Formel 1

Formel 1, nach Mercedes in Sotschi: Top-5 Teamorder-Skandale

Mercedes schenkte Lewis Hamilton in Russland per Stallregie den Sieg. Eine unpopuläre Methode, die in der F1 eine lange Geschichte hat. Wir blicken zurück.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Mercedes hat es getan. Beim Grand Prix von Russland 2018 sprach das Team von Lewis Hamilton und Valtteri Bottas erstmals eine kompromisslose Teamorder zugunsten eines ihrer Piloten aus. Teamchef Toto Wolff entschied damit das erste Mal in seiner Karriere als Teamchef gegen den von ihm stets beherzigten Racer-Spirit. Mit dieser unpopulären Entscheidung steht der Österreicher aber nicht alleine da. Schon mehrmals erschütterte eine Stallregie die Formel 1 regelrecht.

Ferrari - Österreich 2002: Let Michael pass for the Championship

Es war wahrscheinlich die Mutter aller Stallregien: Rubens Barrichellos und Michael Schumachers Platztausch beim Grand Prix von Österreich im Jahr 2002. Der Brasilianer, der gegen seinen dominanten Teamkollegen meist das Nachsehen hatte, war an diesem Rennwochenende auf dem A1 Ring bestens aufgelegt. Barrichello hatte Schumacher sowohl in der Qualifikation als auch im Rennen im Griff.

Lange sah es so aus, als ob Barrichello seinen ersten Saisonsieg einfahren könnte - doch wenige Runden vor dem Ziel kam für ihn der Schock: Ferrari-Teamchef Jean Todt forderte Barrichello mit dem wohl berühmtesten Funkspruch der Formel-1-Geschichte dazu auf, den hinter ihm liegenden Schumacher vorbeizulassen. "Let Michael pass for the championship", hieß es von der Boxenmauer. Und das, obwohl es erst das sechste Saisonrennen war und Schumacher bereits vier davon gewonnen hatte.

Barrichello zögerte den demütigenden Moment so lange hinaus, wie er nur konnte. Erst wenige Meter vor dem Zielstrich ging er vom Gas und ließ Schumacher passieren. Unter dem Lärm der aufgebrachten Fans tauschte Schumacher hinterher auf dem Podium mit Barrichello die Plätze und gab dem Brasilianer den Pokal für den Sieg.

Ferrari zahlte für dieses Vergehen gegen den offiziellen Ablauf der Podiumszeremonie 1 Million US-Dollar. Für Barrichello war es ein bitteres Déjà-vu: Bereits im Vorjahr hatte er beim Grand Prix von Österreich in der letzten Runde die Anweisung vom Team befolgen müssen und seinen zweiten Platz auf den letzten Metern an den Teamkollegen abgegeben.

Für die Entscheidung von Ferrari hatten weder Fachwelt noch Publikum viel Verständnis - Foto: Sutton

Red Bull - Malaysia 2013: Vettels Rache

Die Beziehung zwischen den Red-Bull-Teamkollegen Sebastian Vettel und Mark Webber war von Anfang an nicht die Beste. In der Saison 2010 befanden sich beide im Titelkampf gegen Fernando Alonso, als die Situation in Istanbul explodierte. Mark Webber missachtete eine Teamorder, die besagte, dass er den vermeintlich schnelleren Vettel passieren lassen müsse.

Drei Jahre später waren die Fronten insoweit geklärt, dass Vettel nach drei Weltmeistertiteln die klare Nummer eins im Team war. Webber war allerdings nach wie vor für Siege gut und sah auch keinen Anlass, sich diese Gelegenheiten in Form einer Stallregie nehmen zu lassen - der Teamkollege aber genauso wenig.

Beim Grand Prix von Malaysia 2013 lag Webber nach seinem letzten Boxenstopp in Runde 44 von 56 vor Vettel in Führung. Da es erst das zweite Saisonrennen war, entschied sich Red Bull, die Anweisung "Mulit map 2-1" an seine beiden Fahrer herauszugeben. Diese Codierung besagte, dass die beiden Fahrer ihre Positionen in der Reihenfolge Nummer zwei vor Nummer eins halten sollten. Unter keinen Umständen sollten sie sich gegenseitig angreifen.

Webber war zunächst der Annahme, dass Vettel diese Aufforderung befolgen würde und gab deshalb nicht mehr 100 %. Umso überraschter war der Australier, als Vettel zu ihm aufgeschlossen hatte und begann, ihn anzugreifen. Zwei Runden lang duellierten sich die beiden Teamkollegen bis aufs Äußerste. Vettel übernahm schlussendlich die Führung und gewann das Rennen.

Webber fand nach dem Zieleinlauf recht deutliche Worte: "Ich will auch lieber frei fahren, aber am Ende hat das Team entschieden, auf die Reifen aufzupassen und die Autos ins Ziel zu bringen. Letztendlich hat Seb heute seine eigene Entscheidung getroffen und die Teamorder nicht respektiert. Aber das Team wird ihn wie immer schützen, so läuft es halt."

