Formel 1 / Hintergrund

Formel 1 Singapur - Vettel vs. Red Bull: 7 Schlüsselfaktoren

In der Formel-1-Nacht von Singapur kämpft Sebastian Vettel gegen Red Bull um den Sieg. Die Schlüsselfaktoren für das Rennen in der asiatischen Metropole.
von Chris Lugert

1. S wie Startaufstellung

Wunderrunde, Zauberrunde - die Superlative kannten nach Sebastian Vettels Pole-Runde keine Grenzen. Der Ferrari-Pilot sicherte sich die so eminent wichtige erste Startposition für das Nachtrennen in Singapur, obwohl Red Bull zuvor jede einzelne Session für sich entschieden hatte. "Ich bin sehr erleichtert, dass wir diese Pole erreicht haben. Auf der Linie habe ich richtig auf den Call gewartet", strahlte Vettel, der nach besagter Bestätigung seine Freude in den Funk schrie.

Red Bull musste sich dann doch geschlagen geben, Max Verstappen startet aber aus der ersten Reihe neben Vettel. Daniel Ricciardo folgt direkt dahinter. Erwartet schwer tat sich Mercedes auf dem winkligen Kurs. Dass aber dennoch nur Reihe drei zu Buche stand und Lewis Hamilton fast sieben Zehntel zur Pole fehlten, sorgte dann aber doch für Entsetzen.

"Es war klar, dass unser Mercedes hier in Singapur Schwierigkeiten haben wird. Was mich aber mehr beunruhigt, ist der Zeitunterschied. Der ist zu groß. Wir müssen analysieren, was passiert ist", so ein ratloser Niki Lauda am Sky-Mikrofon. Bedenkt man, dass Valtteri Bottas weitere sieben Zehntel hinter seinem Teamkollegen lag, scheint der Hamilton-Faktor wieder gegriffen zu haben. Doch der Brite startet dennoch nur von Rang fünf. Eine Ausgangslage, die für den WM-Kampf kaum spannender sein könnte.

2. S wie Start

300 Meter liegen am Start vor Vettel, bevor er in Kurve eins einbiegt. Mit Max Verstappen weiß der Deutsche aber einen Gegner neben sich, der bekanntermaßen gut und aggressiv startet. Da Überholen auf dem Kurs in Singapur extrem schwer ist, liegt für Red Bull am Start wohl die größte Chance auf den Rennsieg. Gleichzeitig muss sich Vettel genau überlegen, wie viel Risiko er eingehen will, muss er doch auch auf die WM achten.

Hier sieht Red Bull eine Chance. "Ich denke, wenn ich immer noch die WM gewinnen könnte, würde ich konservativ an die Sache herangehen und mich mit Platz sechs oder so zufriedengeben", scherzte Daniel Ricciardo auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com. Und Max Verstappen fügt an: "Im Rennen wird es schwierig, ihn zu überholen. Aber wir müssen uns mal die erste Runde anschauen."

Doch nicht nur die erste Kurve birgt Risikopotential. Nico Hülkenbergs Rennen war 2016 bereits noch auf der Start/Zielgeraden zu Ende, nachdem es zu einer heftigen Kollision kam. Hier zumindest hat Vettel dank seiner vordersten Startposition eher weniger zu befürchten.

Streckendaten
Länge: 5,065 km
Runden: 61
GP-Distanz: 308,828 km
Rundenrekord: 1:47.187 (RIC, 2016)
Kurven: 23
Weg bis Kurve 1: 301,2 m
Länge Boxengasse: 403 m
Zeit in Box bei 60 km/h: 24,18 s

3. S wie Strategie

Welche Würze die Strategie in den Singapur GP bringen kann, zeigte das Rennen 2016. Nico Rosberg verzichtete im Gegensatz zu Daniel Ricciardo auf einen dritten Boxenstopp, der Red-Bull-Pilot flog in der Schlussphase auf frischen Reifen an den Deutschen heran, setzte ihn energisch unter Druck, doch Ricciardo fand keinen Weg vorbei. Ein atemberaubendes Rennen.

