Geschlagene 15 Minuten lang hatten die Sportkommissare über die Wertungsweise des Qualifyings diskutiert. Ebenso lange schienen die beiden Sportchefs im Pressezentrum Seite an Seite zu stehen - und ähnlich leise, aber leidenschaftlich zu debattieren wie einst in Barcelona 2007. Während Haug nach dem Abbruch des Qualifyings auf eine Wertung der zweiten, abgebrochenen Session pochte, bestand Dr. Wolfgang Ullrich auf eine Wertung der ersten - und damit auf das Reglement.
Betretene Mienen und die gleichen Worte auch bei der Pressekonferenz. Mit der Wertung der für Mercedes weit ungünstigeren ersten Session wollte sich Haug nicht abfinden. "Aus meiner Sicht geht es nicht klar aus den Regeln hervor, dass in diesem Fall die erste Session maßgeblich ist. Das ist nicht die Art und Weise, wie Fairplay aus Sicht von Mercedes-Benz gehandelt werden sollte. Wäre es anders herum, hätte ich genauso argumentiert", führte Norbert Haug aus - während der Audi-Sportchef seine Nerven auf eine harte Probe gestellt sah.
Eindeutiges Reglement
"Ich kann die Diskussionen nicht verstehen", sagte Dr. Wolfgang Ullrich später im Gespräch mit der adrivo Sportpresse - um mit einem Augenzwinkern die Argumentation seines Mercedes-Kollegen aufzunehmen: "Natürlich kann man darüber diskutieren, ob diejenigen, die im zweiten Qualifying vorne waren, auch zum Schluss noch die Schnellsten gewesen wären." Doch nicht nur mit Galgenhumor kontert Ullrich die Vorwürfe des Mercedes-Sportchefs.
"Wenn so etwas passiert, dann muss man ins Reglement schauen und sieht die eindeutige Lösung. Sportlich ist es, das Sportliche Reglement zu akzeptieren", richtet Ullrich an Norbert Haug. "Den Vorwurf, das sei kein Fairplay, kann ich nicht gelten lassen. Wir haben ein Reglement, und das haben wir uns nicht von Audi-Seite ausgedacht. Die Rennleitung hat das Reglement umzusetzen."
Sinnvolles Reglement?

Dr. Wolfgang Ullrich spricht sich gegen eine Diskussion um eine Änderung von Artikel 48.5 aus - jenen Artikel, der im Falle eines Sessionabbruchs die letzte beendete Session als maßgeblich für das Qualifying-Ergebnis ansieht. Den Forderungen Norbert Haugs erteilt er damit eine Absage: "Es macht sehr wohl Sinn, im Falle einer abgebrochenen Session die Session für das Ergebnis heranzuziehen, die beendet wurde. Dort hatte jeder bis zum Schluss seine Möglichkeiten. Alles andere wäre Lotterie." Tatsächlich hatten in Session 1 alle Piloten eine ähnliche Anzahl an Runden absolviert - anders als im folgenden Durchgang.
Ob Norbert Haugs Bedauern, ein solcher Vorfall könne am Ende über die Meisterschaft entscheiden, verständlich sei? Wiederum antwortet der Audi-Sportchef: "Ich kann den Vorwurf nicht nachvollziehen, denn wir beginnen gerade die zweite Saisonhälfte und fahren erst morgen ein Rennen. Da können genug Dinge passieren. Man muss akzeptieren, dass diese Entscheidung einwandfreier Teil der Meisterschaft ist."
An der Entscheidung, das Qualifying endgültig abzubrechen, hatte Dr. Wolfgang Ullrich ohnehin nie einen Zweifel - hatten doch selbst der Pilot des Rettungshubschraubers und der Fahrer des Safety-Cars mit ähnlichen Sichtproblemen zu kämpfen wie die Piloten. "Hier muss man schnell entscheiden, denn wir haben gesehen, dass hier die Autos bei Aquaplaning nicht mehr zu bremsen sind. Gerade in der ersten Kurve besteht Aquaplaninggefahr - das muss man akzeptieren." Den Ablauf der entscheidenden Minuten schildert er so:
Kontakt zu den Regelhütern
"Es gab den Kontakt zur Rennleitung. Wir wurden gefragt, wie wir eine Nichtfortsetzung des Qualifyings sähen", beschreibt der Österreicher. "Ich habe der Rennleitung mitgeteilt, dass ich das Risiko, dass etwas passiert, für sehr groß halte. Was Herr Haug gesagt hat, weiß ich nicht." Auch Dr. Ullrich hat mit einem neunten Startplatz für Tabellenführer Timo Scheider einen Wermutstropfen zu beklagen, den er gerne weiter vorne gesehen hätte und mit Platz vier im zweiten Teil auch kurzfristig dort sah.
Ebenso wie die Zuschauer, die nach einer Serie nur mäßig spannender Rennen die von 2007 gewohnte Action herbeisehnen, freut sich der Audi-Sportchef auf die morgigen Auswirkungen der durcheinandergewürfelten Startaufstellung: "Diese Startaufstellung ist eine Mischung, mit der wir nicht gerechnet haben. Sportlich ist Mike Rockenfeller im Jahreswagen auf Rang zwei das Salz in der Suppe, das wir uns schon das ganze Jahr gewünscht haben..."

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