Formel 1

Favoriten-Check zur Formel 1 in Aserbaidschan: Wer wird der Baku-Boss?

Lewis Hamilton hat mit einem Sahne-Wochenende in Kanada einen starken Konter im WM-Kampf gesetzt. Doch ist er auch in Baku Favorit? Die Top-4-Piloten im Check.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 kehrt am Wochenende zum ersten Mal zurück nach Baku. Im Vorjahr noch als Europa GP über die Bühne gegangen kämpfen die Top-Fahrer 2017 auf der zweitlängsten Strecke des Jahres um den Sieg beim Aserbaidschan GP. Zuletzt hatte sich Mercedes nach einem desaströsen Monaco-Rennen mit voller Kraft zurückgemeldet: Auf den dominanten Ferrari-Doppelsieg in Monte Carlo folgte ein nicht minder beeindruckender Silberpfeil-Doppelerfolg beim Kanada GP.

Insbesondere Lewis Hamilton überzeugte in Montréal mit einer makellosen Leistung, lieferte ein perfektes Wochenende. Für Aserbaidschan lässt Pirelli nun auch noch den seitens Hamilton zuvor so wenig geliebten ultraweichen Reifen zuhause. Macht das den dreifachen Weltmeister nur noch stärker? Könnte, muss aber nicht: Über Baku schwebt für Hamilton eine dunkle Wolke aus dem Vorjahr.

Welche genau das ist, wie die Chancen von Teamkollege Valtteri Bottas stehen, was von den Ferrari-Stars Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen am Kaspischen Meer zu erwarten ist und welcher Außenseiter alle überraschen könnte, verrät die Favoriten-Vorschau von Motorsport-Magazin.com.

Lewis Hamilton: Im Flow den Baku-Bammel erdrosseln

Kanada GP: Hinter den Kulissen bei Mercedes: (01:25 Min.)

Lewis Hamilton nach seiner Kanada-Gala nicht ganz nach oben auf die Favoriten-Liste für Baku zu schreiben wäre nichts als Frevel. Läuft es bei dem Briten, haftet Hamilton fast schon ein Nimbus der Unbesiegbarkeit an. Doch war der Mercedes-Pilot im Vorjahr sogar nach zwei Siegen in Folge nach Baku gereist, gewann dort plötzlich Teamkollege Nico Rosberg. Hamilton indes erwischte ein rabenschwarzes Wochenende. Erst brachte er sich mit mehreren Fahrfehlern, dann sogar einem Crash im Q3 um alle Chancen, ehe seine Aufholjagd im Rennen von Problemen mit der Motoreinstellung massiv beeinträchtigt wurde.

Ein dunkler Schatten der Vergangenheit also für den WM-Zweiten (12 Punkte Rückstand auf Vettel). Doch Licht gab es auch: Sämtliche Trainings hatte Hamilton zuvor dominiert, grundsätzlich beherrscht der Mercedes-Mann den Baku City Circuit also durchaus - auch wenn sich Hamilton zuletzt gerade auf Straßenkursen häufig etwas schwerer tat. Doch genau das soll 2017 in Aserbaidschan nicht der Fall sein. Nicht in Hamiltons aktueller Form:

Lewis ist in der besten Verfassung, in der ich ihn in den vergangenen fünf Jahren, seit er zum Team gestoßen ist, erlebt habe.
Toto Wolff

"Lewis ist in der besten Verfassung, in der ich ihn in den vergangenen fünf Jahren, seit er zum Team gestoßen ist, erlebt habe. Nicht nur, weil er ein großartiges Wochenende in Montreal hatte, sondern weil er so gut mit den schwierigen Tagen umgeht", schwärmt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. "Das ist das Holz, aus dem die Besten geschnitzt sind. Wenn es hart wird, lassen sie es schnell hinter sich und holen das Beste aus ihren Möglichkeiten heraus."