Pirelli sieht für das Rennen eine Ein-Stopp-Strategie als schnellste Option. So soll nach 19 Runden der Wechsel auf Supersofts erfolgen, bei höherem Reifenverschleiß kann der Wechsel auch früher erfolgen, dann aber müssten die gelben Softs montiert werden. Beide Varianten schätzen die Italiener als nahezu gleich schnell ein. Wer etwas versuchen möchte, kann aber - so wie Ricciardo 2016 - einen Zusatzstopp einlegen. Der Unterschied zwischen alten und neuen Reifen ist in Singapur groß.

Besonders eben Red Bull sieht in der Strategie eine Chance auf den Sieg gegen Ferrari. "Sollte der Start nicht so ausgehen, dass wir vorne sind, haben wir von der Strategie her glaube ich viele Möglichkeiten", sagte Dr. Helmut Marko. Und auch Mercedes, die großen Verlierer des Qualifyings, setzen auf den Faktor Strategie.

4. S wie Safety Car

Eng mit der Strategie verknüpft ist auch das Safety Car. In Singapur gehört es zum Rennen wie die tausenden Lichter rund um die Strecke. 2008 sorgte es - ungewollt - für einen der größten Skandale in der jüngeren Formel-1-Geschichte, als Flavio Briatore als Renault-Teamchef Nelson Piquet Jr. zum Crash aufforderte, um Fernando Alonso dank der nun perfekten Strategie zum Sieg zu verhelfen.

Doch da Unfälle in den allermeisten Fällen nicht absichtlich geschehen, ist das Safety Car besonders in Singapur eine "Lotterie", wie es Nico Hülkenberg ausdrückte. "Es kann perfekt für einen laufen, aber auch komplett gegen einen", weiß er. Der Einsatz von Bernd Mayländer ist quasi sicher. In jedem Rennen seit der Erstauflage 2008 musste das Safety Car ausrücken.

Nelson Piquet Jr. sorgte 2008 für den großen Skandal - Foto: Sutton

5. S wie Spannung

Drei Punkte beträgt der Vorsprung in der WM-Wertung aktuell zugunsten Lewis Hamiltons gegen Sebastian Vettel. Auch wenn die Startaufstellung den Deutschen deutlich im Vorteil sieht, so liegt auch der Druck vollends auf ihm. Denn Singapur ist bei normalem Rennverlauf vermutlich die größte Chance in den restlichen Rennen, Hamilton deutlich zu distanzieren. Der Brite ist sich dessen bewusst und muss seinerseits alles versuchen, um den Schaden in Grenzen zu halten. "Das Qualifikationsergebnis ist der Worst Case, weil Lewis' Hauptrivale in der Meisterschaft auf Pole steht, aber wir sind da, wo unsere Pace ist", sagte Toto Wolff.

Die spannende Frage, die dieses Rennen begleiten wird: Wie viel werden Vettel und Hamilton in ihren so unterschiedlichen Positionen tatsächlich riskieren? Vettel macht umso mehr Boden gut, je weiter er vorne landet. Hamilton könnte sich auch mit Rang vier zufrieden geben, er hätte weiterhin locker alles in eigener Hand. Zumal er wohl mindestens Fünfter werden wird, wenn das Rennen nicht komplett irrwitzig verläuft. Vettel aber droht mit den beiden Red Bulls enorme Gefahr von hinten. Rang drei für Vettel wäre wohl zu wenig und seinerseits beinahe ein Worst Case.

6. S wie Singapur-Wetter

Das Wichtigste vorneweg: Auch die jüngsten Prognosen sehen für das Rennen nur eine geringe Regenwahrscheinlichkeit. Doch die Bedingungen sind extrem. 28 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent fordern von den Fahrern alles ab. Unter diesen klimatischen Bedingungen werden die 61 Runden für Mensch, aber auch für die Technik zur Tortur. Besonders die Bremsen erfahren eine hohe Belastung, gerade wenn man dicht hinter einem Vordermann herfährt. Doch auch alle anderen Materialien werden an ihre Belastungsgrenze gebracht.

7. S wie Sieger

Wer krönt sich aber nun zum Sieger in Singapur? Polesitter Sebastian Vettel hat natürlich die besten Karten. Ferrari war in dieser Saison im Rennen meist noch stärker als im Qualifying. Die Long Runs im Freitagstraining waren zwar nicht berauschend und lagen klar hinter Red Bull zurück. Doch Ferrari hat bekanntermaßen in nicht einmal 24 Stunden eine imposante Auferstehung hingelegt. "Wir haben nach einem etwas missglückten Freitag sehr viel gearbeitet. Unsere Jungs hier in Singapur haben fast rund um die Uhr geschuftet, um uns für heute Samstag ein besseres Auto hinzustellen. Ich weiß gar nicht, wann sie ins Bett sind", lobte Vettel.

