pilot in der Führungsrunde.

Miko Salo erhielt als Ersatz für Michael Schumacher bei Ferrari die Chance seines Lebens - Foto: Sutton

Roberto Moreno: 4. Super Sub aus Leidenschaft

Roberto Moreno brachte es in der Formel 1 zwischen 1982 und 1995 auf 44 Starts. Den Großteil seiner Rennen in der Königsklasse bestritt der Brasilianer als Ersatzmann. Schon sein erster Einsatz für Lotus kam durch einen Handgelenkbruch bei Nigel Mansell zustande. Der Auftritt in Zandvoort war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Moreno verpasste die Qualifikation und verschwand durch diese Fehlleistung zunächst vom F1-Radar. Fünf Jahre später tauchte er nach Erfolgen in Formel 3 und Formel 3000 wieder auf. Mit Hinterbänklern wie AGS oder Coloni war kein Blumentopf zu gewinnen, doch 1990 eröffnete sich ihm die nächste große Chance. Als Alessandro Nannini bei einem Helikopterabsturz schwer verletzt wurde, meldete sich Benetton bei Moreno.

Roberto Moreno wurde 1990 in Suzuka Zweiter hinter seinem Benetton-Teamkollegen Nelson Piquet (Vordergrund) - Foto: LAT Images

Der 31-Jährige stieg in Suzuka in den B190 und wurde auf Anhieb Zweiter hinter Teamkollege Nelson Piquet. Diese Leistung brachte ihm bei den Italienern ein Stammcockpit für 1991, aus dem er nach elf Rennen von Michael Schumacher verdrängt wurde. In der Folge startete er spontan für Jordan, Minardi, Andrea Moda und Forti. Nach seiner F1-Laufbahn zog es ihn in die CART Series, wo er als Super Sub bekannt wurde und mehrere Siege feierte.

Nigel Mansell: 3. Moneymaker

Der tragische Unfalltod von Ayrton Senna war für Williams 1994 persönlich wie sportlich ein unermesslicher Verlust. Aus Respekt vor dem Brasilianer blieb der zweite FW16 neben Damon Hill in Monaco unbesetzt. Ab Barcelona stellte sich Testfahrer David Coulthard der Mammutaufgabe, als Rookie den Platz des dreimaligen Weltmeisters zu übernehmen. Doch dem jungen Schotten fiel es schwer, den neuen Teamleader Damon Hill im WM-Kampf gegen Michael Schumacher zu unterstützen. Williams wandte sich deshalb an niemand Geringeren als Nigel Mansell.

1994 fuhr Williams-Ersatzmann beim Australien GP in Adelaide den Sieg ein, nachdem Michael Schumacher und Damon Hill kollidiert und ausgeschieden waren - Foto: LAT Images

Der Weltmeister von 1992 blickte auf zwei Amtszeiten in Grove zurück und fuhr mittlerweile erfolgreich für Newman/Haas Racing in der IndyCar. Sein US-amerikanisches Team gab den britischen Nationalhelden für vier Rennen frei. Mansell kassierte pro Auftritt 900.000 britische Pfund, im krassen Gegensatz zu Hills Jahresgage von 300.000 Pfund. Der 41-Jährige bedankte sich mit Pole Position und Sieg beim Finale in Adelaide.

Mika Salo: 2. Bittersüßer Karrierehöhepunkt

Als Youngster stand Mika Salo seinem Namensvetter Mika Häkkinen als finnische F1-Hoffnung in nichts nach. Doch einmal an der Weltspitze angekommen, eröffneten sich dem Mann aus Helsinki nicht dieselben Möglichkeiten wie dem Doppelweltmeister. Salo debütierte 1994 mit Lotus und mühte sich auch danach bei Tyrrell und Arrows mit dritt- bis viertklassigem Material ab. Achtungserfolge für die Hinterbänkler formten seinen Ruf als schneller und zuverlässiger Fahrer.

Für 1999 stand er nach einem gescheiterten Deal trotzdem ohne Cockpit da. Doch das Aus machte ihn im Paddock plötzlich zur ersten Wahl. Bei BAR ersetzte er für drei Rennen den verletzten Ricardo Zonta. Kurz darauf klopfte die größte Chance seiner Karriere an. Nachdem Michael Schumacher sich in Silverstone das Bein brach, wurde Salo von Ferrari kontaktiert. Der 32-Jährige sollte Eddie Irvine im WM-Kampf gegen Häkkinen den Rücken freihalten. Um diese Mission zu erfüllen, brachte er in Hockenheim das größtmögliche Opfer. Seinen einzigen F1-Sieg schenkte er dem Teamkollegen. Nach einem weiteren Podestplatz in Monza verabschiedete sich Salo aus Maranello und machte den F399 wieder für Schumacher frei. Irvine verpasste den Titel, doch die Scuderia gewann zum ersten Mal seit 1983 wieder die WM.

Formel 1 Q&A: Ist Leclerc besser als Verstappen?: (21:02 Min.)

Mario Andretti: 1. Super Mario der Superhero

Ob NASCAR, IndyCar, Formel 1 oder Sportwagen. Wo Mario Andretti an den Start ging, gewann er Rennen und Titel. Als einer der besten Allrounder seiner Zeit gab er 1982 einen letzten denkwürdigen Auftritt in der F1, der durch äußerst tragische Umstände zustande kam. Ferrari war im Spätsommer händeringend auf der Suche nach einem Ersatzfahrer. Gilles Villeneuve war wenige Monate zuvor in Zolder tödlich verunglückt. Einige Wochen später verlor die Scuderia auch den talentierten Didier Pironi bei einem schweren Unfall im Training auf dem Hockenheimring.

Mario Andretti beim Ferrari-Heimspiel in Monza - Foto: LAT Images

In der Konstrukteurswertung auf dem Weg zum Titel brauchte Ferrari an der Seite von Patrick Tambay einen wahren Super Sub. Der 42-jährige Andretti sagte beim Anruf aus Maranello sofort zu. Seine F1-Karriere hatte er nach einem enttäuschenden Jahr mit Alfa Romeo gerade erst beendet und war daraufhin in die IndyCar zurückgekehrt. Um Ferrari zu helfen, kehrte der in Italien geborene US-Amerikaner noch einmal in die Königsklasse zurück - und lieferte auf Anhieb eine Sensation. In Monza stellte er den Ferrari 126C2 auf die Pole Position. Das Rennen beendete er mit einem defekten Turbo unter dem Jubel der Tifosi als Dritter.

Alles zu Mick Schumachers Formel 1-Einstieg! MSM Ausgabe 76: (02:21 Min.)

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