Formel 1

Formel 1 in Spa-Francorchamps: Der Mythos Eau Rouge

Keine Kurve ist so legendär wie sie. Von Clark über Schumacher bis Hamilton musste sie bis heute jede Legende bändigen: Die Eau Rouge in Spa-Francorchamps.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Parabolica, 130R, Becketts: In der Formel 1 gibt es viele sagenumworbene Kurven. Doch egal wie herausfordernd, schnell oder spektakulär sie sind - keine von ihnen reicht an den Mythos Eau Rouge heran. Die einzigartige Highspeed-Passage von Spa-Francorchamps ist seit ihrer F1-Premiere im Jahr 1950 eines der Highlights im Rennkalender und noch länger ein fester Bestandteil der Ardennen-Achterbahn. Die Kurve ist nach dem gleich in der Nähe liegenden kleinen Fluss Eau Rouge benannt, welcher seinen Namen aufgrund seines hohen Eisenanteils und der damit einhergehenden Verfärbung des Wassers trägt. Im Motorsport steht Eau Rouge seit jeher für Adrenalin pur.

Tatsächlich ist Eau Rouge aber nur ein Teil der atemberaubenden Links-Rechts-Links-Kombination, welche die Piloten hinauf auf die Kemmel-Gerade führt. Eigentlich bezieht sich der Name nur auf die Linkskurve am Eingang der Passage, während die darauffolgende Rechts-Links-Kombination mit 'Raidillon' ihre eigene Bezeichnung hat. Auf dem 1920 erbauten Kurs war die Eau Rouge zunächst eine relativ scharfe Linkskurve, welche die Piloten zu einer Haarnadelkurve in Richtung der deutschen Grenze führte. Um den Streckenabschnitt flüssiger zu gestalten, wurde die Eau Rouge 1939 aufgemacht um die 'Ancienne Douane' genannte Spitzkehre zu umfahren.

Seitdem wurde die Eau Rouge in den vergangenen 78 Jahren hauptsächlich den Sicherheitsstandards angepasst. Ihr Charakter blieb dabei stets erhalten. Die einzige Streckenbegrenzung war zunächst eine Steinmauer auf der Außenseite, am Ausgang der Passage. Zum Ende der 1950er Jahren wurden in Raidillon innen zusätzlich Leitplanken installiert. Die Geschwindigkeiten jedoch waren schon zu dieser Zeit enorm. Jim Clark berichtete 1966 von 210 km/h am Ausgang der Kurve.

Erst 1970 wurden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, unter anderem mit außen angebrachten Leitschienen sowie Fangzäunen. Dafür war allerdings erst ein Eklat notwendig. In der Saison 1969 weigerte sich die Fahrervereinigung GPDA den Grand Prix auszutragen, da die Sicherheitsvorkehrungen auf dem gesamten Circuit de Spa-Francorchamps als unzureichend angesehen wurden. Trotz der für das darauffolgende Jahr erhöhten Sicherheitsvorkehrungen zog die Formel 1 für die kommenden 13 Jahre nach Nivelles Zolder.

Spa flog 1970 aus dem F1-Kalender und kehrte erst 1983 zurück - Foto: Sutton

Der Masta Kink verschwindet, Eau Rouge bleibt

Im Jahr 1979 wurde Spa von 14,1 km auf 6,949 km verkürzt. Während der ebenfalls berüchtigte Masta Kink der Verkürzung des Layouts zum Opfer fiel, blieb Eau Rouge unangetastet. Ab 1983 war die Königsklasse zurück in Spa. An der Eau Rouge hatte sich für die Stars der automobilen Königsklasse nicht viel geändert. Eine im Rahmen der Möglichkeiten ausgebaute Auslaufzone samt Kiesbett, Kerbs und Reifenstapel sorgten für mehr Sicherheit. 1985 forderte die Eau Rouge dennoch ein prominentes Opfer. Beim 1000-km-Rennen zur Sportwagen-WM verunglückte die deutsche F1-Hoffnung bei einer Kollision mit Jacky Ickx tödlich.

Nach Bellofs Unfall wurde erneut an den Auslaufzonen Hand angelegt, wirklich entschärft wurde die Passage jedoch nicht. Als die Formel 1 in den 1990er Jahren zu neuen technologischen Höhenflügen ansetzte, häuften sich die Unfälle in Eau Rouge. 1993 verunfallte Alex Zanardi schwer. Die aktive Radaufhängung seines Lotus versagte, woraufhin das Auto aufsetzte und der Italiener vergeblich versuchte, seine Lenkimpulse auf den Asphalt zu bringen. Zanardi kam mit schweren Prellungen und einer Gehirnerschütterung davon. Erstmals wurden Überlegungen angestellt, Eau Rouge zu entschärfen.

Der von diese Idee alles andere als begeisterte Ayrton Senna brach eine Lanze für seine geliebte Kurve. "Wenn ihr die Eau Rouge wegnehmt, nehmt ihr mir den Grund, weshalb ich das hier mache." Ein Jahr später wurde die Eau Rouge tatsächlich durch eine temporäre Schikane entschärft. Die Formel 1 wollte nach den tödlichen Unfälle von Senna und Roland Ratzenberger sowie einer Reihe von weiteren heftigen Crashes in der Saison 1994 das Schicksal nicht weiter herausfordern. Im Jahr 1995 kehrte man jedoch schon wieder zur klassischen Variante zurück, nachdem erneut die Auslaufzonen überarbeitet wurden.

In der Saison 1994 wurde die Eau Rouge unter anderem wegen Sennas tödlichem Unfall entschärft - Foto: Sutton

Highspeed-Crashes und Vollgas-Wahn in Eau Rouge

Mit den immer weiter ansteigenden Kurvengeschwindigkeiten der Formel 1 und der äußerst hohen Sensibilität im Grenzbereich kam es jedoch immer wieder zu heftigen Abflügen. 1998 flogen Mika Salo im Arrows und Jacques Villeneuve im Williams heftig ab, blieben jedoch unverletzt. Ein Jahr später sorgten Villeneuve und sein BAR-Teamkollege Ricardo Zonta für schwere Unfälle in Eau Rouge, die glücklicherweise erneut glimpflich ausgingen. Kurz nach der Jahrtausendwende erhielt auch die Eau Rouge eine asphaltierte Auslaufzone. Mit nun höher entwickelter Aerodynamik sowie der Traktionskontrolle ging die Kurve ab den frühen 2000er Jahren nahezu Problemlos voll.

Seitdem hat sich die Eau Rouge nicht mehr großartig verändert. Obwohl die Kurve keine so große Herausforderung wie früher mehr darstellt, hat sie nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Martin Brundle sagte einst: "Du hältst dein Herz besser fest, denn sonst fliegt es dir aus dem Hals." Lewis Hamilton sieht das in der heutigen Zeit sehr ähnlich: "Wenn du sie mit Vollgas attackierst und unten ankommst, zieht es deine Innereien nach unten. Wenn du oben wieder rauskommst, fühlt es sich an als ob dir alles in die Kehle hochschießt. Das ist ziemlich aufregend, wenn du 300 km/h fährst."


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