Für das Rennen sieht sich Vettel in einer guten Position, will sich aber nicht zu sicher sein. "Es wird ein hartes, langes Rennen. In diesem Rennen kann so viel passieren. Wenn unser Auto heute gut war, dann ist das vielversprechend für Sonntag, aber es ist noch keine Garantie für ein gutes Ergebnis", stellte er klar.

Die großen Kontrahenten um den Singapur-Sieg werden die beiden Red Bulls sein. Jede einzelne Session führten Max Verstappen oder Daniel Ricciardo an - nur eben Q3 nicht. Doch der Auftrag ist klar: Man will den Sieg. "Für heute akzeptiere ich die Niederlage, aber morgen ist noch alles drin. Ich bin zuversichtlich, dass wir gewinnen können", sagte Ricciardo.

Und wie tippt die Motorsport-Magazin.com-Redaktion? Das sind unsere (nicht immer ganz ernst gemeinten) Tipps für den Singapur Grand Prix:

Stephan Heublein: Okay, Freunde der Nacht. Kaum Überholmöglichkeiten, aber jede Menge Überraschungen - der Singapur GP könnte einfach nur die Startaufstellung wiederholen, aber ich hoffe auf mehr Abwechslung! Verstappen fällt wie immer aus, Ricciardo kommt wie immer irgendwie nach vorne und Hamilton ist in so einer Überform, er schafft den Sprung aufs Podium. Viel interessanter finde ich es aber, über die F1-Tierwelt zu spekulieren...

Stephans Top-3-Tipp: 1. Daniel Ricciardo 2. Sebastian Vettel 3. Lewis Hamilton
Stephans Tier-Top-3: 1. Pink Stegosaurus 2. Blue Honey Badger 3. Veganer Lewis

Jonas Fehling: Das Wichtigste vorab: Nico Hülkenberg versemmelt den Rekord, auf den er doch sein ganzes Leben so lang hingearbeitet hat und landet auf dem Podest. Vor dem Renault-Mann kommen aber noch zwei andere ins Ziel: Rundenzauberer Seb und "die Max" wie Jos immer so schön sagt - nach einem genauso intensiven Duell wie in Silverstone. Nur über das gesamte Rennen und nicht zwei, drei Kurven. Richtig geiles Racing unter Flutlicht! So muss das. Reihenfolge sei mir dann egal.

Jonas' Top-3-Tipp: 1. Max Emilian / Rundenzauberer 2. Max Emilian / Rundenzauberer 3. Hülken… (warte, wirklich jetzt?)

Chris Lugert: In Singapur wird zum ersten Mal in dieser Saison die niederländische Hymne ertönen. Max Verstappen gewinnt das Rennen am Start, Sebastian Vettel bleibt nur Rang zwei. Dahinter aber geht es rund. Fernando Alonso profitiert wie 2008 vom Safety Car (Flavio Briatore wurde zuvor im Gespräch mit Jolyon Palmer gesichtet) und holt das erste Podium in der neuen McLaren-Honda-Ära! In der Box wird eifrig der Sake versprüht, den Honda-Mitarbeiter Gerüchten zufolge immer nutzen, um den Frust zu ertränken.

Chris' Top-3-Tipp: 1. Verstappen 2. Vettel 3. Alonso

Florian Becker: Crashgate - Die Fortsetzung. Renault hat 2008 gezeigt, wie man in Singapur Erfolg hat - und Erfolg hat am Sonntag vor allem einer nötig: Nico Hülkenberg. Damit der Hulk nicht den unrühmlichen Rekord des Piloten mit den meisten Starts ohne Podium übernehmen muss, wird Jolyon Palmer unauffällig geopfert - wenn nötig per Fernzünder. Und weil Deals mit Renault, Honda, McLaren und weiß der Geier gerade angesagt sind, verhilft diese Aktion Fernando Alonso zu seinem zweiten überraschenden Singapur-Sieg. Dritter wird Carlos Sainz. Passt irgendwie.

Florians Top-3-Tipp: 1. Fernando Alonso 2. Nico Hülkenberg 3. Carlos Sainz


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