Während die internationale Medienwelt ihren traurigen Job erledigt und von immer mehr Opfern der verheerenden Flutkatastrophe in Asien berichten muss, hat der Sportarzt Benigno Bartoletti die Aufmerksamkeit der Motorsportpresse auf sich gelenkt – gegenüber dem italienischen Magazin Quattroruote behauptete der Sportmediziner: "Bei den Motorsportrennen geht Kokain herum und in der Formel 1 könnte es ungefähr sogar jeder dritte Pilot nehmen." Es stellt sich die Frage: Wie kann Bartoletti eine derart schwerwiegende Behauptung in den Raum stellen?
Benigno Bartoletti war von 1972 bis 1992 Teamarzt bei der Scuderia Ferrari, betreute zwischen 1988 und 1993 die Fußballer von Juventus Turin, überwachte den Stundenweltrekord des italienischen Radprofis Francesco Moser im Jahr 1984 und war unter anderem auch bei Alfa Romeo medizinisch tätig. Bartoletti hat 1963 sein Medizinstudium in Parma absolviert, studierte Sportmedizin in Genua sowie Sportpsychologie in Rom, war auch als Assistenz-Professor für Bio-Mikroklimate in Mailand tätig, er feiert im kommenden Jahr seinen siebzigsten Geburtstag.
Seine Unterstellung, dass also jeder dritte Formel 1-Pilot Kokain nehmen würde, macht nun im internationalen Medienwald ihre Runden. Gegenüber der Gazetta dello Sport fügte Bartoletti am Mittwoch hinzu, dass die Wirkung der Droge Kokain rund neunzig Minuten anhalten würde und die Piloten in dieser Zeit reaktionsschneller seien. Er schränkte ein: "Sollte ein Rennen jedoch länger dauern, wird es für den Piloten durch die nachlassende Wirkung gefährlich. Das Unfallrisiko steigt stark an."
Kann man der Behauptung des an sich angesehenen Sportmediziners nun Glauben schenken? Nur schwer – denn auch in der Formel 1 werden regelmäßig Dopingkontrollen unternommen – weder in der vergangenen Saison noch in den Jahren zuvor war bei einem der Formel 1-Piloten ein positiver Dopingbefund ausgestellt worden. Laut Drug Infopool wird "Kokain in fast allen Standard Schnelltests überprüft und ist zirka zwei bis vier Tage nach der letzten Einnahme nachweisbar". Und: "Zirka ein bis vier Prozent der Droge werden unverändert im Urin ausgeschieden."
Aber auch andere Faktoren sprechen gegen die Behauptung des Doktors. Laut der Website der Drogenberatung Wolfsburg liegt die Wirkungsdauer der aus den Blättern der Kokapflanze gewonnenen Droge bei intravenöser Einnahme zwischen 5 und 20 Minuten, bei nasaler Einnahme zwischen 30 und 90 Minuten. Der von Bartoletti angesprochene Abbau durch die nachlassende Wirkung könnte also bereits nach 30 Minuten einsetzen, laut Drug Infopool wirkt sich der Abbau durch eine Niedergeschlagenheit und mitunter auch Depressionen aus, die Piloten müssten dann also bei den Boxenstopps "nachlegen" – und wie das vor sich gehen soll, hat Bartoletti nicht erklärt...
Aber auch die Wirkung der Droge an sich spricht gegen einen Einsatz im Motorsport. Laut Drug Infopool hemmt Kokain "die Wiederaufnahme von Dopamin in die Nervenzellen. Dadurch erhöht sich die Menge dieses Botenstoffes in den Synapsen". Kokain wirke demnach zwar entängstigend, Denkabläufe würden schneller verlaufen, das Selbstwertgefühl würde steigen – doch es würde auch zu akustischen sowie mitunter auch optischen Sinnestäuschungen sowie zu Koordinationsstörungen kommen. Zudem könne die Einnahme von Kokain auch zu Angstzuständen und im schlechten Fall zu Verfolgungswahn führen – für die Teilnahme an einem Formel 1-Rennen sind diese Wechselwirkungen also alles andere als förderlich...
Ein Formel 1-Auto zu fahren verlangt höchste und vor allem unverfälschte Konzentration, die kleinste durch Drogen verursachte Sinnesstörung könnte zur Katastrophe führen. Es stellt sich die Frage, warum Doktor Bartoletti einen derart schweren Vorwurf einfach so in den Raum stellt. Möglicherweise könnten aber auch gewisse geschäftliche Gründe dahinterstehen.
Denn im Internet findet man ein Produkt namens "Robur" - eine Sportlernahrung, die aus rein natürlichen Substanzen wie Honig, Blütenpollen, Wildrosen, Ginseng oder Guarana gemixt wird und bereits vor einigen Jahren unter der Schirmherrschaft eines gewissen Benigno Bartoletti entwickelt wurde. Unter dem Titel "The Last Witch-Doctor" wird das Mittelchen als "Green fuel used by Formula 1-Drivers" angepriesen. Ein Bildchen zeigt, wie Doktor Bartoletti den Alfa Romeo-Pilot Alessandro Nannini mit einem Löffel "Robur" füttert. Vielleicht wollten die Formel 1-Piloten in der Folge nicht so recht an das "green fuel" glauben?
Fazit: Dass in der Formel 1 prinzipiell nichts unmöglich ist, ist eine bekannte Tatsache. Doch der Kokain-Vorwurf des "Witch-Doctors" scheint wohl eher in die Schublade mit dem Titel "haltlose Unterstellungen" zu gehören. Was in den Siebziger und Achtziger-Jahren praktiziert wurde, ist heute nicht mehr überprüfbar. In der modernen Rennsportdekade zumindest wurde nur ein einziger Fall von Drogenmissbrauch bekannt – der Tscheche Tomas Enge hat nach einer positiven Dopingkontrolle zugegeben, in einer Diskothek Haschisch geraucht zu haben. Würde tatsächlich jeder dritte Formel 1-Pilot Kokain zu sich nehmen, wäre dies längst bei einer der Routineüberprüfungen ans Tageslicht gelangt...

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