Formel 1 / Historisches

Elio de Angelis - Der letzte Gentleman der F1

Er war einer der letzten Gentlemen in der Königsklasse des Motorsports. Wir blicken auf die Karriere des Elio de Angelis.
von Hans Göttler

Motorsport-Magazin.com - Der am 26.3.1958 als Sohn reicher Eltern in Rom geborene Elio hatte schon mehr als 10 Jahre Erfahrung im Kart-Sport hinter sich (und war sogar Kart-Weltmeister), als er mit 19 Jahren in die italienische Formel 3 – Meisterschaft einstieg, und dabei schon in seinem erst dritten (!) Monoposto-Rennen auf der obersten Stufe des Siegerpodests stand. Am Ende der Saison war er dann auch F3-Meister.

Im Jahr darauf siegte er beim prestigeträchtigen F3-Rennen in Monaco, während es in der Formel 2 nicht wunschgemäß lief. Da er dabei mit seinen Gefühlen nicht hinter dem Berg hielt, wurde er als eine Art verdorbene Primadonna angesehen (auch wegen der Unterstützung seines reichen Vaters) – diesen schlechten Ruf konnte er im weiteren Verlauf seiner Karriere nachhaltig ins Gegenteil umkehren.

Elio de Angelis in einem Lotus 88 des Jahres 1984. - Foto: Sutton

Mit gerade 20 Jahren debütierte der im Formel-Sport relativ unerfahrene Elio auf Shadow in der Formel 1. Obwohl dieses Team auf dem absteigenden Ast war, holte Elio dank seines nicht geringen Talents das Beste aus dem schlechten Auto, was auch dem legendären Lotus-Chef Colin Chapman nicht verborgen blieb, der ihn für 1980 verpflichtete.

Gleich beim zweiten GP in Brasilien rechtfertigte Elio das in ihn gesetzte Vertrauen mit einem 2. Platz, dem er in den darauf folgenden 5 Lotus-Jahren bei insgesamt 91 Starts noch weitere 41 Platzierungen in den Punkten folgen ließ. Das Highlight dabei war sicher sein Sieg beim GP von Österreich 1982, als er in einem Foto-Finish den angehenden Weltmeister Keke Rosberg um 5 Hundertstelsekunden distanzierte. Auch war dies gleichzeitig der letzte Sieg unter der Regie von Colin Chapman, sowie der 150. GP-Erfolg für einen Ford-Motor.

1983 war ein Übergangsjahr für das Team und Elio, als sie unter der mangelnden Standfestigkeit ihres nun von einem Renault-Turbo angetriebenen Wagens litten – 2 kümmerliche WM-Punkte für den 5. Platz in Monza waren die einzige Ausbeute. Dies sollte sich in den nächsten beiden Jahren wieder ins Positive umkehren, als Elio sogar das WM-Klassement anführte, um schließlich Dritter (1984) bzw. Fünfter (1985) zu werden. Beim GP San Marino 1985 holte er auch seinen zweiten Sieg, wobei er von der Disqualifikation des Ersten (Alain Prost) profitierte.

In diesem Jahr bekam er bei Lotus (als Nachfolger von Nigel Mansell) Ayrton Senna als neuen Teamkollegen, der ihn ziemlich bald nur noch die zweite Geige spielen ließ. Da Elio annahm, dass sich dieser Zustand nicht mehr ändern würde, wechselte er für das folgende Jahr zu Brabham. Leider konnte er mit dem radikalen, aber enttäuschenden BT55-"Bügelbrett" nur einen seiner vier GPs beenden (als 8.), bevor es am 15. Mai zu offiziellen FOCA-Testfahrten nach Le Castellet ging...

Elio beim gemeinsamen Frühstück mit seiner Freundin. - Foto: Sutton

Die offizielle Unfallursache wurde nie bestätigt; es wird aber angenommen, dass Elios Brabham bei über 300 km/h den Heckflügel verlor. Der Wagen stieg auf und überschlug sich ein paar Mal, um mit den Rädern nach oben liegen zu bleiben. Benzin tropfte auf den heißen Turbo, und als Alan Jones seinen Lola anhielt, brannte schon ein kleines Feuer. Zwei Streckenposten an der Unfallstelle waren schlecht ausgerüstet, auch hatten sie keine feuerfeste Kleidung. So breitete sich das Feuer weiter aus, und als endlich Hilfe von den Boxen kam, war es unmöglich, den Wagen umzudrehen.

Wie sich später herausstellte, war Elio vom Unfall an sich nicht schwer verletzt (er hatte nur ein gebrochenes Schlüsselbein), und hätte ziemlich schnell geborgen werden können. Wegen des Feuers war dies jedoch nicht möglich. Als endlich ein Löschfahrzeug eintraf, war es viel zu spät. Es dauerte geschätzte acht Minuten, bis das Feuer unter Kontrolle war. Zwar war mindestens ein Arzt beim Verunglückten, aber kein Rettungshubschrauber. So konnte Elio nicht mehr gerettet werden – er starb im Krankenhaus an Erstickung.

Das ganze war die sinnlose Wiederholung der Tragödie um Roger Williamson beim GP Holland 1973 – außer dass es in den hochtechnisierten 80ern geschah. Zumindest hatte Elios Tod gravierende Änderungen für das Umfeld bei Testfahrten zur Folge.

In den Statistiken stehen hinter Elios Namen 2 Siege, 3 Poles und insgesamt 122 WM-Punkten bei 108 GP-Starts; dies mag vielleicht wenig erscheinen, aber in einer Zeit, die von Lauda, Prost, Senna, Piquet, Rosberg und Mansell dominiert wurde, mussten Erfolge schwer erkämpft werden.

1986: Elio de Angelis in seinem Brabham. - Foto: Sutton

Elio setzte seine Zeichen abseits der Strecke; so war er bei seinen Teamkollegen bzw. –Mitarbeitern sehr beliebt.

Vom damaligen Lotus Teammanager Peter Collins stammt die Aussage, dass er ein äußerst talentierter Fahrer war, mit einem wundervollen Stil und Technik, sehr sicher und sehr schnell. Auch dachte Peter Collins, dass viele Leute übersahen, wie oft Elio so schnell wie Ayrton Senna war oder sich vor diesem qualifizierte.

Jan Lammers, sein Teamkollege bei Shadow, bezeichnete ihn als prima Kerl und Gentleman, einen der Nettesten in der F1. "Elio verfügte über unglaublich viel Klasse."

Peter Wright (damals Techniker bei Lotus) erinnert sich, dass "von all den Fahrern, mit denen ich zusammengearbeitet habe, Elio wahrscheinlich derjenige war, den ich am meisten mochte."

Keke Rosberg sagte vor kurzem nach Michele Alboretos tödlichem Unfall beim Testen, dass er von den Fahrern, mit denen er nicht in einem Team war, zwei als außergewöhnlich betrachtete: "Der eine war Elio, der andere Michele ..."

Mir selbst wird Elio immer in Erinnerung bleiben, wie er sich, nachdem er das Aktuelle Sport-Studio des ZDF (Nürburgring 1985) mit einer Eigenkomposition am Flügel eröffnet hatte (die ersten Bilder waren seine Hände beim Klavierspiel auf den Tasten), ganz bescheiden und etwas verlegen für den Applaus beim Publikum bedankte – schon beim Fahrerstreik in Südafrika 1982 hatte er seine Talentproben am Klavier gegeben, begleitet von Gilles Villeneuve mit der Trompete...


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