Webber war von Vettels Verhalten weder überrascht noch begeistert - Foto: Sutton

Mercedes - Ungarn 2014: Alpha-Lewis spielt nicht mit

Lewis Hamilton und Nico Rosberg verband eine langjährige Rivalität. Bereits im zweiten gemeinsamen Rennen für Mercedes, in Malaysia 2013, wurde im Kampf um den dritten Platz von der Boxenmauer entschieden, dass Nico Rosberg seinen Teamkollegen Lewis Hamilton trotz besserer Pace nicht angreifen durfte. Ein Jahr später, beim Grand Prix von Ungarn, kam das Team dem Wunsch Rosbergs jedoch nach und wies Hamilton an, den Deutschen vorbeizulassen.

Rosberg war auf der weicheren Reifenmischung unterwegs und musste zudem noch einen Boxenstopp einlegen, doch für Hamilton war das noch längst kein Grund, den Teamkollegen vorbeizuwinken. "Wieso lässt er mich nicht vorbei?", fragte Rosberg im Boxenfunk. Das Team erklärte Hamilton, dass von Rosberg aufgrund seiner Strategie keine Gefahr ausginge und es keinen Anlass gäbe, die Reifen beim Verteidigen seiner Position zu sehr zu beanspruchen.

Hamilton ließ sich davon jedoch nicht überzeugen: "Ich gehe für Nico nicht vom Gas! Wenn er nah genug herankommt, um zu überholen, kann er mich ja überholen!". Auf weitere Aufforderungen reagierte Hamilton überhaupt nicht mehr und fuhr schlussendlich als Dritter vor seinem Teamkollegen über den Zielstrich.

Hamilton ließ in Ungarn 2014 nicht mit sich reden - Foto: Mercedes AMG

Jordan - Belgien 1998: Hill dirigiert den Kommandostand

Nachdem der in Führung liegende Michael Schumacher mit David Coulthard kollidiert und ausgeschieden war, fanden sich plötzlich die beiden Jordan-Teamkollegen Damon Hill und Ralf Schumacher an der Spitze wieder. Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch sechs Autos im Rennen und den Jordan-Fahrern drohte von der übrig gebliebenen Konkurrenz auch keine Gefahr, den Doppelsieg und zugleich ersten Sieg für das Team zu verlieren.

Tatsache war allerdings, dass Ralf Schumacher auf Platz zwei schneller unterwegs war als sein britischer Teamkollege - ganz außer Gefahr war das Ergebnis für die britische Mannschaft also nicht. Hill erkannte dies und forderte die Boxenmauer im Funk relativ eindeutig dazu auf, den Teamkollegen einzubremsen.

"Ich sage euch jetzt mal etwas, und ihr hört am besten genau hin. Wenn wir uns duellieren, könnten wir am Ende leer ausgehen. Wenn wir uns nicht duellieren, haben wir die Chance, einen Doppelsieg einzufahren. Es ist eure Entscheidung."

Das Team ging auf Hills Forderung ein und funkte Schumacher ins Cockpit, dass er den Doppelsieg nicht gefährden solle. Dieser reagierte erst nach mehrmaliger Aufforderung und fuhr schlussendlich hinter dem Teamkollegen als Zweiter über die Ziellinie.

Damon Hill sorgte 1998 in Spa Francorchamps selbst für die Teamorder - Foto: Sutton

Ferrari - Deutschland 1999: Salo verliert einmalige Chance

In der Saison 1999 stand Mika Salo zunächst ohne festes Cockpit in der Formel 1 da. Aber schon beim dritten Rennen des Jahres kam der erfahrene Finne für den in Brasilien verunfallten Ricardo Zonta bei BAR zum Einsatz. Drei Rennen bestritt Salo für das Team, bevor er wieder aus dem Grid verschwand. Danach sah es wieder düster um die Karriere des ehemaligen Tyrrell- und Arrows-Piloten aus, doch Michael Schumachers Beinbruch in Silverstone änderte für Salo alles.

Der Finne wurde von Ferrari auserkoren, den deutschen Star zu ersetzen und Eddie Irvine Schützenhilfe im Kampf um den WM-Titel zu leisten. Salo allerdings war zu mehr als nur einem Handlanger fähig. Beim Grand Prix von Deutschland auf dem Hockenheimring zeigte er seinem irischen Teamkollegen das gesamte Wochenende über, wo der Hammer hing. Im Rennen lag der Ersatzfahrer nach dem Ausfall seines Landsmannes Mika Häkkinen dann sogar in Führung.

Es hätte für Salo der erste und einzige Sieg in der Formel 1 werden können, und das nicht nur für irgendein Team, sondern für Ferrari. Doch der Finne beugte sich seiner Rolle als Aushilfe und ließ Irvine passieren. Wohlwissend um den Dienst, den Salo ihm erwiesen hatte, übergab Irvine diesem nach dem Rennen die Siegestrophäe.

Für Salo sollte sich seine Kooperationsbereitschaft langfristig aber auszahlen: Für die Saison 2000 erhielt er ein Stammcockpit im von Ferrari-Motoren befeuerten Sauber-Team.

Salo entging 1999 die Chance auf einen prestigeträchtigen F1-Sieg für Ferrari - Foto: Sutton

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