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Formel 1 / Analyse

Stallregie-Analyse Budapest: Ferrari vs. Mercedes

Sebastian Vettel siegte in Ungarn vor Kimi Räikkönen - weil es Ferrari so wollte. Doch die Strategie war riskant. Die Rennanalyse in der Stallregie-Version.
von Christian Menath
Räikkönen und der bittere Doppelsieg: (4:40 Min.)

Am Ende kann Ferrari sagen: Alles richtig gemacht. Sebastian Vettel holte beim Ungarn GP mit Platz eins 25 wertvolle Punkte für die Weltmeisterschaft, Kimi Räikkönen sammelte auf Platz zwei Zähler für die Konstrukteurs-WM und nahm zudem Vettels ärgsten Titelrivalen Punkte weg. Besser hätte es nicht laufen können.

Das Pendel hätte aber durchaus auch in genau die andere Richtung ausschlagen können. Denn Ferraris Strategie war riskant. Nach dem Rennen auf dem Hungaroring sagten viele, bei Ferrari hätte es gar keine Stallregie gegeben - schließlich wurde niemand vorbeigelotst. Doch war es wirklich so? Die Analyse zum Ungarn GP.

Ausgangssituation: Bis Runde 20 etwa konnte Vettel seinen Vorsprung auf Räikkönen, Bottas, Verstappen und Hamilton stetig vergrößern oder zumindest einigermaßen konstant halten. Vettel beklagte zwar schon nach dem Start, dass sein Lenkrad leicht schief stünde, allerdings wurde das Problem immer gravierender. Weil Schläge die Situation verschlimmerten, durfte Vettel nicht mehr richtig über Kerbs fahren. Damit verlor er auch Zeit.

Räikkönen konnte Vettel richtig Druck machen, kam auf gut eine Sekunde an seinen Teamkollegen heran. Die Mercedes-Piloten hatten zwar schon einen ordentlichen Rückstand, allerdings konnten auch sie ein wenig aufholen. Von 13,878 Sekunden in Runde 20, verkleinerte Hamilton den Rückstand auf 11,227 Sekunden in Runde 30- trotz Verstappen vor ihm. Räikkönen forderte deshalb den Platztausch mit Vettel. Er hätte deutlich schneller gekonnt, fürchtete aber die Mercedes von hinten.

Weil man bei Mercedes um die Probleme bei Ferrari wusste, setzte man die Scuderia mit einem frühen Boxenstopp von Bottas unter Druck. In Runde 30 kam der Finne, eine Runde später schon Hamilton. Ferrari zog nach, holte erst Vettel, eine Runde später Räikkönen. Dabei wäre Hamilton gerne länger draußen geblieben, seine Reifen waren noch in gutem Zustand. Allerdings fiel bei Mercedes der Kommandostand komplett aus und der Funk funktioniere nur sporadisch - so dass Hamilton nicht richtig mit dem Team kommunizieren konnte.

Mercedes trauerte nach dem Rennen noch dieser Chance hinterher. "Wenn wir im ersten Stint länger gefahren wären, dann wäre das Rennen vielleicht ganz anders ausgegangen", meinte Toto Wolff. Während Bottas mit dem Undercut Ferrari unter Druck setzte, hätte Hamilton den Overcut probieren können.

Das Problem: Hamilton verlor am Start Platz vier an Max Verstappen. Der hatte zwar für das Abräumen von Daniel Ricciardo eine Strafe kassiert, allerdings musste er die erst beim Boxenstopp absitzen. Somit war Hamilton virtuell vor Verstappen, auf der Strecke - zumindest bis zum Boxenstopp - aber hinter ihm.

Hamilton hätte zwar länger draußen bleiben können, wäre dann aber weiter hinter Verstappen hergefahren. Der Niederländer kam erst acht Runden nach Vettel zu Stopp. Auf den neuen Reifen konnte Vettel trotz seiner Probleme wieder etwas schneller fahren. In den acht Runden, die Verstappen länger fuhr, verlor er insgesamt eine Zehntel auf Vettel. Hamilton hätte Verstappen entweder überholen müssen, um Zeit gut zu machen, oder noch länger fahren. Beide Varianten sind eher unwahrscheinlich.

