Formel 1 / Analyse

Trotz Monza-Debakel: Darum ist Ferrari in Singapur Top-Favorit

Ferrari erhielt in Monza eine derbe Schlappe - nicht nur von Mercedes, auch von Red Bull. In Singapur könnte Mercedes in ein Debakel schlittern. Die Gründe:
von Christian Menath
Formel 1: Ferrari-Land in Singapur?: (02:45 Min.)

Die Formel-1-Saison 2017 wurde von den Hauptakteuren gerne als Ping-Pong bezeichnet: Ein Rennen gewann Sebastian Vettel, eins Lewis Hamilton. Dann war wieder Ferrari an der Reihe, dann wieder Mercedes. Doch ausgerechnet beim Ferrari-Heimspiel in Monza war Schluss damit. Eigentlich wäre Vettel nach dem Hamilton-Sieg in Spa wieder an der Reihe gewesen, doch stattdessen gab es vor dem Start der Übersee-Saison in Singapur die heftigste Niederlage des ganzen Jahres.

Dabei sagte Vettel nach dem knappen Rennen in Spa noch: "Wir haben jetzt keine Angststrecken mehr." Nachdem das Pendel schon auf dem Highspeed-Kurs von Silverstone stark in Richtung Silberpfeile ausschlug, befürchtete Ferrari, auf den beiden Hochgeschwindigkeitsstrecken nach der Sommerpause in Spa und Monza erneut chancenlos zu sein.

Doch in Spa konnte Ferrari überraschend gut mit Mercedes mithalten - so gut, dass es Vettel vielleicht sogar ein wenig bei der Vertragsverlängerung half. Nur um ein Haar verpasste der Deutsche den Sieg gegen seinen ärgsten WM-Kontrahenten Hamilton. "Das zeigt, dass Silverstone nur ein Ausrutscher war", freute sich Vettel noch vor Monza. Doch offenbar war es das nicht.

Singapur Mutter der Mercedes-Angststrecken

Aber nicht nur Ferrari hat weiterhin Angststrecken. Schon zu Beginn der Saison sagte Lewis Hamilton angesichts seines rund 20 Zentimeter längeren Autos: "Ich weiß nicht, wie ich damit durch Monaco kommen soll." Der Brite sollte recht behalten: Auf dem engen Straßenkurs war Mercedes auf verlorenem Posten. Hamilton kam nicht einmal ins Q3, kein Mercedes stand auf dem Podium.

In Ungarn wiederholte sich das Spiel, allerdings nicht ganz so extrem. Wie schon in Monaco sicherte sich Ferrari auf dem engen Hungaroring die Startplätze eins und zwei und kam auf diesen Plätzen auch ins Ziel. Für Mercedes lief es immerhin besser, es reichte noch für Platz drei und vier.

In Ungarn war Ferrari klar überlegen - Foto: Sutton

Auch wenn es in Ungarn besser lief, der Trend bleibt: Mercedes hat Probleme auf langsamen Kursen. Monaco und Ungarn waren bislang die langsamsten Kurse im Kalender. Im Fürstentum beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit gerade einmal 166, in Ungarn 206 Stundenkilometer. Im Vergleich dazu: In Belgien und England bolzen die Autos im Schnitt mit 245 Sachen über den Asphalt, in Italien sind es im Normalfall über 260.

Runde 14 der Formel-1-Saison 2017 führt die WM-Rivalen nach Singapur. Kaum ein Kurs ist kurviger. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des bisherigen Streckenrekordes beträgt gerade einmal 177,7 Stundenkilometer. Ferrari schafft es offenbar, mehr maximalen Abtrieb zu generieren. Dafür wird dieser Abtrieb teuer mit Luftwiderstand erkauft. Deshalb ist der Ferrari in Copse-Corner vielleicht schneller als der Mercedes, büßt dafür aber auf der Geraden wieder ein. Auf langsamen Kursen gibt es weniger einzubüßen.

Singapur-Schwäche in der Mercedes-DNA?

Neben der akuten Schwäche auf langsamen Kursen muss Mercedes in Singapur die fast schon traditionelle Singapur-Schwäche fürchten: 2015, als Mercedes die Formel 1 noch nach Belieben dominierte, war man plötzlich chancenlos unterlegen. Hamilton und Nico Rosberg starteten nur von den Plätzen fünf und sechs, Ferrari und Red Bull waren schneller.