Das gepaart mit dem seit den umfangreichen Post-Monaco-Analysen Mercedes' deutlich besseren Verständnis des eigenen Autos lässt die Silberpfeile optimistisch nach Baku reisen. "Wir haben darüber gescherzt, dass unser Auto eine kleine Diva sei. Es ist aber ein gutes Auto, obwohl es manchmal schwierig sein kann. Das müssen wir akzeptieren", sagt Wolff. "Ich glaube, dass unser Auto das schnellste im Feld ist und hätte kein anderes lieber."

Dass sich die Kanada-Dominanz leicht wiederholen lässt, glaubt Wolff allerdings nicht. "Wie heißt es so schön? Erfolg ist ein schlechter Lehrer."

Sebastian Vettel: Schon stark mit schwachem 2016er Ferrari

WM-Leader Sebastian Vettel wurde in Kanada unter Wert geschlagen - Foto: Sutton

Diese Vorsicht Wolffs erscheint umso verständlicher, schaut man sich nur die Gründe des großen Ferrari-Scheiterns in Kanada an: Sebastian Vettel verlor direkt am Start ein Teil des Frontflügels, Ferrari vertrödelte unter Safety Car die Reparturarbeiten, stoppte den Deutschen erst danach. Das Resultat: Vettel verlor viel Zeit, fiel bis ans Ende des Feldes zurück. Für einen Kampf mit Mercedes reichte es somit mitnichten. Vettels Aufholjagd bis auf P4 glückte erst unmittelbar vor Rennende.

Ich glaube, dass unser Auto das schnellste im Feld ist und hätte kein anderes lieber.
Toto Wolff

Kimi Räikkönen indessen wurde nach einem Fahrfehler von Force India aufgehalten, hatte noch dazu mit Technik-Versagen am Ferrari zu kämpfen. Kurzum: Man weiß nicht, ob Ferrari Mercedes hätte heraufordern können. Entsprechend vorsichtig muss die Mercedes-Trendwende in Kanada gesehen werden, auch die Silberpfeile selbst trauen dem Braten nicht zu 100 Prozent. Noch dazu hatte sich Vettel im Qualifying ja immerhin zwischen die beiden Mercedes geschoben. Zudem präsentiert sich Ferrari meist im Rennen noch eine Ecke stärker. Gut möglich also, dass die Scuderia nach wie vor mindestens auf Augenhöhe agiert.

Klar nicht der Fall war Letzteres vor Jahresfrist in Baku. Mercedes war eine Macht am kaspischen Meer, der damals noch schwache Ferrari-Bolide chancenlos. Aber: Sebastian Vettel wurde trotz unterlegenen Materials starker Zweiter, auch Kimi Räikkönen hätte sich ohne eine kuriose Stafe für Überfahren der Linie am Boxeneingang vor Sergio Perez auf dem Podium halten können. Schon 2016 war der Ferrari nach schlechtem Qualifying im Rennen also plötzlich stark. Mit dem drastisch besseren Nachfolger SF70H muss Vettel also nahzu gleichauf mit Hamilton als Favorit genannt werden.

Valtteri Bottas: Das Gesetz der Serie

Ist in Baku wieder einmal Valtteri Bottas dran? - Foto: Sutton

Nach dem Top-Duo Vettel/Hamilton tauchen auf der Favoriten-Liste wie üblich die beiden finnischen Teamkollegen auf. Beginnen wir mit Valtteri Bottas: Für den Mercedes-Finnen sprechen in Baku nämlich gleich zwei Fakoren. Zunächst die Strecke. Anders als in Montréal handelt es sich in Baku nicht um eine absolute Leibstrecke seines Teamkollegen. Allein deshalb dürfte Bottas Kanada-Guru Hamilton wieder etwas näher auf die Pelle rücken.

Dann der Trend: Bislang ging es in der Saison 2017 gerade bei Mercedes munter auf und ab zwischen den Teamkollegen. Zuletzt verlief das Muster herrlich regelmäßig: Bottas überragend in Russland, Hamilton dafür direkt danach in Spanien. In Monaco dann hatte klar Bottas die Nase vorne, in Kanada weider Hamilton. Immer abwechselnd also. Ist inn Baku also wieder der WM-Dritte dran?