Ferrari verwehrt Räikkönen bessere Strategie

Doch nicht nur Hamilton wollte erst später zum Stopp kommen, auch Räikkönen. Doch Ferrari verwehrte Räikkönen diese Strategie, holte ihn direkt nach Vettel zum Stopp. Und genau hier kommt der Stallregie-Vorwurf: Hätte Räikkönen das Rennen gewonnen, wenn er länger gefahren wäre? Hat man ihn absichtlich auf eine schlechtere Strategie gesetzt, damit er nicht an Vettel vorbeikommt?

Hätte, wäre, wenn? Gilt in diesem Fall nur bedingt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte Räikkönen Vettel mit einem Overcut überholt. Allein in den ersten beiden Sektoren seiner Inlap fuhr Räikkönen 1,2 Sekunden schneller als in der Runde zuvor, als er noch hinter Vettel hing. Zur Erinnerung: Als Vettel in die Box abbog, lag Räikkönen 1,4 Sekunden hinter ihm. Ein paar Runden länger auf den gebrauchten Reifen und Räikkönen wäre an Vettel vorbeigegangen.

Interessant: In Monaco kam es zu einem ähnlichen Szenario. Allerdings lag Räikkönen hier in Führung, Vettel auf Platz zwei. Vettel durfte nach Räikkönens Boxenstopp länger draußen bleiben und kam mit dem Overcut am Teamkollegen vorbei.

Ferrari: Entweder Doppelsieg oder Hamilton-Sieg

Aber: Ferrari hat in Ungarn mit Räikkönens Strategie den Doppelsieg gesichert. Wäre Räikkönen nämlich an Vettel vorbeigegangen, hätte sich der WM-Leader den Attacken von Hamilton erwehren müssen. Mercedes ließ nämlich Bottas und Hamilton Positionen tauschen, weil der Brite schneller war und Räikkönen mehr Druck machen konnte. Vettel hätte sich gegen Hamilton mit den technischen Problemen deutlich schwerer getan. Zudem konnte sich Räikkönen besser gegen Hamilton wären, weil er im DRS-Fenster von Vettel war.

Wäre Räikkönen vorbeigegangen, wäre er Vettel wahrscheinlich davongezogen - und Vettel hätte sich mit defektem Auto und ohne DRS gegen Hamilton wehren müssen. Auch Bottas und Verstappen hätten dann realistische Chancen gehabt, Vettel zu überholen. Der Sieg von Räikkönen wäre dann zwar ungefährdet gewesen, allerdings hätte Vettel auf Rang fünf zurückfallen können.

Auf der anderen Seite war die Ferrari-Strategie hoch riskant. Wäre Hamilton an Räikkönen vorbeigekommen, hätte er den Sieg so gut wie sicher gehabt. Ferrari musste sich also entscheiden: Ein sicherer Räikkönen-Sieg mit der Gefahr, dass Vettel durchgereicht wird oder ein möglicher Doppel-Sieg mit der Gefahr, dass Hamilton beide Ferrari kassiert und gewinnt.

Reifen und Strecke helfen Ferrari

Im Sinne des WM-Standes entschied sich Ferrari für den Vettel-Sieg. Die Strategie ging auf - vor allem dank des Hungarorings. Nur Monaco und Singapur wären wohl noch besser für eine Verteidigungsschlacht gewesen. 1,5 Sekunden hätte Mercedes in Budapest laut Berechnungen schneller sein müssen, um aus eigener Kraft überholen zu können. Auf anderen Strecken reicht die halbe Geschwindigkeitsdifferenz.

Dazu kam, dass die Reifen bei den extremen Temperaturen litten. Das Reifenmanagement war beim Ungarn GP so wichtig wie noch bei keinem anderen Rennen in dieser Saison. Entsprechend schwierig ist es, hinter einem anderen Auto herzufahren. Ferrari hat alles auf eine Karte gesetzt und hat gewonnen - auch dank der günstigen Rahmenbedingungen.


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