Hamilton war 2016 in Singapur chancenlos - Foto: Sutton

Auch in der vergangenen Saison war Mercedes das ganze Jahr überlegen - außer in Singapur. Mit einer Ausnahmeleistung gewann Rosberg, Hamilton kam nur mit reichlich Hilfe der Ferrari-Strategen noch aufs Podium. "Eigentlich hatten wir hier mit einem Sieg gerechnet", erkannte selbst Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko an. "Aber Rosberg war in Überform." Rosberg gewann 2016 den Singapur GP, nicht Mercedes.

Nun lautet die Frage: Wie sehr steckt das Singapur-Problem in der DNA der Mercedes-Boliden? Trotz Regeländerungen neigen die Boliden verschiedener Teams eine gewisse DNA mitzunehmen. Man denke an die Konkurrenzfähigkeit von Force India in Spa oder die traditionellen Probleme von Williams in Monaco.

Wunderfahrwerk in Singapur nutzlos

Eine Besonderheit in Singapur ist, dass es zwar viele Kurven gibt, aber keine schnelle. Einzig und allein die Linkskurve vor Start und Ziel ist etwas schneller, der Rest besteht aus engen 90-Grad-Kurven. Ein großer Vorteil des Mercedes-Wunderfahrwerks war, dass das Auto in schnellen Ecken gut abgestimmt war, gleichzeitig aber auch aus langsamen Kurven genügend Traktion hatte. Auch in Kanada gibt es keine einzige schnelle Kurve, auch dort hatte Mercedes im vergangenen Jahr deutlich mehr Probleme als auf anderen Strecken. Deshalb setzte Mercedes die komplexe Technik auch nicht auf allen Streckentypen ein.

In diesem Jahr wurde die Verwendung des Wunderfahrwerks stark eingeschränkt. Die FIA erlaubt nur noch deutlich einfachere Systeme. Vielleicht helfen Mercedes die strengeren Regeln dieses Jahr in Singapur, weil das Auto grundsätzlich schon auf ein anderes Fahrwerk ausgelegt ist.

Mercedes Motorsportchef Toto Wolff ist deshalb eher gedämpft optimistisch: "Ich glaube, dass es bestimmte Charakteristika von Strecken gibt, die dem Auto liegen oder nicht. Wir können dieses Jahr sehen, dass langsame und winklige Kurse eher Red Bull und Ferrar liegen, Highspeed und Abtrieb eher gut für unser Auto ist. Ich glaube aber nicht, dass es eine Gewohnheit ist, die wir nicht brechen können. Es geht darum, das Auto zu verstehen. Je mehr Runden wir fahren, desto mehr lernen wir. Nichtsdestotrotz erwarte ich, dass Singapur für uns ein schwierigeres Wochenende als Monza, Spa oder Silverstone wird."

Strecke Durchschnittsgeschwindigkeit Polesitter 2017Sieger 2017
Australien 232,3 km/h Hamilton Vettel
China 214,0 km/h Hamilton Hamilton
Bahrain 219,5 km/h Bottas Vettel
Russland 225,9 km/h Vettel Bottas
Spanien 211,7 km/h Hamilton Hamilton
Monaco 166,4 km/h Räikkönen Vettel
Kanada 219,7 km/h Hamilton Hamilton
Aserbaidschan 214,8 km/h Hamilton Ricciardo
Österreich 241,9 km/h Bottas Bottas
Großbritannien 244,9 km/h Hamilton Hamilton
Ungarn 206,8 km/h Vettel Vettel
Belgien 245,8 km/h Hamilton Hamilton
Italien 262,2* km/h Hamilton Hamilton
Singapur 177,7 km/h
Malaysia 215,5 km/h
Japan 235,0 km/h
USA 208,9 km/h
Mexiko 196,9 km/h
Brasilien 222,1 km/h
Abu Dhabi 203,8 km/h

Im restlichen Saisonverlauf kommt übrigens angesichts der Durchschnittsgeschwindigkeit keine richtige Angststrecke mehr für Ferrari. Suzuka ist mit 235 Stundenkilometer noch am ehesten klares Mercedes-Territorium. Sonst schwenkt das Pendel zumindest in dieser Statistik eher Richtung Ferrari aus.


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