Sonderlich seriös sind derlei Statistik-Spiele natürlich nicht, handelt es sich dabei zum Großteil schlicht um Zufall. "Es wird gute und weniger gute Wochenenden geben. Es geht darum, jedes Mal das Beste herauszuholen. Man muss in schwierigen Zeiten die bestmögliche Punkteausbeute mitnehmen und wenn alles stimmt, die Pokale einfahren", sagt Toto Wolff.

Valtteri befindet sich in einer starken Position. Nach sieben Grands Prix hat er alle unsere Erwartungen übertroffen.
Toto Wolff

Doch sieht der Motorsportchef von Mercedes Bottas generell sehr gut aufgestellt - also auch in Baku: "Valtteri befindet sich in einer starken Position. Man würde niemals glauben, dass er im Winter erst in allerletzter Minute zum Team gestoßen ist. Nach sieben Grands Prix hat er alle unsere Erwartungen übertroffen. Er stand auf der Pole, hat ein Rennen gewonnen und Lewis sowohl am Samstag als auch am Sonntag gefordert. Jetzt geht es für ihn darum, alles an jedem Rennwochenende zusammenzubekommen und ich habe keine Zweifel daran, dass ihm das gelingen wird.

Kimi Räikkönen: Neuer Straßenkurs-Schwung

Sorgt der Iceman in Baku für Hamilton-Verzweiflung? - Foto: Sutton

Bleibt noch Kimi Räikkönen - der einzige Fahrer des Top-Quartetts noch ganz ohne Saisonsieg. Besonders nah dran war der Iceman in Monaco, als Räikkönen aufgrund ausführlich diskutierter Umstände seine erste F1-Pole seit neun Jahren nicht in einen Sieg ummünzen konnte. Schaut man in die jüngere Monaco-Bilanz des Finnen war Platz zwei jedoch noch immer ein herausragendes Ergebnis für Räikkönen.

Mit dem Baku City Circuit hat Räikkönen nun die große Chance, sein nicht allzu überragendes Straßenkurs-Image weiter zu polieren. Schlecht stehen die Chancen nicht, schon 2016 lief der Grand Prix für Räikkönen (s.o.) in Sachen Pace relativ gut. Eine Gefahr für den Ferrari-Piloten könnte allerdings das in Baku nur äußerst schwierig zu ermittelnde Setup darstellen: Der längste Vollgas-Abschnitt des Jahres, die enge Altstadt-Sektion und zudem viele mittelschnelle Kurven sind eine gewaltige Herausforderung. Für Räikkönens Ferrari-Crew die finale Bewährungsprobe nach den Setup-Schwierigkeiten zu Saisonstart.

Mögliche Überraschungskandidaten

Mischt Force India in Baku die Spitze auf? - Foto: Sutton

Schon in Kanada präsentierte sich Force India bärenstark, forderte Red Bull heraus. In Baku könnten die WM-Vierten erneut zum Angriff auf die Bullen blasen, glänzte der indisch-britische Rennstall schon im Vorjahr mit einem Podium und Platz zwei im Qualifying für Sergio Perez auf den Straßen Aserbaidschans. Angesichts der ultralangen Vollgaspassage und des Mercedes-Motors im Heck sollte Force India sogar als leichter Favorit gegenüber RBR ins Rennen gehen. Gut möglich also, dass einmal mehr Sergio Perez für die Überraschung des Tages sorgt, läuft bei Mercedes und Ferrari nicht alles glatt. Sofern Letzteres überhaupt nötig ist: Vielleicht funkt Force India sogar aus eigener Kraft erneut ganz weit vorne rein. Die pinken Renner sollte die Konkurrenz jedenfalls nicht unterschätzen.

Wissenswertes über den Baku GP: (00:52 Min.)


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